"Hyperinflation in Europa?"

Die Gründe dafür sind mannigfaltig. Ganz gleich, ob
Geldmarkt mit enormen Anleihekäufen indirekt durch die Notenbanken innerhalb
kürzester Zeit, Immobilienmarkt, Rohstoffmarkt, Spekulation, Krisen (Covid,
Russland-Ukraine), Trockenheit, Energiewende, die Vergemeinschaftung von
Schulden und die Abwendung von den Maastricht-Kriterien – all dies führt letztlich
in Sachsen zu Preissteigerungen von insgesamt 7,2 Prozent (April 2022), die
aber bereits Anzeichen für hyperinflationäre Entwicklungen zulassen. Denn
Heizöl hat sich im Vorjahresvergleich um 80,4%, Kraftstoff um 41,4%, Energie um
31,5%, Nahrungsmittel um 30% und Gas um 22,3% verteuert. Simon Steinbrück hat
uns einen dezidierten Ein- und Überblick in das finanzpolitische Geschehen der
USA, von Deutschland und Europa geben sowie Wege aufgezeigt, wie man aus dem
EU-Schulden-Dilemma herausfinden kann, um in der EU wieder Preise zu haben, bei
denen man von Preisniveaustabilität sprechen kann.
Versorgungssicherheit in der Energiepolitik wurde in den
letzten Jahren genauso vernachlässigt, wie die Stabilität des Euros. Heute hat
man zudem den Blick auf die Geldmenge aus den Augen verloren – eine Situation
mit einem bösen Erwachen am Ende, konstatiert Simon Steinbrück. Überall in
Europa liegt die Inflation in Europa über 2 Prozent, bei manchen Ländern
übersteigt diese sogar 10 Prozent. Die Schweiz orientiert sich geldpolitisch
eher an der FED und nicht an der EZB, um den Schweizer Franken erfolgreich stabil
zu halten.

Wirtschaftsminister Habeck – als Bundeswirtschaftsminister -
ist der Meinung, dass quantitatives Wachstum nicht mehr das Ziel der
Wirtschaftspolitik sei – wenige Monate zuvor war durch ihn zu vernehmen, dass
man mehr Mut für neue Schulden bräuchte. Das sind zwei entscheidende Denkfehler,
denn bei einem kleineren Kuchen gibt es weniger zu verteilen. Die Folge ist
Stagflation – die Kombination aus Stagnation und Inflation. Diese zu bekämpfen
heißt, aus einer Dilemmasituation heraus zu finden.
Investoren haben momentan sogar Angst davor, dass die
Zentralbanken aufhören, die Märkte mit Kapital zu überschwemmen – d.h. man hat
sich an die laxe Geldpolitik auf Pump gewöhnt und möchte, dass dieser Zug
weiterfährt. Damit wurden in der Vergangenheit große nominelle Gewinne gemacht
– dies konterkariert jedoch die Bekämpfung der Geldentwertung. Der
„Wealth-Effekt“ wirkt, da sich gestiegene Assets vor allem in Immobilien niedergeschlagen
haben, sich die inflationsgetrieben „reicheren“ Menschen gut fühlten und daraufhin
entsprechende Konsumausgaben tätigen konnten – Sparen stand hinten an.
Mittlerweile schlägt sich die Inflation aber auf nahezu alle Verbraucherpreise
nieder. Bis zum heutigen Zeitpunkt kauft die EZB munter weiter Staatsanleihen
und weitet ihre Bilanz immer weiter aus. Von einer restriktiven Geldpolitik ist
bisher noch keine Spur. Die Anomalie der Negativzinsen für Staatsanleihen mit
2-30 jähriger Laufzeit hat Deutschland und anderen EU-Staaten dadurch „reicher“
gemacht, dass sich die Staaten Geld bei der EZB geliehen haben – eine Umkehr
von marktwirtschaftlichen Prinzipien. Das ist eins der Probleme, die zur
momentanen Euro-Inflation geführt hat. In einer „normalen“ Zinswelt, wo Kredite
mit Sollzinsen einhergehen (also, wo Geldleihe Geld kostet) – was aktuell
(allerdings zu spät wieder) in der Diskussion ist – wirkt das negativ auf den Staatshaushalt
und auf den Export. Aktuell erfüllt kaum ein europäisches Land die
Schuldenstandsquote von Maastricht i.H.v. 60 Prozent.
Aufgrund der vor allem energiegetriebenen Inflation drohen
zwei bis drei Nettokaltmieten als Nachzahlung für die Miete und das bei einer
Sparfähigkeit, die für 60 Prozent der Deutschen gegen Null geht. Simon
Steinbrück sieht vor Ende 2023 keinen nennenswerten Preisrückgang und macht uns
damit wenig Hoffnung auf Besserung der Lage unter den gegebenen Umständen. Die
Produzentenpreise sind im letzten Monat enorm gestiegen, was erneut negative Auswirkungen
auf das gesamte Preisniveau entfalten wird. Die wichtigste Währung einer
Zentralbank ist Vertrauen. Dieses Vertrauen schwindet, wenn eine beginnende
Inflation als „vorübergehend“ bezeichnet, obwohl für alle Marktteilnehmer klar
war, dass dies ein dauerhaftes Problem sein wird. Permanente Ankündigungen der
Bilanzreduktion ohne Folgehandlungen haben zum Vertrauensverlust in die EZB geführt.
Letztlich führte Simon Steinbrück aber auch Auswege aus der momentanen Lage an.
Fiskalpolitisch müssen künftig die Vorhaben besser priorisiert werden. Dazu
gehört auch, klar zu wissen und zu kommunizieren, was man finanzieren kann und
was nicht. Z.B. ist eine Energiewende nicht zum Nulltarif zu haben – kurzum man
muss genau evaluieren, was man sich leisten kann und was nicht. Gelpolitisch
muss die EZB verloren gegangenes Vertrauen wieder zurückgewinnen. Hierzu gehört
eine klare Analyse der Fehleinschätzung zur Entwicklung der Inflation. Die EZB
muss zur Unabhängigkeit zurückkehren, darf keine Wirtschaftspolitik machen,
sondern muss sich wieder auf deren im Grunde einziges Ziel – die Garantie von
Preisniveaustabilität – konzentrieren. Vielen Dank, lieber Simon – wir freuen
uns darauf, dass Du uns dieses Jahr noch einmal in Sachsen persönlich besuchen
kommst. Es war ein toller Abend.