Stromversorgung im Rhein-Main-Gebiet: Zwischen wachsendem Bedarf und drohender Versorgungslücke
Wie kann das Rhein-Main-Gebiet seinen steigenden Strombedarf künftig decken und
gleichzeitig Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit gewährleisten?
Diese Frage stand im Mittelpunkt einer Veranstaltung der Sektion Offenbach des
Wirtschaftsrates Hessen zum Thema „Diskrepanz zwischen zukünftigem
Energieangebot und -bedarf“. Sektionssprecher Thomas Günther machte in seiner
Einführung deutlich, dass die zunehmende Elektrifizierung von Verkehr, Wärme,
Industrie und Digitalisierung die Stromversorgung zu einer zentralen Standortfrage mache.
Gerade für das Rhein-Main-Gebiet sei diese Entwicklung von besonderer Bedeutung.
Als wichtiger Standort für digitale Infrastruktur und Rechenzentren werde der
Strombedarf der Region voraussichtlich weiter steigen. Gleichzeitig verliefen
der Ausbau von Erzeugungskapazitäten, Netzen und Speichern vielfach langsamer
als erforderlich. Die zentrale Frage ist daher, ob das Stromangebot künftig mit
dem steigenden Bedarf Schritt halten könne.

Diese Frage diskutierten René Rock MdL, energiepolitischer Sprecher der Hessischen FDP-Landtagsfraktion,
Christian Stewens, Bereichsleiter Energiebeschaffung der ENTEGA AG, sowie
Carola und Marcus Unterleider, Geschäftsführung der Unterleider Medien GmbH.
Die Panelisten zeichneten ein angespanntes Bild der aktuellen und künftigen
Stromversorgung. Bereits heute könnten nicht mehr alle Anforderungen der
Industrie und der privaten Haushalte erfüllt werden. Zusätzliche
Ladeinfrastruktur und weitere Elektrifizierungsprozesse erhöhten den Druck auf
die Netze. Mit der Abschaltung des Kraftwerks Biblis sei zudem die Abhängigkeit
des Rhein-Main-Gebiets von Stromtransporten aus anderen Bundesländern
gestiegen.
Kritisch wurde insbesondere die Entwicklung der Strompreise bewertet. Die deutlich
niedrigeren Stromkosten in anderen Staaten, wie z. B. der USA, verschärften den
internationalen Wettbewerbsdruck und erschwerten Investitionen in Deutschland.
Um einer weiteren Deindustrialisierung entgegenzuwirken, müsse Strom wieder
wettbewerbsfähig und bezahlbar werden. Auch zusätzliche Belastungen wie die
CO₂-Bepreisung wurden als Wettbewerbsnachteil diskutiert.

Gleichzeitig wurde deutlich, dass der Ausbau neuer Erzeugungskapazitäten allein nicht
ausreichen werde. Neben neuen Gaskraftwerken müsse insbesondere die
Netzinfrastruktur im Rhein-Main-Gebiet ausgebaut werden. Lange Planungs-,
Genehmigungs- und Lieferzeiten erschwerten jedoch eine schnelle Umsetzung. Bei
wichtigen Komponenten wie Transformatoren könnten Lieferzeiten von bis zu
sieben Jahren entstehen.
Auch die Versorgungssicherheit stand im Mittelpunkt. Die Risiken nähmen zu, während
die Steuerung der Netzstabilität durch den Umbau des Energiesystems komplexer
werde. Krisenszenarien der Bundesnetzagentur zeigten, dass mögliche
Versorgungsengpässe inzwischen systematisch betrachtet und kalkuliert würden.
In der Diskussion mit dem Publikum entwickelte sich ein intensiver Austausch über
den künftigen Energiemix. Zahlreiche Wortmeldungen machten deutlich, wie
emotional das Thema inzwischen diskutiert wurde. Neben der Frage nach den
notwendigen Erzeugungskapazitäten standen insbesondere wirtschaftliche und
regulatorische Rahmenbedingungen im Mittelpunkt. Diskutiert wurde, wie
Investitionen in die Infrastruktur beschleunigt und Anreize für Netzbetreiber
verbessert werden könnten.