Gendergerechte Sprache – welchen Einfluss hat die Diskussion über das Gendern auf die Gesellschaft?
Binnen-I,
Doppelpunkt, Unterstrich
oder mit Sternchen – dies sind nur einige der vielen Möglichkeiten, mit denen in
den letzten Jahren der Versuch einer gendergerechten Sprache unternommen wurde. Um das Gendern ist
eine gesellschaftliche Diskussion entbrannt, da Minderheiten laut Meinung der
Befürworter immer noch zu wenig
Sichtbarkeit im geschriebenen Wort haben. Das Netzwerk der Frauen im
Wirtschaftsrat lud deshalb zu einer Podiumsdiskussion mit den beiden
Journalisten Johanna Henkel-Waidhofer, Korrespondentin für Landespolitik
Baden-Württemberg, und
Dr. Daniel Deckers, Verantwortlicher Redakteur des Ressorts „Die Gegenwart“ der Frankfurter
Allgemeinen Zeitung,
in die Räumlichkeiten der Kanzlei Heuking Kühn Luer Wojtek in Stuttgart ein. Die Moderation
übernahm Dr. Stefan Hofmann, Landesbeauftragter und Leiter Politisches
Bildungsforum Baden-Württemberg der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Nach einer kurzen Begrüßung durch die Sprecherin des
Netzwerks der Frauen, Dr. Anne de Boer, begann eine lebhafte Diskussion. Zu
Beginn zeigten die beiden Journalisten ihren Standpunkt auf. Waidhofer
erläuterte, dass die Sichtbarmachung von Minderheiten in der Sprache eine lange
Geschichte vorzuweisen hat. Sie ist keine Freundin von verpflichtenden Regeln
zum Gendern, aber die Gesellschaft sollte Möglichkeiten finden, dass in der
deutschen Sprache eine Gleichberechtigung ermöglicht wird. Deckers hielt
dagegen, dass die Sprache auch in ihrer schriftlichen Form eine Form der
Verständigung untereinander ist. Der deutsche Rechtschreibrat hat dazu Regeln
geschaffen, die die Grundlagen für das Erlernen bilden. Das Brechen der Regeln
mit neuen Satzzeichen wird durch die Befürworter ausschließlich moralisch
begründet und verkompliziert die Anwendung im schlimmsten Fall für alle.
Sprache hat immer eine emotionale Dimension und die
Handhabung ist ein gesellschaftlicher Aufgabenbereich. Die Akzeptanz von
sprachlichen Neuerungen ist ein wichtiger Baustein für deren Etablierung.
Waidhofer plädiert deshalb dafür, den Menschen die Entscheidung für oder gegen
Gendern im Alltag selbst zu überlassen. Sie sieht im Gendern auch ein
sprachliches Innovationspotential. In staatlichen Institutionen sind jedoch die
offiziellen Regeln der deutschen Sprache anzuwenden, da diese eine Vorbildwirkung
für die Menschen haben. Deckers gibt zu bedenken, dass es gendergerechte
Sprache für bspw. Migranten erschweren könnte, am gesellschaftlichen Diskurs
teilzunehmen. Sprache sollte deshalb immer für jeden verständlich, wiederholbar
sowie reproduzierbar sein.
Aus dem Publikum kamen weitere Beiträge, die beide
Sichtweisen abdeckten. Die sprachlichen Regeln sollen innerhalb der
Gesellschaft ausgehandelt werden, da diese schlussendlich die Anwender sind. Es
kam der Vorschlag zur Schaffung von Geschlechtergerechtigkeit eine Mischform in
Texten zu verwenden, sodass sich die männliche und weibliche Form von Wörtern abwechseln.
Frauen werden somit auch ohne Genderzeichen in der geschriebenen Sprache
sichtbar gemacht. Die Verringerung der Diskriminierung von Minderheiten in der
Sprache ist das finale Ziel, das es zu erreichen gilt.
Es kam der Einwand, dass in einigen Umfragen für eine
Mehrheit der Befragten die Genderdebatte keine wichtige Rolle spielt. Die Frage
wurde in den Raum geworfen, ob hier nur eine kleine Minderheit besonders laut
in diesem Diskurs ist. Deckers griff dieses Argument auf und führte es weiter
aus. Der Diskurs über das Gendern wird vor allem von einer Elite getragen und
viele Menschen aus anderen Milieus finden keinen Zugang dazu bzw. haben
fehlendes Verständnis für dieses Thema. Aktuell gibt es elementar wichtigere
gesellschaftliche Themen, die für die Menschen eine entscheidendere Rolle
spielen. Jedoch sollen laut Henkel-Waidhofer vermehrt Anstrengungen unternommen
werden, diese Thematik in allen Milieus sichtbar zu machen und die Menschen
dort zu erreichen.
Die Kontroverse der Argumente ist während der Veranstaltung
deutlich geworden und diese Thematik eignet sich für gesellschaftlich
kulturelle Diskussionen. Jedoch ist auch zum Schluss die offene Frage im Raum
geblieben, ob diese Thematik für alle in der Gesellschaft einen wichtigen Platz
einnimmt und hier nicht nur ein Diskurs der Bildungselite stattfindet.