Sektion Böblingen/Sindelfingen/Leonberg: Digitalisierung und Transformation in den regionalen Medien

Die Röhm Verlag & Medien GmbH lud zu einem Austausch über Qualität, politische Förderung und Herausforderungen für Lokalzeitungen ein.

Im Zuge einer Betriebsbesichtigung lud die Röhm Verlag
& Medien GmbH die Mitglieder der Sektion Böblingen/Sindelfingen/Leonberg zu
einem Austausch über Qualität, politische Förderung und Herausforderungen von
Lokalzeitungen ein.

Vor rund 25 Gästen leitete Dr. Alexander Sommer,
Sprecher der Sektion Böblingen/Sindelfingen/Leonberg, in die Veranstaltung ein.
Dr. Christian Röhm, Geschäftsführer der
Röhm Verlag & Medien GmbH, Dr. Matthias Miller MdL, Ordentliches Mitglied
im Ausschuss des Inneren, für Digitalisierung und Kommunen, und Hans-Jörg Zürn,
Verlagsleiter und Chefredakteur, gaben informative Einblicke in die politische wie
wirtschaftliche Situation von Lokalzeitungen.

20-04-23 Digitalisierung Medien

Dr. Christian Röhm nutzte dabei den Anlass, um auf die
weiterhin schwierige Situation der Lokalzeitungen hinzuweisen: Gestiegene
Kosten, zu wenig politische Förderung, gesunkene turn rates und die Marktmacht
von Google & Co. sind dabei nur ein paar wenige der vielen Faktoren, die den
Verlagen in Krisenzeiten zu schaffen machen. Die Erhaltung des freien
Lokaljournalismus ist dabei ein besonders wichtiger Faktor, um in solchen
Zeiten die Bevölkerung auch im ländlichen Gebiet hinreichend zu informieren. Wichtig
sei aber auch, dass für guten Journalismus weiterhin eine Zahlungsbereitschaft bestehe.
Eine freie Zeitung dürfe kein Massenwerbungs-Medium werden. Anreize für die
Zahlungsbereitschaft der Kunden schaffe die unabhängige Lokalpresse durch ihre
Ausstrahlung und Authentizität sowie ihre lokale Verbundenheit.

Die konsequente Digitalisierung kann hierbei helfen,
da eine unbegrenzte Menge an „Raum“ zur Verfügung steht, interaktive Elemente
eingefügt werden können und die Möglichkeit besteht, Audio und Video zu
integrieren. Algorithmen sorgen dafür, dass Artikel Schärfe und Klarheit
erhalten. Somit muss jeder Artikel zwingend so formuliert werden, dass ein
potenzielles Abo und in der Folge ein Langzeitkunde entstehen kann. Zwar sind
Print-Abos im Moment noch wichtiger, werden aber eher als „Startrampe“
angesehen, um die „Rakete“, also das Zeitalter der digitalen Medien,
vorzubereiten.

Hierbei spielt auch die Politik eine wichtige Rolle.
Ihre Aufgabe sei es, diese „Startrampe“ zu verlängern und lokale Verlage zu
entlasten. Dies gehe unter anderem mit einer Zustellungsförderung, wodurch die
Meinungsfreiheit in ländlichen Gebieten gewahrt bliebe. Gerade in Zeiten, in
denen bei gleichen Erlösen gestiegene Werbekosten hinzukommen, beispielsweise wenn
Influencer bezahlt werden wollen, muss die Politik den lokalen Verlagen unter
die Arme greifen.

20-04-23 Digitalisierung Medien 1

Auch eine rigorose Umgestaltung innerhalb der Verlage
ist erforderlich. Hierbei hat die Röhm Verlag & Medien GmbH ein internes
Konzept, das „Team Polarstern“, ins Leben gerufen. Dieses zielt auf eine
komplette Digitalfinanzierung der Röhm Verlag & Medien GmbH ab und
koordiniert die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Verlagen. Es bedarf rund
10.000 digitale Abos, damit die Redaktion finanziert werden kann. Zum Schluss
forderte Dr. Christian Röhm eine Stärkung des Urheber- und Kartellrechts.
Hierbei nutzen Google, Facebook & Co. ihre Marktsituation aus und Urheberrechtsverfahren
verlaufen zunehmend im Sande. Die Politik müsse dies ausbessern und lokale
Unternehmen besser in Schutz nehmen.

Im Anschluss führte Dr. Matthias Miller MdL aus, dass
ein direkter Eingriff der Politik in die Presse sich immer als schwierig
gestaltet. Gleichzeitig betonte er, wie wichtig die lokale Presse auch für
junge Menschen sei. Laut einer Umfrage informieren sich 72 % der Jugendlichen
über die Lokalpresse, wobei besonders Instagram ein steigender Absatzmarkt sei.
Als Beispiel für die Wichtigkeit zeigte er auf, dass der Verlust der
Lokalpresse in den USA innerhalb der jeweiligen Countys zu mehr Rechtsverstößen
aufgrund fehlender Transparenz geführt hat.

Er erläuterte zudem, dass gestiegene
Zustellungskosten, aufgetreten etwa durch die Mindestlohnerhöhung, dazu führen
könnten, dass Verlage ihre Zustellung in entlegene Gebiete komplett einstellen.
Hierbei könne eine Zustellungsförderung der Bundesregierung für Abhilfe
schaffen, damit Verlage entlastet und die Menschen in ländlichen Regionen
weiterhin erreicht werden können. Obwohl die Unterstützung für die Digitalisierung
der Verlage mit 180 Millionen Euro schon von der letzten Koalition veranschlagt
worden ist, wurde jenes Vorhaben vom Bundesrechnungshof zerlegt, da angeblich
keine dringende Notwendigkeit für das Vorhaben bestehe. Hierbei bedarf es mehr
Druck aus der Politik, um eine Zustellungsförderung einzuführen.

Auch das Spannungsfeld öffentlicher Rundfunk und
Lokalpresse thematisierte Dr. Miller. Dabei geht es um den rechtlichen
Verantwortungsbereich zwischen beiden Parteien. Beispielsweise darf der
öffentliche Rundfunk nur dann schriftliche Beiträge abgeben, wenn sie mit dem
Programm des öffentlichen Rundfunks korrelieren. Schreibt der öffentliche
Rundfunk allerdings Texte, die in keiner Korrelation zu einem von ihm
abgegebenen Beitrag stehen, so ist dies rechtswidrig. Als Beispiel nannte Dr.
Miller „NewZone“ des SWR, das gezielt auf junge Menschen abzielt und eigene
Inhalte ohne Zusammenhang zu Beiträgen des SWR erstellt. Dagegen haben die
Verlage geklagt und Recht bekommen. Der juristische Rahmen für dieses
Spannungsfeld, müsse aber eindeutiger geklärt und einzelne
Verantwortungsbereiche besser definiert werden.

Abschließend folgte eine Führung durch die Druckerei
der Röhm Verlag & Medien GmbH und ein Get together, bei dem sich unsere
Mitglieder in entspannter Atmosphäre über die gegebenen Denkanstöße austauschen
konnten. Wir bedanken uns herzlich bei Dr. Christian Röhm, Dr. Matthias Miller
und Hans-Jörg Zürn für die Gastfreundschaft und die gegebenen Impulse!