"Bildung im 21. Jahrhundert: Werden unsere Kinder angemessen auf die Zukunft vorbereitet?“

Online-Veranstaltung mit Bernd Westermeyer, Rektor des Internatsgymnasiums Roßleben

Gemeinsam mit dem ehemaligen
Leiter der Landesschule Pforta sowie der Schule Schloss Salem und jetzigem
Rektor des Internatsgymnasiums Roßleben, Bernd Westermeyer, konnten wir einen
Blick hinter die Kulissen besonderer Internatsschulen in freier Trägerschaft
werfen und uns darüber informieren, wie es gelingen kann, durch besondere
pädagogische Konzepte, gezielt Talente zu fördern und die
Führungspersönlichkeiten von morgen auszubilden. Von großem Interesse dabei
war, was sich aus Sicht von Herrn Westermeyer in Deutschland ändern sollte, um
diese „High Potentials“ über den Schulbesuch hinaus in unserem Land halten zu
können.

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Wir im Wirtschaftsrat Sachsen
sind schon seit langem daran interessiert, wie die MINT-Orientierung der
Schülerschaft beflügelt werden kann, um den qualifizierten Nachwuchs für
traditionelle und künftige Kernbereiche der industriellen Wirtschaft zu
gewinnen. Wir durften aus erster Hand etwas darüber erfahren, wie
Persönlichkeiten mit Rückgrat ausgebildet werden und wie die Übernahme von
Verantwortung bereits in der Schule zu einem wertvollen Erfahrungswert für das
spätere Berufsleben wird.

Die Hauptfrage des Abends war,
was braucht ein Kind, um heute in der komplexen Welt zu bestehen? Dabei gehen
wir immer von der deutschen Perspektive aus – es gibt aber auch andere
Perspektiven auf der Welt, auch welche, die mit weniger persönlicher Freiheit
einher gehen. Gewisse Scheidepunkte zum Aufrütteln der Welt aus jüngster
Vergangenheit waren nach Bernd Westermeyer die Wahl von Donald Trump zum
US-Präsidenten sowie der Brexit. Nunmehr haben wir Covid und den
Russland-Ukraine-Krieg mit einer weitreichenden Energie- und drohenden
Wirtschaftskrise, welche die Welt zusätzlich durcheinanderbringen. Auch die
Medienwirksamkeit von Greta Thunberg mit dem Fokus auf den Klimawandel – all
das beschäftigt insbesondere auch die Kinder/Schüler. Auch die Frage der
Massenmigration nach Europa setzt das Wertegefüge unserer Gesellschaft unter
Druck. All dies in einer bereits „durchglobalisierten“ Welt. Die Frage nach dem
Bestehen in einer komplexen Welt mit vielen Herausforderungen ist also nicht
einfach zu beantworten.

Eins ist aber Konsens: Es braucht
in jedem Fall eine fundierte schulische Ausbildung, um in diesen
interdependenten Themenkomplexen Rechnung tragen zu können. Kultusbehörden sind
nach Bernd Westermeyer, sehr selten in der Lage, um kurzfristig auf sich
veränderte Rahmenbedingungen einzustellen. Aktuell ist ein komplexer
Lehrermangel zu konstatieren, der sich nicht mehr nur auf die MINT-Fächer
konzentriert. Manche Schulen arbeiten sogar schon mit einem Unterrichtsausfall
von 30 Prozent. Das sind besorgniserregende Zustände.

Einheitlichere, schlankere
Curricula, entworfen durch interdisziplinäre, unternehmerische Teams, Software,
die einheitlich auch später im Berufsleben eine Rolle spielt, sollte bereits in
der Schule eingesetzt werden und systemisches Denken in den Vordergrund gerückt
werden. Klar ist aber auch, dass finanzielle Ressourcen eine große Rolle
spielen. Im Digitalpakt Schule z.B. wurden lediglich 5 Mrd. € gebündelt, welche
aber hauptsächlich in Equipment geflossen sind und nicht vordergründig in die
Kompetenzerweiterung der Lehrer und Schüler. Dies ist ein erster und ernst zu
nehmender Kritikpunkt am aktuellen System, der künftig korrigiert werden
sollte. Bildung sollte heute grundsätzlich neu gedacht werden, was ein
„komplettes Abräumen“ bestehender Systeme bedingen würde.

Erst als Chef einer
Internatsschule hat Bernd Westermeyer entdeckt, dass es um die Persönlichkeiten
(angelehnt an Alexander von Humboldt) – „Bildung für alle“, sprich um
Persönlichkeits(heraus)bildung geht. Das Lernen zu lernen ist eine Maxime
Humboldts, d.h. die Befähigung, sich immer wieder neu in die sich verändernden Verhältnisse
hinein zu denken bzw. auch neue Fragen zu formulieren. „Gnothi seauton“, also
das griechische „Erkenne Dich selbst“ könnte dabei eine wichtige Maxime für
jeden Schüler sein. Die Internatsschule führe zum Verlassen der Komfortzone des
Elternhauses, befördert das Auseinandersetzen mit anderen Kindern und fordert
das Bewähren im Vergleich zu jenen. Dies kommt der späteren Realität im
Berufsleben recht nahe. Die Welt früh zu begreifen hilft, um auch später Dinge
zu verstehen.

Dabei ist „Herzensbildung“ als
mutiges Handeln (coeur: frz. Herz, abgeleitet davon: Courage) zu verstehen. Der
Gründer von Salem (Kurt Hahn) hat z.B. die Ansicht vertreten, dass ein jeder
Absolvent von Salem eine Passion entwickelt, die er für die nach der Schule
folgende Zeit mitnimmt. Verantwortung für eine Gruppe früh zu übernehmen (z.B. Reinigen
eines Internat-Traktes) wird sich auch später weiter in den Persönlichkeiten weitertragen.
Die Vielfalt im Kleinen zeigt sich insbesondere heute in der globalisierten
Welt. Am Ende geht es um die Entwicklung von Urteilskraft, die auf einem
Wertefundament fußt und immer einen guten Sinn verfolgt. „High Potentials“ nach
Deutschland zu holen könnte u.a. über das hier vorhandene stabile Gemeinwesen
funktionieren, welches es anderenorts nicht überall gibt. Ein, wie in
Deutschland vorhandenes, funktionierendes Gesundheitssystem, gelebte
Meinungsfreiheit, politische Stabilität sowie insgesamt sichere Verhältnisse
könnten dabei von großem Vorteil sein. In China ist bekanntlich selbständiges
Denken nicht so stark gefragt, dafür aber die Erfüllung von Erwartungen von
Vorgesetzen. Dies lähmt im Endeffekt die persönliche Entfaltung sowie die
Kreativität und könnte perspektivisch zu einem Wettbewerbsnachteil Chinas
führen.

In der anschließenden
Diskussionsrunde wurden auch Schulkonzepte aus der ehemaligen DDR angesprochen
– so konnte zumindest prinzipiell die DDR Polytechnische Oberschule den
Praxisbezug durch Technisches Zeichnen, Computerprogrammierung und konkrete,
handwerklich-praktische Arbeit in Betrieben herstellen. In Lehrpläne der
Zukunft sollten verstärkt der Forscherdrang einmünden, d.h. das probierende
Lernen, orientiert am konkreten Problem, sollte stärker vermittelt werden. Ein
zentrales Abitur wäre zudem wünschenswert – vorher müssten aber die
Bildungssysteme der Bundesländer resettet werden. Es geht letztlich auch darum,
die systemischen Grenzen zwischen Politik, Bildung und Wirtschaft zu
überwinden. Generell müssten mehr finanzielle Ressourcen ins Bildungssystem
fließen, um als rohstoffarmes Land, das Know-how für die Welt von morgen zu
liefern. Wir bedanken uns für den überaus interessanten und erkenntnisreichen
Input bei Bernd Westermeyer und möchten den Dialog gern fortsetzen.

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