Fachkräftesicherung – Fokus auf das Nötige, Machbare und Erreichbare
Das
Unternehmernetzwerk Familienunternehmen und Mittelstand des Wirtschaftsrats
Hessen lud Vertreter aus Politik und Wirtschaft zur Paneldiskussion über die
Ursachen der Schwierigkeiten von Unternehmen bei der Fachkräftesicherung
insbesondere auch im Handwerk ein. Diskussionsteilnehmer waren Bernd
Ehinger, Ehrenpräsident der Handwerkskammer
Rhein-Main; Heiko Kasseckert MdL,
Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft Energie, Verkehr und Wohnen des hessischen
Landtags und Andreas Falk,
Geschäftsführender Gesellschafter, FK Logistik Spezialtransporte &
Betriebsumzüge GmbH & Co. KG. Moderiert wurde die Diskussion von Erhard
Seeger, Geschäftsführer der 100% RE IPP
GmbH & Co. KG und Sprecher des Unternehmernetzwerkes Familienunternehmen
und Mittelstand des Wirtschaftsrats Hessen.
Als Gründe für den inzwischen branchenübergreifenden akuten Mangel an
qualifizierten und qualifizierungsfähigen Arbeitskräften haben die Panellisten
übereinstimmend eine verfehlte Bildungspolitik und die jahrzehntelang
ignorierten Folgen der Demographie benannt. Die infolge der PISA-Studien
angestoßene Akademisierung zulasten des dualen Bildungswegs für praktische
Berufe im Handwerk und produzierenden Gewerbe treffen Unternehmen der
Handwerksbranche weitaus härter als andere Branchen.
Diese Folgen lassen inzwischen mangels ausreichender Handwerkerzahlen
politisch gewünschte Projekte wie die Energie- und Wärmewende völlig
illusorisch erscheinen, da es an den erforderlichen Kapazitäten im Handwerk für
die Umsetzung fehlt. So sind die durch die neue Bundesregierung in Berlin
formulierten Zielvorgaben, wie etwa 400.000 neue Wohnungen jährlich zu bauen,
oder 500.000 Wärmepumpen pro Jahr zu installieren, nicht zu erreichen.
Die Teilnehmer sind sich einig, dass
ein fundamentaler Kurswechsel dringend erforderlich ist. Primär muss die
Bildungspolitik von der weiteren Akademisierung zu einer Stärkung der
praktischen Ausbildung umsteuern. Hierzu bedarf es einer entsprechenden
Korrektur der Lehrpläne in den Schulen, so muss der Werk- und Handarbeitsunterricht
wieder Pflichtfach werden. Ebenfalls wird eine Werbeoffensive benötigt,
die Schülerinnen und Schüler die Vorteile, Verdienst- und
Entwicklungsmöglichkeiten in handwerklichen Berufen näher bringt. Dazu bietet
sich auch eine intensivere Vernetzung zwischen Schulen, Handwerkskammern,
Verbänden, Unternehmen und Handwerksbetrieben an. Dies stärkt auch wieder das seit vielen
Jahren ständig sinkende Image von praktischen bzw. handwerklichen Berufen und
hilft so, mehr junge Menschen für diese Branchen zu gewinnen, die derzeit –
häufig fehlgeleitet und mit einer hohen Abbrecherquote – an die Fachhochschulen
und Universitäten streben. Hierbei gilt es die vielen Vorzüge dieser Berufe herauszustellen.
„Es muss wieder klarwerden, dass die Gesellschaft die Handwerker
zwingend braucht und dies keine geringerwertige Ausbildung im Vergleich zu
einer akademischen Ausbildung ist. Darüber hinaus gilt es, die Durchlässigkeit
der Ausbildungswege viel stärker als bisher zu betonen. Der
handwerkliche Beruf und dessen Bedürfnisse muss dringend und umgehend
bildungspolitisch höchste Priorität erhalten, damit er für junge Menschen
wieder eine attraktive Alternative zum heutigen Standardweg Abitur und Studium
wird. Ein wichtiger Ansatz hierfür ist eine deutlich zu steigernde gesellschaftliche
Anerkennung der Kombination eines Schulabschlusses und einer Berufsausbildung,
die bei Eignung und Wunsch auch später noch den Weg an die Fachhochschule oder
Universität ermöglicht,“ erläutert Andreas Falk, Geschäftsführender
Gesellschafter, FK Logistik Spezialtransporte & Betriebsumzüge GmbH &
Co. KG.
Erhard Seeger, Sprecher des Unternehmernetzwerks Familienunternehmer
und Mittelstand des Wirtschaftsrats Hessen, führt weiter aus: „Der
jahrzehntelang verschlafene demographische Wandel trifft die
umlagenfinanzierten deutschen Sozialversicherungssysteme bereits jetzt hart.
Die Situation wird sich auch aufgrund der nun sukzessive in Rente gehenden
geburtenstarken Jahrgänge weiter drastisch verschlechtern, ohne dass die
Politik durch entsprechende Reformen im Sozialversicherungsrecht gegensteuert.
Problematisch ist seit Einführung der sog. Hartz-Reformen, dass Erwerbstätige,
die zu ihrem Lohn zusätzlich Arbeitslosengeld II als sogenannte „Aufstocker“
erhalten, wegen nicht aufeinander abgestimmter Förder- und Unterstützungsregeln
überlegen müssen, ob sie tatsächlich mehr arbeiten wollen, wenn sie dadurch am
Ende des Monats nicht mehr oder gar weniger netto auf dem Konto haben.“
Als weitere Schlüssel zur Verbesserung der Situation wurde die aktive und
gezielte Anwerbung von qualifizierten und qualifizierungsfähigen und -willigen
Arbeitskräften im Ausland identifiziert. Wichtig ist allerdings die Vermeidung
einer Kannibalisierung der ausländischen Arbeitsmärkte. Zusätzlich muss die
klare Vorgabe des Spracherwerbs, der für eine Integration im Arbeitsmarkt
unverzichtbar ist, beachtet werden.
Dagegen führt die Sozialpolitik der Ampelkoalition, die jüngst
die Abschaffung der Sanktionen für Hartz IV-Empfängerbeschlossen hat, in die
Irre. Um dem massiven Arbeitskräftemangel im Bereich der unqualifizierten und
gering qualifizierten Tätigkeiten - wie beispielsweise im Gastronomie- und
Veranstaltungsbereich - zu begegnen, senden diese politischen Entscheidungen
die falschen Signale.
„Statt abstrakter politischer
Vorgaben, die im politischen Überbietungsprozess ständig verschärft werden,
bedarf es wieder eines Blicks für das Nötige, Machbare und Erreichbare“,
erklärt Andreas Falk abschließend.
Als Grundlage für diese
Veranstaltung diente das Positionspapier „Fachkräftesicherung für Hessen“ der
Landesfachkommission Mittelstandspolitik. Das Papier finden Sie hier.