Globalisierung reloaded - wie sollen Unternehmen und Staat auf den Russland-Schock 2022 reagieren?

Morning Briefing mit Prof. Dr. Dalia Marin, Professorin für Internationale Wirtschaft an der TUM School of Management der Technischen Universität München.

Im digitalen Morning Briefing der Sektion Heilbronn, moderiert durch den Sektionssprecher Dr. Raid Gharib, stellt die Referentin zunächst fest, dass die Globalisierung
auf dem Rückzug sei. Dies sei allerdings nicht erst seit dem russischen
Angriffskrieg auf die Ukraine, sondern vielmehr bereits seit der Finanzkrise
der Fall. Besonders diejenigen Unternehmen hätten seither ihre Produktion aus
dem Ausland zurückverlagert, die menschliche Arbeitskraft durch einen Roboter
ersetzen könnten. Die niedrigen Zinsen seit der Finanzkrise hätten zudem
Investitionen in Roboter erleichtert. Dass Deutschland durch den Rückgang des
Offenheitsgrads ärmer werde, stehe für Prof. Marin fest.

Mit dem Rückzug der Globalisierung und der Schwächung der
Lieferketten gehe auch der Welthandel insgesamt zurück. Dennoch sei die
Globalisierung nicht am Ende, man verzeichne aber auf jeden Fall eine stärkere
Regionalisierung. Unternehmen, die ihre Produktion nicht komplett
zurückverlagern könnten, diversifizieren ihre Produktion in verschiedenen
Regionen. Bemerkbar sei vor allem ein Rückzug der Lieferketten aus dem
asiatischen Bereich und eine verstärkte Zulieferaktivität in Osteuropa. Dual-Sourcing
sei die Devise.

Daran schließt Prof. Dr. Marin mit ganz praktischen Tipps
für Unternehmen an, wie sie sich in einer zunehmend unsicheren Welt aufstellen
können. Essenziell sei dabei die schon genannte Diversifizierung – statt auf
einen Zulieferer zu setzen, sollten, wenn möglich, zwei bis drei
Zuliefererbeziehungen parallel bestehen. Besonders die vorgelagerten Zulieferer
müssten so sicherer gemacht werden. Bei manchen Zuliefererprodukten brauche es
jedoch auch den Staat, denn die Konzentration von Chip- oder Batterieproduktion
im asiatischen Bereich, stelle eine durchaus heikle Situation dar. Als Reaktion
wurde beim vergangenen G7 Gipfel ein stärkerer Produktionsaufbau in den USA und
in Europa beschlossen.

In Bezug auf die Energiekrise stellt Prof. Marin fest, dass
die Unternehmen in den vergangenen Jahren stark von den niedrigen Preisen
profitiert hätten. Durch die aktuelle Situation würde sich nun die Wettbewerbssituation deutscher
Unternehmen denen anderer Länder angleichen. Die Referentin geht allerdings
davon aus, dass Russland nicht langfristig als Energielieferant ausfallen wird.
Außerdem sei Deutschland eine sehr
anpassungsfähige Volkswirtschaft, weshalb sicherlich Wege aus der Krise gefunden
würden. Ein Ansatz sei, wie bereits genannt, die Neustrukturierung der
Vorleistungsstruktur – diese Diversifizierung gelte jedoch nicht nur für einzelne
Unternehmen, sondern auch für den Staat. Dass dies auch erkannt wird, zeige
bspw. der European Chips Act. Jedoch bestehe bei derart hohen Förderungen auch
die Gefahr von Fehlinvestitionen, wie man bspw. bei Chinas Investitionen in KI
sehen könne. Subventionen sollten, so schließt Prof. Marin, bedacht gewählt
werden. So sehe man, dass durch die massive Förderung Teslas durch die
Biden-Administration, der Standort in Brandenburg an Attraktivität verliere.
Ein Subventionswettbewerb müsse unbedingt vermieden werden. Dennoch deute
vieles darauf hin, dass es zu einem Wettrennen Europas und den USA um die
Subventionierung von Chips und grüner Technologie kommen werde. Prof. Marin
mahnt dennoch an, dass Unternehmen sich nicht zu sehr auf den Staat verlassen
dürften, sondern entweder selbst ihre Vorleistungen produzieren oder vermehrt
Lagerbestände aufbauen müssten – es gilt in Zukunft mehr just in case als just
in time.

Dennoch wagt sie auch einen positiven Ausblick und kommt auf
den Brain Drain aus Russland zu sprechen. Hier sieht sie eine Chance, dass
hochqualifizierte Fachkräfte nach Deutschland kommen, wenn die richtigen
Anreize gesetzt werden. Weiter erkennt sie ein Potenzial an
Produktivitätsgewinnen, das bislang nicht voll ausgeschöpft wird. Durch den
Einsatz von Robotern könnten nicht nur Menschen durch Maschinen ersetzt werden,
sondern komplett neue Möglichkeiten erschlossen werden.