10. Norddeutscher Wirtschaftstag - Zukunftsregion Norddeutschland – innovativ, pragmatisch, klar

Mehr als 400 Teilnehmer beim 10. Norddeutschen Wirtschaftstag in Lübeck

 

ManyMany Motion GmbH

Wie kann Norddeutschland seine wirtschaftlichen Stärken nutzen, widerstandsfähiger werden und im Wettbewerb der Regionen an Bedeutung gewinnen? Mehr als 400 Vertreter aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft kamen am 15. September 2026 zum 10. Norddeutschen Wirtschaftstag in der Kulturwerft Gollan in Lübeck zusammen, um über diese Themen zu diskutieren. Unter dem Leitmotiv „Zukunftsregion Norddeutschland – innovativ, pragmatisch, klar“ rückten die fünf norddeutschen Landesverbände des Wirtschaftsrates zentrale Zukunftsfragen der Region in den Mittelpunkt. Gastgeber war in diesem Jahr der Landesverband Schleswig-Holstein.


Zur Eröffnung warb Dr. Christian von Boetticher, Landesvorsitzender des Wirtschaftsrates in Schleswig-Holstein, für mehr Optimismus und forderte die Unternehmerinnen und Unternehmer auf, selbst Mutmacher zu sein. Norddeutschland müsse seine Chancen als Technologie- und Innovationsstandort, als Standort der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie sowie als Energieerzeugungsregion konsequent nutzen. Zugleich gelte es, durch geeignete politische Rahmenbedingungen die Chancen eines enger zusammenwachsenden Ostseeraums für Wachstum und Wohlstand zu erschließen.


Astrid Hamker, Präsidentin des Wirtschaftsrates, richtete den Blick auf die bundespolitischen Herausforderungen. Sie forderte die Bundesregierung auf, Reformbedarfe konsequent anzugehen, die Belastung kommender Generationen im Blick zu behalten und insbesondere die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu stärken. Entscheidend sei, Deutschland wieder auf einen nachhaltigen Wachstumskurs zu bringen.


Versorgungssicherheit beginnt vor der Krise


Wie krisenfest ist die Lebensmittelversorgung in Deutschland? Dieser Frage widmete sich das erste Panel zur Agrar- und Ernährungswirtschaft. Frauke Patzke, Staatssekretärin im Niedersächsischen Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Rolf Lange, Geschäftsbereichsleiter Unternehmenskommunikation/Public Affairs der EDEKA ZENTRALE Stiftung & Co. KG, Kim Cheng, Geschäftsführerin der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie e. V., und Henning Rodekohr, Geschäftsführender Gesellschafter der VILSA-BRUNNEN Otto Rodekohr GmbH, diskutierten über globale Abhängigkeiten, Kostendruck und die Voraussetzungen für eine souveräne Lebensmittelversorgung. Moderiert wurde das Panel von Anja Zerbin.


Deutlich wurde dabei die notwendige Unterscheidung zwischen Souveränität und Autarkie. Eine Abschottung von internationalen Märkten könne nicht das Ziel sein. Vielmehr gehe es darum, Wertschöpfungs- und Lieferketten so resilient zu gestalten, dass sie auch unter schwierigen Bedingungen funktionieren. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre hätten gezeigt, wie eng Lebensmittelversorgung, Energie, Wasser, Logistik und Infrastruktur miteinander verbunden sind. Störungen in einem Bereich können schnell weitere Teile der Versorgungskette erfassen.


Vorsorge müsse deshalb bereits vor einer Krise beginnen. Neben verlässlichen staatlichen Rahmenbedingungen seien Notfallpläne der Unternehmen, alternative Lieferwege und eine stärkere Eigenvorsorge erforderlich. Auch die Bevölkerung müsse stärker für die eigene Rolle in Krisensituationen sensibilisiert werden. Zugleich wurde auf einen zentralen Zielkonflikt hingewiesen: Zusätzliche Lagerhaltung, Redundanzen und Notfallstrukturen verursachen erhebliche Kosten. Versorgungssicherheit ist damit nicht allein eine organisatorische, sondern auch eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Frage.

 


Kultur und Sport als Wirtschafts- und Standortfaktor


Parallel richtete das Panel „Event-, Olympia- und Festivalstandort Norddeutschland“ den Blick auf die kulturelle Vielfalt und die Veranstaltungswirtschaft im Norden. Anette Röttger MdL, Sprecherin für Kultur, Religion, Ernährung und Verbraucherschutz der CDU-Fraktion im Schleswig-Holsteinischen Landtag, Ilona Jarabek, Geschäftsführerin der Musik- und Kongresshalle Lübeck, Malte Siegert, 1. Vorsitzender des NABU Hamburg, Philipp Dornberger, Geschäftsführer der Kieler Woche Marketing GmbH und Leiter des Referats Kieler Woche, sowie Martin Murawski, Geschäftsführer des VfL Lübeck-Schwartau, diskutierten unter der Moderation von Johannes Everke, Geschäftsführer des Bundesverbandes für Konzert- und Veranstaltungswirtschaft.


Die Diskussion machte deutlich, welche gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung Kultur-, Sport- und Großveranstaltungen für Norddeutschland haben. Zugleich stehen Veranstalter durch stark gestiegene Kosten für Energie, Personal, Technik und Sicherheit unter erheblichem Druck. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der ökologischen Verantwortung von Großveranstaltungen und der Frage, wie Nachhaltigkeit stärker in Planung und Durchführung berücksichtigt werden kann.


Aus politischer Perspektive wurde dafür geworben, Veranstaltungen stärker als Wirtschafts- und Standortfaktor wahrzunehmen. Als Herausforderung erweisen sich dabei insbesondere unterschiedliche Zuständigkeiten von Ministerien sowie die Aufgabenverteilung zwischen Ländern, Kommunen und Veranstaltern.


Marktwirtschaftliche Energiewende braucht verlässliche Regeln


Im anschließenden Energiepanel diskutierten Tobias Goldschmidt, Minister für Energiewende, Klimaschutz, Umwelt und Natur des Landes Schleswig-Holstein, Dr. Frank Reiners, Finanzvorstand der EWE AG, Ove Petersen, CEO von GP JOULE, Marc Wallraff, CEO von LichtBlick SE, Dr. Christoph Jansen, Prokurist der HanseWerk AG, sowie Prof. Dr. Andreas Löschel von der Ruhr-Universität Bochum. Die Moderation übernahm Prof. Dr. Stefan Liebing, Geschäftsführer der Conjuncta GmbH und Vorsitzender der Landesfachkommission Energie- und Rohstoffwirtschaft des Wirtschaftsrates in Schleswig-Holstein.


Im Zentrum stand die Frage, wie Versorgungssicherheit, wettbewerbsfähige Energiepreise und Rentabilität miteinander verbunden werden können. Diskutiert wurde dabei auch die Rolle des Staates: Einerseits wurde für möglichst wenige Eingriffe in den Energiemarkt plädiert, andererseits brauche die Transformation langfristig verlässliche politische Rahmenbedingungen, damit Unternehmen Investitionsentscheidungen treffen könnten.


Schleswig-Holstein verfüge beim Ausbau erneuerbarer Energien bereits über eine starke Ausgangsposition. Um diese Stärke wirtschaftlich nutzen zu können, müssten Erzeugung, Netze und Verbrauch jedoch stärker zusammengedacht werden. Netzausbau, langwierige Genehmigungsverfahren und die Abstimmung zwischen Netzbetreibern blieben zentrale Herausforderungen.


Zugleich ging es um die im internationalen Vergleich hohen Energiekosten und deren Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit. Als Ansatzpunkte wurden ein größeres Angebot erneuerbarer Energien, stärkere Elektrifizierung, Entlastungen bei der Stromsteuer sowie mehr Wettbewerb diskutiert. Denn die Transformation reiche weit über die Stromerzeugung hinaus: Auch Industrie, Wärme und Verkehr müssten zunehmend elektrifiziert werden. Als Voraussetzungen für eine marktwirtschaftliche Energiewende kristallisierten sich damit ein zügiger Netzausbau, weniger Bürokratie, funktionierender Wettbewerb und vor allem Planungssicherheit heraus.


Resilienz als gesamtgesellschaftliche Aufgabe


Die veränderte Sicherheitslage stand anschließend im Mittelpunkt des Panels zur Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft. Vivian Tauschwitz MdB, Mitglied im Verteidigungsausschuss des Deutschen Bundestages, Kapitän zur See Kurt Leonards, Kommandeur des Landeskommandos Hamburg, Tim Krabbes, Head of Sales bei Rheinmetall Electronics GmbH, Mark Siever, Director Corporate Affairs & Business Development bei German Naval Yards Kiel GmbH, und Johannes Peters, Leiter der Abteilung Maritime Strategie und Sicherheit am Institut für Sicherheitspolitik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, diskutierten unter der Moderation von Markus Beer, Chief Sales Officer Autonomous Systems bei EUROATLAS GmbH und Vorsitzender der Landesfachkommission Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft des Wirtschaftsrates in Schleswig-Holstein.


Eine zentrale Botschaft lautete: Resilienz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Sie betrifft nicht allein die Bundeswehr, sondern ebenso Unternehmen, kritische Infrastruktur und die Bevölkerung. Neben militärischen Fähigkeiten müsse deshalb auch das Bewusstsein für mögliche Krisenlagen gestärkt werden.


Für die Wirtschaft seien verlässliche politische Rahmenbedingungen und Planungssicherheit von besonderer Bedeutung. Unternehmen müssten Kapazitäten langfristig planen und im Bedarfsfall vorhalten können – und dies betreffe nicht ausschließlich klassische Unternehmen der Verteidigungsindustrie. Schnellere Verfahren und langfristige Perspektiven seien deshalb wichtige Voraussetzungen für den Aufbau zusätzlicher Fähigkeiten. Im Austausch mit dem Publikum wurden darüber hinaus die Ausgestaltung der Wehrpflicht und die Potenziale von Dual-Use-Technologien diskutiert.


Digitale Potenziale in konkreten Nutzen übersetzen


Wie aus technologischem Fortschritt wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Nutzen entsteht, untersuchte das Panel zum Technologie- und Innovationsstandort Norddeutschland. Hansjörg Schmidt MdHB, Fachsprecher für Wirtschaft und Innovation der SPD-Fraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft, Arno Scheidereiter, Geschäftsführender Gesellschafter der neusta aerospace GmbH, Barbara Blenski, Inhaberin der INNOSHOT Innovations- und Organisationsberatung, Alexander Bläße, Sales Director der MACH GmbH, und Matthias Kohlhardt, Erster Vorsitzender der DiWiSH, diskutierten unter der Moderation von Anja Zerbin. 


Künstliche Intelligenz, Software und neue digitale Anwendungen entwickelten sich in hoher Geschwindigkeit. Entscheidend sei jedoch nicht allein das technisch Machbare. Technologien müssten sinnvoll in bestehende Prozesse integriert und von den Menschen angenommen werden. Besonders deutlich zeige sich dies bei der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung. Statt den Einsatz neuer Technologien selbst zum Erfolgskriterium zu machen, müsse stärker darauf geschaut werden, ob Bürger und Unternehmen tatsächlich von einfacheren und effizienteren Verfahren profitieren.


Mit Hochschulen, Unternehmen, Start-ups und bestehenden Netzwerken verfüge Norddeutschland über gute Voraussetzungen für einen starken Innovationsstandort. Gleichzeitig müssten Wissenschaft und Wirtschaft enger zusammenarbeiten, um Forschung und technologische Entwicklungen schneller in Anwendungen und Geschäftsmodelle zu überführen.


Auch digitale Souveränität spielte eine zentrale Rolle. Deutschland und Europa müssten bei strategisch wichtigen Technologien eigene Kompetenzen und verlässliche Strukturen erhalten beziehungsweise ausbauen. Dabei gehe es nicht um Abschottung, sondern um die Fähigkeit, zentrale Technologien und Daten eigenständig und sicher nutzen zu können.


Fünf Ideen in jeweils fünf Minuten


Nach den Panels folgte ein neues Format des Norddeutschen Wirtschaftstages: Beim erstmals veranstalteten Startup Showcase präsentierten fünf junge Unternehmen aus den fünf norddeutschen Landesverbänden in jeweils fünf Minuten ihre Geschäftsideen und Technologien. Niels Kretzschmar, CEO der WearOne GmbH, Niklas Tegtmeier, CTO der eco GmbH, Lemar Schwarz, Geschäftsführer der rencolab GmbH, Dr.-Ing. Florian Wagner, CTO der Buildlinx GmbH, und Niklas Koch, Gründer der Fermeta UG, stellten ihre Ansätze dem Publikum vor. Moderiert wurde der Showcase von Norma Jensen und Claas H. Nieraad von den Baltic Business Angels.

 


„Deutschland 2050“ gemeinsam gestalten


Höhepunkt des Abends war die Keynote von Daniel Günther, Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein. Er warb dafür, die öffentliche Debatte nicht allein auf Defizite zu konzentrieren, sondern stärker über Erfolge und Zukunftschancen zu sprechen. Deutschland brauche eine Vorstellung davon, wie das Land im Jahr 2050 aussehen solle.


Dabei nahm Günther ausdrücklich auch die Wirtschaft in die Verantwortung. Bürokratieabbau und weniger Regulierung erforderten eine neue Fehlerkultur und die Bereitschaft zu mehr Eigenverantwortung. Nicht für jedes denkbare Risiko könne der Staat vorsorglich eine Regel schaffen. Die anstehenden Veränderungen könnten nur gelingen, wenn Politik, Wirtschaft und Gesellschaft einander vertrauten und gemeinsam Verantwortung übernähmen.


Zum Abschluss übergab Dr. Christian von Boetticher symbolisch das Steuerrad des Norddeutschen Wirtschaftstages an den nächsten Gastgeber. Thies G. J. Goldberg, Landesvorsitzender des Wirtschaftsrates in Hamburg, nahm es entgegen. Damit ging ein intensiver 10. Norddeutscher Wirtschaftstag zu Ende – und zugleich der Blick voraus: 2028 wird Hamburg Gastgeber des 11. Norddeutschen Wirtschaftstages sein.