Braucht Wiesbaden einen neuen Stadtteil?
Die Wiesbadener Stadtregierung hat 2020 beschlossen,
im Ostfeld einen neuen Stadtteil für 8.000 bis 12.000 Einwohner entstehen zu
lassen und so die Stadt zu erweitern. Die Entscheidung für den Ausbau des
Ostfeldes ist allerdings auf Basis von steigenden Bevölkerungszahlen in
Wiesbaden gefallen. Bis ins Jahr 2020 sind die Einwohnerzahlen auch stetig
angestiegen – im Durchschnitt zogen 2.000 Personen nach Wiesbaden. Allerdings
gibt es seit den Coronajahren ab 2020 einen gegenläufigen Trend. Die im Zuge
der Pandemie steigenden Möglichkeiten von HomeOffice und anderen neuen
Arbeitsmodellen haben zu einem Umdenken bei den Arbeitnehmern geführt. Der
Trend zum Wohnen und Arbeiten auf dem Land hat in den letzten Jahren stark
zugenommen. Zudem kommen steigende Kosten für Miete und Lebenshaltungskosten
hinzu, welche naturgemäß höher im urbanen Raum sind als auf dem Land.
Neue erst vor kurzem veröffentliche Prognosen zur
Bevölkerungszahl des Statistischen Landesamtes Hessen sagen ein Schrumpfen der
Wiesbadener Einwohnerzahl voraus. Demnach wird für Wiesbaden ein Rückgang von
4,1 Prozent bis 2050 vorausgesagt. Vor diesem Hintergrund stellt der Vorstand
der Sektion Wiesbaden die aktuellen Pläne zur Erschließung des Ostfeldes für einen
neuen Stadtteil in Frage. „Wir müssen uns fragen, ob das Festhalten an Plänen,
welche auf prognostizierten Einwohnerzahlen aus 2018 - 2020 basieren, noch
sinnhaft sind“, so Andreas Steinbauer, Sektionssprecher Wiesbaden. „Das Projekt
Ostfeld wird von vielen politischen wie privaten Parteien kritisiert und
hinterfragt. Sollte das Stadtparlament jetzt nicht, auch vor dem Hintergrund
der aktuellen Bevölkerungsprognosen, erst einmal die Reißleine ziehen und
andere Optionen prüfen?“
Steinbauer, selber in der Immobilienbranche tätig,
schlägt vor, dass die Stadtregierung Wiesbadens erst einmal Optionen der
Stadtverdichtung prüft. „Die Stadt Wiesbaden bietet derzeit noch viele
Möglichkeiten, um mögliche neue Einwohner mit Wohnraum zu versorgen. Der Markt
wird die Nachfrage mit entsprechenden Angeboten – auch im Eigentumssegment –
regeln. Eine Einmischung der Politik in die Wirtschaft ist kontraproduktiv.
Politik sollte die Rahmenbedingungen setzen und nicht selber als
Wirtschaftsakteur tätig werden.“ Auch vor dem Hintergrund der aktuell
steigenden Preise bei den Baurohstoffen, hohen Zinsen für Kredite sowie
Fachkräftemangel auch in der Baubranche ist die Nachfrage nach Wohneigentum
derzeit rückläufig. „Derzeit kann die Bau- und Immobilienbranche noch nicht
abschätzen, wann die aktuelle Situation sich erholt und Familien wieder in
eigenes Wohneigentum investieren werden.“
Allerdings befürwortet der Wiesbadener
Sektionsvorstand die Pläne zur Zusammenlegung aller derzeitigen über die ganze
Stadt verteilten BKA-Abteilungen in ein Hauptquartier am Stadtrand. Dadurch
werden in der Stadt Wiesbaden Räume frei, welcher einer neuen Nutzung zugeführt
werden können. Auch die Bereitstellung von Gewerbeflächen im Bereich
Ostfeld/Kalkofen finden Zustimmung, da bereits ansässige Unternehmen die
Möglichkeit erhalten, in den Standort zu investieren und zu wachsen oder aber
neue Unternehmen in die Region geholt werden können.