Frankfurt braucht mehr Mut zur Innovation

Die Sektion Frankfurt diskutierte über die Voraussetzungen für ein starkes Innovationsökosystem, die Bedeutung von Kapital und die Chancen des Rhein-Main-Gebiet

Deutschland verfügt über Forschung auf Weltklasseniveau, schöpft das wirtschaftliche Potenzial daraus aber noch nicht ausreichend aus. Bei der Finanzierung und der Gründung innovativer Unternehmen besteht eine deutliche Lücke zu den USA und anderen Staaten. Darüber waren sich die Referenten bei einer Veranstaltung der Sektion Frankfurt des Wirtschaftsrats Hessen einig. Im Mittelpunkt standen die Bedingungen für erfolgreiche Innovationen, die Rolle von Start-ups und die Frage, wie Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet im internationalen Wettbewerb an Sichtbarkeit gewinnen können.

Charlie Müller, Founder und Managing Director der Futury GmbH, stellte die Arbeit der 2015 gegründeten Start-up-Plattform vor. Futury versteht sich als „Factory“ für junge Unternehmen und begleitet Gründer entlang der gesamten Entwicklungskette – von der ersten Idee bis zum Aufbau eines tragfähigen Geschäftsmodells. Dafür verfügt das Unternehmen über ein breites Netzwerk aus 35 Industriepartnern, vier Hochschulpartnern, mehr als 70 Investoren und über 150 Mentoren.

Müller betonte, dass Deutschland bei der Forschung hervorragend aufgestellt ist, bei der Ausgründung wissenschaftlicher Erkenntnisse jedoch deutlich hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Die Bundesregierung hat dieses Problem erkannt und erste Gegenmaßnahmen eingeleitet. Entscheidend bleibt aus Müllers Sicht jedoch, ein leistungsfähiges Ökosystem für Start-ups aufzubauen. Dieses lasse sich aus seiner Sicht nicht einfach kaufen, wie im Falle von Heilbronn, sondern müsse gemeinsam mit starken Partnern entwickelt werden.

Im Rhein-Main-Gebiet sieht Müller großes Potenzial, aber auch strukturelle Defizite. Das Ökosystem sei stark fragmentiert und überschreite bislang nicht die kritische Größe, welche andere deutsche Städte bereits erreicht haben. Mit der hessischen Start-up-Strategie hat das Land einen wichtigen Schritt gemacht, um dies zu ändern. Müller sieht die weitere Entwicklung aber vor allem als Aufgabe der Akteure vor Ort. Die Wirtschaft müsse selbst Verantwortung übernehmen und Netzwerke schaffen. Von der Politik forderte er keine zusätzlichen Maßnahmen, wichtig ist vielmehr, dass die Novelle des Hochschulgesetzes endlich umgesetzt und das „Gießkannenprinzip“ bei der Förderung eingestellt wird, da dies zu nichts führt.

Stephanie Renda, Hessische Landessprecherin des Startup-Verbands und Co-Founder von Moinland, rückte die Perspektive der Gründer in den Mittelpunkt. Start-ups wollen als ernstzunehmende Wirtschaftsfaktoren wahrgenommen werden und nicht als vorübergehender „fancy Trend“. Zugleich gewinnt die Zusammenarbeit zwischen jungen Unternehmen und etablierten Firmen an Bedeutung, wird aber häufig auch als kritisch und unrentabel betrachtet.

Ein zentrales Problem bleibt der Zugang zu Kapital. Nach Rendas Angaben flossen im letzten Jahr lediglich 3,4 Prozent des deutschen Start-up-Kapitals nach Hessen, während Berlin mehr als 41 Prozent auf sich vereinte. Sie begründete dies, mit der größeren internationale Sichtbarkeit der Hauptstadt. Hessen holt jedoch spürbar auf.

Prof. Dr. Christian Duve, Mitglied des Vorstandes der Business Angels FrankfurtRheinMain e. V., erläuterte die Bedeutung privater Investoren für die Entwicklung junger Unternehmen. Je mehr erfolgreiche Gründungsgeschichten Frankfurt vorweisen kann, desto attraktiver wird die Stadt für weitere Start-ups. Fehlen solche Erfolgsgeschichten, entscheiden sich Gründer häufig anhand von Kostenfaktoren und anderen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für einen anderen Standort.

Prof. Dr. Florian Wasser, Senior Scientist bei Focused Energy Inc., gab Einblicke in die Entwicklung eines innovativen Start-ups-Unternehmens und die Entscheidung für das Rhein-Main-Gebiet als Standort. Wasser machte aber zugleich auch auf die Defizite bei der Nachwuchsförderung aufmerksam. Gerade für Zukunftstechnologien wie die Kernfusion fehlt es in Deutschland an ausreichenden Angeboten zur Förderung junger Talente, insbesondere an den Hochschulen. Ohne qualifizierte Fachkräfte und eine starke Verbindung zwischen Forschung und Wirtschaft lässt sich technologische Spitzenleistung aber nicht langfristig in Deutschland in wirtschaftlichen Erfolg übersetzen.

Die Diskussion zeigte: Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet verfügen über hervorragende Voraussetzungen für ein leistungsfähiges Innovationsökosystem. Damit daraus international wettbewerbsfähige Unternehmen entstehen, braucht es jedoch mehr als gute Forschung. Kapital, unternehmerischer Mut, verlässliche Netzwerke und eine engere Zusammenarbeit zwischen Hochschulen, Start-ups und etablierten Unternehmen sind entscheidend. Der Wirtschaftsstandort Rhein-Main hat dabei große Chancen – muss sein Potenzial aber konsequenter nutzen.