4-Tage-Woche in Deutschland – ein Modell für die Zukunft?

Morning Briefing mit Holger Schäfer, Senior Economist für Beschäftigung und Arbeitslosigkeit am Institut der deutschen Wirtschaft

Der Fachkräftemangel stellt Betriebe vor
herausfordernde Situationen. Durch immer weniger Mitarbeiter können Teile des
Produktionsprozesses nicht mehr gewährleistet werden. Gleichzeitig verstärkt
sich der Wunsch der Arbeitnehmer in Deutschland nach kürzeren Arbeitszeiten und
damit mehr Freizeit. In der
Diskussion kommt immer wieder das Modell einer 4-Tage-Woche auf. Dem Tenor
mancher Studien nach soll
mit einer verkürzter Arbeitszeit, gleichzeitig die Work-Life Balance und die
Produktivität der Arbeitnehmer gesteigert werden. Wie sehen die bisherigen
wissenschaftlichen Erkenntnisse zu diesem Arbeitsmodell aus und ist dies auch in Deutschland
darstellbar? Die Sektion Villingen-Schwenningen/Donaueschingen begrüßte Holger
Schäfer, Senior Economist für Beschäftigung und Arbeitslosigkeit am Institut
der deutschen Wirtschaft, zu einem digitalen Morning-Briefing, um diese
Thematik zu erörtern.

Nach einer Begrüßung durch Sektionssprecher Gerrit
Woerner begann Schäfer mit seinen Ausführungen. In Deutschland findet momentan überwiegend das klassische Modell einer
5-Tage-Woche bei voller Arbeitszeit in den Unternehmen Anwendung. Der Trend
entwickelt sich allerdings hin zu einem Wunsch nach einer
Arbeitszeitverkürzung. Das Problem bei einer kürzeren Arbeitswoche besteht jedoch darin, dass in Deutschland eine
gesetzliche Höchstarbeitszeit von 10 Stunden besteht. Diese ist bei vier
Arbeitstagen und bei einer gleich bleibenden Vollarbeit schwer umsetzbar. Daher
arbeitet aktuell die Mehrheit der Beschäftigten 10-30 Stunden auf vier Tagen in
der Woche verteilt. Der Wunsch nach weniger Arbeit besteht in der Gruppe Gutverdienender schon länger. Diese können es
sich oftmals finanziell leisten,
weniger zu arbeiten. Bei den geringverdienenden Arbeitnehmern mit einer niedrigeren Qualifikation liegt
der Wunsch hingegen nach einer Arbeitszeitverlängerung. Das Problem besteht
darin, dass beide Gruppen sich nicht ausgleichen, um die Produktivität in einem
Betrieb zu erhalten.

In Island und Großbritannien wurden zwei Studien
durchgeführt, die die Auswirkungen einer 4-Tage-Woche auf die Produktivität
sowie die Wertschöpfung der beteiligten Unternehmen untersuchten. Schäfer führt aus,
dass aus den Ergebnissen keine erhöhte Produktivität bei einer
Arbeitszeitverkürzung abzuleiten ist. Diese wurde im Studiendesign nicht
konsistent gemessen. Die Produktivität konnte in vielen Fällen oftmals nur
durch eine Reorganisation der Prozesse durch kürzere Meetings, sowie
Kaffeepausen oder teilweise auch durch Überstunden durch die Beschäftigten gehalten
werden. Die Umsätze der Unternehmen konnten in dem Zeitraum durch diese
zusätzlichen Maßnahmen gehalten oder sogar gesteigert werden. Die Auswahl der
beteiligten Unternehmen in beiden Ländern ist nicht aus allen Branchen
zusammengesetzt, wodurch die Repräsentativität fehlt. Die beiden Studien lassen
also nur bedingt Rückschlüsse auf die Auswirkungen einer 4-Tage-Woche in der
Arbeitswelt zu.

Laut ökonomischen Berechnungen müssen in den
Unternehmen bei einer vollständigen Verkürzung der Arbeitswoche auf vier Tage,
die Produktivitätsreserve um 25% gesteigert werden, um die Wertschöpfung zu
halten. Dieser Wert ist laut Schäfer nur sehr schwer zu erreichen, da die gleiche
Arbeitsleistung
oftmals bei kürzerer Arbeitszeit nicht erreicht werden kann. Die in den 80er
Jahren begonnenen Digitalisierungsprozesse haben ebenfalls nicht zu einer
deutlichen höheren Produktivität in der Arbeitswelt geführt. In Deutschland
entwickelt sich ein demografisches Problem, sodass bis zum Jahr 2030 eine Lücke
von über 4 Millionen Arbeitskräften bestehen wird. Ein Teil der Lösung muss
Fachkräftezuwanderung sein, da die junge Generation diese Lücke nicht alleine
schließen kann. Diese wurde bisher über Zuwanderung aus vor allem osteuropäischen Ländern gelöst.
Viele Staaten in der Region haben jedoch in der Zukunft das gleiche Problem. Er
kritisiert den oftmals fehlenden gemeinsamen Konsens innerhalb der Politik, um
geeignete Lösungen für die Maßnahmen zu finden.

In der anschließenden Fragerunde ist die hohe
Teilzeitquote in Deutschland angesprochen worden. Dieser Befund spricht gegen
die Anwendung des neuen Models, zumal es aufgrund des demografischen Problems
eine höhere Vollbeschäftigungsquote oder eine Anhebung des Rentenalters
braucht. Anreize für eine höhere Vollzeitquote der Beschäftigten könnten hier
Lohnsteuersenkungen sein, damit sich
auf dem Gehaltszettel die vermehrte Arbeit wiederspiegelt. Die
Teilnehmer des Morning Briefings haben den Eindruck, dass die Arbeitnehmer eine
flexible Ausgestaltung ihrer Arbeitszeit schätzen. Der Gesetzgeber sollte
hierfür bessere Voraussetzungen für die flexiblere Gestaltung zulassen, indem
etwa die Höchstarbeitszeit von 10 Stunden pro Tag dehnbar ausgelegt wird. Aufgrund
des Fachkräftemangels sind die Arbeitnehmer momentan in einer besseren
Verhandlungssituation nach Forderungen zur Verkürzung der Arbeitszeit. Die
Gewerkschaften haben das Thema momentan nicht prioritär auf ihrer Agenda, da
der Inflationsausgleich eine wichtigere Rolle in den Tarifverhandlungen spielt.

Schäfer prognostiziert, dass es unter den aktuellen
Bedingungen schwierig darstellbar ist, die Arbeitswoche zu verkürzen. Schlussendlich
ist es eine gesamtgesellschaftliche Diskussion, inwiefern die Frage nach mehr
Arbeit und höheren Wohlstand sowie Konsum oder weniger Arbeit und dafür mehr
Freizeit beantwortet wird.