Aufbruch ins All: Raumfahrt als strategische Chance für Sachsens Mittelstand
Im Mittelpunkt unserer Online-Veranstaltung stand die Frage, warum Raumfahrt gerade jetzt zu einem strategisch interessanten Zukunftsmarkt für deutsche und insbesondere sächsische Unternehmen wird.
Unter dem Titel „Aufbruch ins All: Die unerwartete Chance für Deutschlands Unternehmer“ lud der Wirtschaftsrat Sachsen am 7. Oktober 2026 zu einer Online-Veranstaltung ein. Im Mittelpunkt stand die Frage, warum Raumfahrt gerade jetzt zu einem strategisch interessanten Zukunftsmarkt für deutsche und insbesondere sächsische Unternehmen wird. Als Referent und Gesprächspartner konnte Robert Hahn, Gründer von miriquidi.space in Dresden und ehemaliger Geschäftsführer von Beyond Gravity Dresden, gewonnen werden. Hahn verfügt über 16 Jahre Erfahrung in der Luft- und Raumfahrt- sowie Halbleiterindustrie und begleitet heute mittelständische Unternehmen beim Einstieg in den Raumfahrtmarkt. Moderiert wurde die Veranstaltung von unserem Vorstandsmitglied der Sektion Dresden, Tobias Sprenger.
Robert Hahn zeigte eindrucksvoll, wie stark sich die Branche verändert hat. Während in den 1960er Jahren technologische Impulse aus der Raumfahrt die Halbleiterindustrie vorantrieben, ist es heute vielfach umgekehrt: Fortschritte bei Chips, Sensorik, Rechentechnik und Elektronik treiben die moderne Raumfahrt. Halbleiter- und Raumfahrtmarkt beflügeln sich damit gegenseitig. Gleichzeitig wird der Staat durch den aktuellen Defence-Hochlauf zunehmend zum Ankerkunden und schafft zusätzliche Nachfrage.
Der Markt ist dabei deutlich größer, als es die öffentliche Wahrnehmung vermuten lässt. Hahn bezifferte ihn heute auf rund 600 Mrd. US-Dollar und verwies auf Prognosen, nach denen bis 2035 ein Volumen von bis zu 1.800 Mrd. US-Dollar möglich sei. Zu den zentralen Feldern zählen Navigation, Telekommunikation und Datenmanagement. Bei Satelliten spielen insbesondere die Plattform und die jeweilige Nutzlast – etwa Kamera, Radar oder Funktechnik – eine entscheidende Rolle.
(Foto: Wirtschaftsrat)
Besonders hob Hahn hervor, wer tatsächlich das Rückgrat der Raumfahrt bildet: nicht allein die bekannten Persönlichkeiten und großen Konzerne, sondern vor allem die zahlreichen Zulieferer und KMU, die im Hintergrund die technologische Basis schaffen. Auftraggeber sind unter anderem ESA und DLR; als große Systemintegratoren nannte Hahn Airbus, OHB und Thales Alenia Space. Zugleich hat sich in den vergangenen sechs Jahren eine Regelung etabliert, nach der 10 bis 15 Prozent der Programme an KMU gehen müssen. Dadurch entstehen auch direkte Zugangsmöglichkeiten für mittelständische Unternehmen.
Weitere wichtige Auftraggeber sind die Europäische Union mit Programmen wie Copernicus, Galileo und IRIS sowie die Bundeswehr, insbesondere über das BAAINBw. Hinzu kommen kommerzielle Betreiber und der Bereich New Space, in dem ebenfalls neue Geschäftsmodelle und Nachfrage entstehen.
(Foto: Wirtschaftsrat)
Strukturwandel eröffnet neue Geschäftsfelder
Der Raumfahrtmarkt befindet sich derzeit in einem grundlegenden Wandel. Satelliten werden kleiner und rücken näher an die Erde heran. Dadurch steigt die Zahl der eingesetzten Satelliten, während ihre Lebensdauer teilweise von früher rund 15 Jahren auf etwa fünf Jahre sinkt. Die Anforderungen verändern sich entsprechend. Weil Satelliten mit weniger Aufwand und damit kostengünstiger gebaut werden können, eröffnen sich neue Chancen für spezialisierte Zulieferer.
Das Spektrum möglicher Geschäftsfelder für KMU ist breit: Es reicht von Antrieben und Triebwerkstechnik über 3D-Druck, Telekommunikation, Leichtbau, Elektrik und Elektronik, Rechentechnik und Software bis hin zu Photovoltaik, Speichern, Kühltechnik, mechanischen Komponenten, Sensorik, Aktorik und Optik. Auch am Boden entstehen Wertschöpfungsmöglichkeiten – etwa bei Transport, Tests und Prüftechnik. Raumfahrt ist damit längst nicht mehr ausschließlich ein Geschäftsfeld klassischer Raumfahrtunternehmen.
Drei Gründe machen den Markt nach Hahns Einschätzung gerade jetzt zu einer strategischen Chance: Erstens wird es leichter und kostengünstiger, in den Weltraum zu gelangen. Zweitens investieren EU und Bund in den kommenden fünf Jahren mehr als 160 Mrd. Euro und geben dem Markt damit einen erheblichen Schub. Drittens eröffnen die KMU-Quoten konkrete Chancen für den Mittelstand. Zugleich werde auf europäischer Ebene verstärkt auf dezentrale Lösungen gesetzt.
(Foto: Wirtschaftsrat)
Hahn machte allerdings deutlich, dass Raumfahrt kein „Schnellboot“ ist. Zertifizierungen, Kundenzugang und relativ lange Entwicklungszeiten gehören zu den wesentlichen Einstiegshürden. Unternehmernetzwerke können beim Zugang zu Kunden und Partnern helfen. Die Unternehmensgröße spiele dagegen eine untergeordnete Rolle. Entscheidend seien technologische Kompetenz, Verlässlichkeit und vor allem hohe Qualität – denn genau diese werde vom Raumfahrtmarkt belohnt.
Sachsen besitzt wichtige Voraussetzungen
Für Sachsen ergeben sich daraus besondere Perspektiven. Das Land verfügt über eine lange Raumfahrttradition, die untrennbar mit dem Namen Sigmund Jähn verbunden ist. Inzwischen gibt es bereits Unternehmen mit Raumfahrtbezug, darunter INRADIOS, Ratlog, Morpheus Space, NEOSAT und PHYTRONIC. Hinzu kommen leistungsfähige Forschungsinstitute sowie ein international etabliertes Halbleiter-Ökosystem.
Eine besondere Chance sieht Hahn darin, die Stärken beider Branchen stärker zusammenzuführen. Mit Silicon Saxony verfügt Sachsen über einen leistungsfähigen Branchenverband und ein etabliertes Netzwerk der Halbleiterindustrie. Eine vergleichbare Vernetzung mit der Raumfahrt müsse jedoch noch stärker wachsen. Sachsen könne dabei insbesondere mit bewährter Technik, industrieller Kompetenz und einer starken mittelständischen Struktur punkten.
(Foto: Wirtschaftsrat)
Die Veranstaltung machte damit deutlich: Der Aufbruch ins All ist längst kein Thema ferner Zukunft. Sinkende Zugangskosten, steigende staatliche und europäische Nachfrage, neue Satellitenkonzepte und die wachsende Bedeutung von Defence und New Space verändern den Markt. Für Sachsens Unternehmen eröffnet sich damit ein konkretes Zukunftsfeld. Wer über hochwertige Technologien, industrielle Erfahrung und den Mut zum Markteintritt verfügt, kann von dieser Entwicklung profitieren. Die entscheidende Aufgabe besteht darin, die vorhandenen Kompetenzen von Halbleiterindustrie, Raumfahrt, Forschung und Mittelstand noch enger miteinander zu verbinden. Wir bedanken uns bei Robert Hahn für seinen zukunftsweisenden Vortrag und bleiben an dem Thema „Raumfahrt“ dran.