Berufsorientierung in Zeiten des Fachkräftemangels

Unternehmen in allen Branchen klagen über zu wenig
Fachpersonal, um wirtschaftlich effektiv arbeiten zu können. Der
Fachkräftemangel ist eine Gefahr für den wirtschaftlichen Standort in
Deutschland, da mit Renteneintritt der starken Babyboomer-Jahrgänge vermehrt
Arbeitnehmer fehlen werden. Besonders gravierend ist der Personalmangel in der
Gesundheitsbranche, bspw. bei Pflegekräften. Hier fehlen laut Prognosen bis zum
Jahr 2030 bis zu 300.000 Fachkräfte, die für die Versorgung einer alternden
Gesellschaft existentiell sind. Aus der Politik kommen deshalb vermehrt
Initiativen, schon verstärkt in allen Schulformen für jüngere Altersklassen
verpflichtende Berufsorientierung anzubieten. Ist die frühzeitige
Berufsorientierung ein geeignetes Mittel, um den Fachkräftemangel zu begegnen
und welche kurzfristigen Lösungen bieten sich für dieses Problem an? Die
Sektion Stuttgart begrüßte die beiden Referentinnen Theresa Schopper,
Ministerin für Kultur, Jugend, und Sport in Baden-Württemberg, und Prof. Dr.
Regina Nolte, Geschäftsführerin Kolping Gesundheitsschulen GmbH, in den
Räumlichkeiten der Kolping Gesundheitsschule in Stuttgart.
Nach einer Begrüßung durch Sektionssprecher Steffen Beck
begann Schopper mit dem ersten Impuls, dieses Thema aus der Sichtweise der
Politik zu erörtern. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist bedingt durch den
demographischen Wandel nicht positiv. Immer weniger Schulabgänger sind
zukünftig als Arbeitskräfte verfügbar, während vermehrt Arbeitnehmer in den
nächsten Jahren in Rente gehen werden. In den Schulen sinkt außerdem leider das
Leistungsniveau, sodass ein vermehrter Teil der Schülerschaft in den
Vergleichsuntersuchungen nicht mehr die Mindeststandards in Lesen, Rechnen und
Schreiben erfüllt. Dieses Defizit will die Politik durch intensive Förderprogramme
aufholen. Länder wie Kanada sollen als Vorbild für die Investition in Bildung
und auch die Integration von Zuwanderern an Schulen dienen. Die
Kultusministerin betont, dass bewährte Mittel, wie die
Schuleingangsuntersuchung weiterhin als wichtige Anker bestehen bleiben, damit
auch hier schon der Stand der Kinder erhoben wird.

Ein probates Mittel von Seiten der Politik zur Behebung
dieses Problems ist außerdem die frühzeitige Berufsorientierung an allen
weiterführenden Schulformen. Diese ist im Fach Wirtschaft an den
allgemeinbildenden Gymnasien angesiedelt. Für die Zukunft wird eine
strategische Zusammenarbeit mit Unternehmen forciert, die mit den Schulen
Partnerschaften eingehen. Schopper erhofft sich dadurch, dass unter den
Schülern auch das Interesse für nicht akademische Berufe geweckt wird. In den
letzten Jahren ist eine deutliche Zunahme von Studenten an den Universitäten zu
erkennen, von denen jedoch vielen nach dem 1. oder 2. Semester das Studium
abbrechen. Die ganzen Maßnahmen sollen wissenschaftlich begleitet und evaluiert
werden, um daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Erfolgreiche Maßnahmen
haben gleichzeitig auch einen positiven Effekt auf den Arbeitsmarkt und die
Wirtschaft.
Der darauffolgende Impuls von Prof. Dr. Regina Nolte ging
auf die Sichtweise der Bildungsträger zu dieser Thematik ein. Die größten
Engpassberufe auf dem deutschen Arbeitsmarkt sind in der IT, Ingenieur und der
Gesundheitsbranche zu finden. Viele Unternehmen in diesem Bereich haben
Probleme, offene Stellen schnell zu besetzen, was mit Effizienzeinbußen im
Arbeitsprozess einhergeht. Vor allem in der Gesundheitsbranche wird der Mangel
durch eine alternde Bevölkerung in der Pflege und bei Landärzten durch eine
unzureichende Versorgung schon aktuell sichtbar. Die Politik ist hier gefordert,
die Attraktivität durch bessere Arbeitsbedingungen sowie finanzielle
Rahmenbedingungen zu erhöhen.

Vor allem in der jüngeren Bevölkerung sieht Nolte ein
Problem. Die „Generation Z“ hat andere Anforderungen an den Arbeitgeber und
legt einen deutlichen Wert auf ihre Work-Life Balance. Sie fühlen sich nicht
mehr an ihre Arbeitsstelle gebunden und fordern schon sehr früh gute
Karriereperspektiven. Gleichzeitig wird auch das hohe Anspruchsdenken sowie
eine oftmals fehlende Allgemeinbildung bemängelt, sodass auch bei Berufseinsteigern
oder Auszubildenden Grundanforderungen im sozialen und mathematischen Bereich
nicht mehr erfüllt sind.
In der Diskussion ist die Wichtigkeit der Bedeutung der
Berufsorientierung in den Schulen aus dem Plenum ebenfalls hervorgehoben
worden. Die Schaffung passender Rahmenbedingungen ist eine Aufgabe der Politik,
damit für den Arbeitsmarkt vermehrt das Interesse an nicht-akademischen Berufen
in den Mangelbranchen geweckt wird. Der Stellenwert der Real- und Hauptschule/Werkrealschule
muss wieder in der Gesellschaft erhöht werden, damit die Kinder die optimal auf
sie zugeschnittene Förderung erhalten. Dabei sollen Initiativen zusammen mit
den Jobcentern etwa in Form der Ermöglichung von Praktika weiter geführt
werden, die sich an die Schulformen neben den allgemeinbildenden Gymnasien
richten. Die Bewältigung der durch den demographischen Wandel
geschaffenen Probleme wird eine gemeinschaftliche Aufgabe der Politik, der
Wirtschaft und der Gesellschaft sein.