Steigende Kosten, Inflation und Fachkräftemangel – Gibt es in Deutschland eine Lohn-Preis-Spirale?

Diskussion des Netzwerks Arbeit 4.0

Kann man in Deutschland angesichts steigender Energie-
und Lebensunterhaltskosten, Inflation und den Kampf um Fachkräfte mittlerweile
von einer Lohn-Preis-Spirale sprechen? Diese Frage stellte das Netzwerk Arbeit
4.0 des Wirtschaftsrates Hessen den auf dem Podium vertretenden Arbeitnehmern
und –gebern.

Zunächst informierte Spyros
Andreopoulus,
Chefvolkswirt der BNP Paribas S.A., die Teilnehmer, dass die derzeitige
Inflation eine angebotsgetriebene Inflation ist, welche „in der Regel sehr
kurzlebig sind und in sich schon ihr eigenes Ende tragen.“ Allerdings hätten
sich der Finanzsektor und die Wirtschaft angesichts der Lage ein schnelleres
Handeln der Europäischen Zentralbank gewünscht.

DGB-Bezirksvorsitzender Michel Rudolph will momentan noch nicht von einer
Lohn-Preis-Spirale sprechen, da „alle Tarifverhandlungen nicht über der
Inflation von 10 Prozent liegen.“ Er selber hält eine Einmalzahlung an
Arbeitnehmer auch nicht für sinntragend. „Alle Gewerkschaftler benötigen eine
Lohnerhöhung in der Tabelle. Bei der Auszahlung von nur einer Einmalzahlung
droht eine ständige Aufreibung in Verhandlungen zwischen Arbeitgeber und
–nehmerseite.“ Angesicht der realen Gefahr des Arbeitsplatzverlustes kommt für
die Gewerkschaften dem staatlichen Handeln eine große Bedeutung zu. Für Rudolph
ist das Ende aber noch lange nicht in Sicht.

Kai Uwe
Gotthardt,

Geschäftsführer eines mittelständischen Maschinenbauunternehmens mit 22 Mitarbeitern
aus dem Lahn-Dill-Kreis, berichtete, dass bei ihm in der Region die Löhne
ständig angepasst werden müssen, nicht nur aufgrund der Inflation und
gestiegenen Preise. „Im Lahn-Dill-Kreis herrscht ein hoher Druck durch die
starke Konkurrenz und den akuten Fachkräftemangel. Meine Mitarbeiter werden
deswegen bereits überdurchschnittlich bezahlt, da sie sonst zu anderen großen
Unternehmen abwandern würden.“ Gotthardt findet, dass die Einmalzahlung ein
gutes Instrument ist, um den Mitarbeitern angesichts der hohen Kosten zu
helfen. „Aber welches Unternehmen kann sich das noch leisten?“, hinterfragte
der Unternehmer gleichzeitig. „Ich bin eigentlich immer sehr optimistisch
gewesen, aber auch bei mit schwindet der Optimismus gerade. Ich weiß nicht, wo
die Reise noch hingehen wird.“

Präsident des kommunalen Arbeitgeberverbandes in
Hessen, Dr. Bastian Bergerhoff,
vertritt ein sehr heterogenes System aus großen und kleinen sowie sehr diversen
kommunalen Unternehmen. Ähnlich wie Gotthardt findet er die Einmalzahlung ein sehr
gutes Mittel, um sofort zu helfen. „Wie wir ja von Herrn Andreopoulus gehört haben, ist die Inflation
endlich.“ Für Bergerhoff ist klar, dass Bund und Länder über die Zeit bis
Krisenende helfen müssen, aber für ihn ist auch genauso klar, dass sie nicht
die einzigen Helfer bleiben können. „Gleichzeitig müssen wir auch den akuten
bereits angesprochenen Fachkräftemangel bekämpfen. Dabei wird auch mehr Lohn
keine Abhilfe leisten können.“

Derzeit sehen Arbeitgeber
und Arbeitnehmer keine Planungssicherheit – weder für große noch für kleine
Unternehmen. Zwar bringen der Gaspreisdeckel und ggf. der Strompreisdeckel
wieder etwas mehr Planbarkeit, aber viele Unternehmen zögern mit Investitionen,
ob in Forschung, Infrastruktur oder Mitarbeiter. „Ich bin dankbar, dass die
Bundesregierung die Möglichkeit der Kurzarbeit verlängert hat“, so Gotthardt
abschließend. „Ich müsste sonst Mitarbeiter entlassen, welche ich dann aber
wahrscheinlich nicht wieder zurückkriege, wenn die Krise überstanden ist.“

Alle Diskutanten waren
sich am Ende einig darin, dass eine der wichtigsten Aufgaben für die Zukunft
der Kampf gegen den Fachkräftemangel sein muss. Die momentane Situation aus
gestiegenen Kosten und Inflation wird ein Ende haben. Dem Arbeitnehmer wird
dabei durch die Krise geholfen werden – ob mit einer Einmalzahlung oder eines
dauerhaften Lohnanstieges. Aber der Fachkräftemangel wird auch danach für die
Wirtschaft und die Arbeitgeber ein großes Problem darstellen. Hier könnten ein
qualifiziertes Einwanderungsgesetz, attraktive Ausbildungsangebote und kürzere
sowie effizientere Genehmigungsprozesse in den Behörden aus Sicht der
Podiumsteilnehmer helfen.