Wirtschaft im Wandel: Warum Unternehmensnachfolge zur Gemeinschaftsaufgabe wird
Beim Unternehmerabend
der Sektion Darmstadt-Dieburg diskutierten Vertreter aus Wirtschaft, Politik
und Finanzwesen, wie Unternehmensnachfolge gelingen kann – und warum gerade
jetzt ein neues Verständnis von Verantwortung und Zukunft nötig ist.
Unternehmensnachfolge
wurde beim Unternehmerabend des Wirtschaftsrates in Darmstadt nicht als
Abschluss, sondern als Übergang betrachtet – für die Unternehmerpersönlichkeit
wie auch für das Unternehmen selbst. Fabian
Schmidt, Partner beim Nachfolgekontor, schilderte, dass seine tägliche
Arbeit sich mit genau diesem Übergang beschäftige. Er verwies darauf, dass in
Deutschland in den kommenden zwei Jahren rund 200.000 Unternehmen eine
Nachfolge regeln müssten. Viele davon seien jedoch nicht ausreichend vorbereitet,
und oftmals fehle es an einem tragfähigen Geschäftsmodell für die Zukunft.
Auch
Verena Müller, Mitglied der
Geschäftsleitung der Commerzbank AG, beleuchtete die Herausforderungen aus
Sicht der Finanzierung. Die Commerzbank verstehe sich zwar als Bank des
Mittelstands, doch gestalte sich die Finanzierung einer Nachfolge in der Praxis
oft schwierig. Zwar bestehe im Unternehmen häufig ein erheblicher
wirtschaftlicher Wert, allerdings sei eine vollständige Fremdfinanzierung in
der Regel nicht möglich. Realistisch seien etwa 60 bis 80 Prozent – der Rest
müsse über Eigenkapital oder durch Förderprogramme aufgebracht werden.
Ein
sehr persönliches Beispiel brachte Thomas
Büchner ein – Inhaber der Günther Büchner Fertigrasen GmbH. Als
Geschäftsführer in zweiter Generation sei er mit der aktiven Regelung seiner
eigenen Nachfolge konfrontiert. Seine Kinder hätten sich bewusst gegen das
Unternehmen entschieden – aus Respekt vor der Verantwortung und dem hohen
Zeitaufwand. Rückblickend betonte Büchner, dass er sich gewünscht hätte, früher
mit der Nachfolgeplanung begonnen zu haben. Besonders wichtig sei ihm, dass
eine Nachfolge nicht aus familiärem oder emotionalem Druck heraus geschehe –
der freie Wille der nächsten Generation stehe an erster Stelle.
Peter Franz, Rechtsanwal und Mitglied des
Hessischen Landtags, warb für ein neues gesellschaftliches Klima, das
wirtschaftlichen Erfolg und unternehmerisches Handeln wieder positiver
bewertet. Zwar seien in Hessen bereits politische Initiativen angestoßen
worden, wie etwa die Schaffung eines eigenen Ministeriums zur Reduzierung von
Bürokratie. Doch noch mangele es in der Gesellschaft am Verständnis dafür, dass
wirtschaftlicher Erfolg mit Verantwortung und nicht mit Egoismus gleichzusetzen
sei. Aus seiner Sicht müsse ein kultureller Wandel stattfinden, der
Unternehmertum als wichtigen Beitrag zur Gesellschaft anerkenne.
In
der offenen Diskussion rückten weitere strukturelle Aspekte in den Fokus. Es
wurde betont, dass Start-ups zwar neue Arbeitsplätze schaffen, gelungene
Nachfolgen jedoch bestehende sichern – was für den Wirtschaftsstandort ebenso
essenziell sei. Auch die Bedeutung der Bildung wurde mehrfach hervorgehoben:
Junge Menschen müssten früher mit unternehmerischen Denkweisen und
Verantwortung in Berührung kommen, um Nachfolge als attraktive Möglichkeit
wahrzunehmen.
Einigkeit
bestand darin, dass Unternehmensnachfolge nicht als rein privatwirtschaftliche
Angelegenheit betrachtet werden dürfe. Vielmehr handle es sich um eine
gesamtwirtschaftliche Aufgabe, die von Politik, Bildungseinrichtungen,
Finanzinstituten und Unternehmen gemeinsam angegangen werden müsse. Der
Unternehmerabend endete mit einem klaren Appell: Der Mittelstand steht nicht
vor dem Aus, doch er muss sich neu erfinden – und dafür braucht es Mut,
Weitsicht und ein modernes Verständnis von Verantwortung, das über Generationen
hinaus trägt.
Wir
bedanken uns bei der Commerzbank AG
in Darmstadt für die freundliche Unterstützung der Veranstaltung.