Die Lage auf dem globalen Gasmarkt und die Chancen für eine Wasserstoffwirtschaft

Uns alle treibt die Frage um, ob wir noch ausreichend Gas für Wärme und Warmwasser in der Industrie und den Haushalte haben werden.

Wir fragen uns zudem, wie
die Lage auf dem globalen Gasmarkt derzeit eingeschätzt wird, wo und wie neue
Gasquellen erschlossen werden können? Auch die Frage, auf welche Preise wir uns
beim Gasbezug künftig einzustellen haben und ob im Wasserstoff bzw. im
synthetischen Methan vielleicht die Lösung liegt, konnten wir bei unserem
Gastgeber der VNG im gewohnt passenden Rahmen für unsere Landesfachkommission
Energie diskutieren. Mit dem Ukraine-Krieg hat sich das Fundament der
europäischen Gasversorgung grundlegend geändert. Die Preise auf den
Großhandelsmärkten sind exorbitant gestiegen und werden zu erheblichen
Belastungen bei Haushalten, im Mittelstand und in der Industrie führen. Wir konnten
ein wenig Klarheit in die momentane Versorgung mit Erdgas bringen und haben entsprechende
Experten der VNG dazu zu Wort kommen lassen.

Cornelia Müller-Pagel,
Leiterin Grüne Gase der VNG AG, hat uns zunächst die „Herausforderungen und
Chancen beim Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft in Mitteldeutschland“ aus Sicht
der VNG vorgestellt. Die Nationale Wasserstoffstrategie hat zu einzelnen
Strategien in den Bundesländern geführt. Das Ziel für 2030 sind 10 GW
(10.000MW) Erzeugerleistung an Wasserstoff. Bereits heute sind Projekte mit
einer Leistung von 7,8
GW an Wasserstoff angekündigt. Blickt man allerdings aktuell in die
Wasserstofflandschaft von Deutschland, so sind lediglich 62 MW an
Wasserstoff-Leistung (0,62% des Ziels) installiert. Der Weg ist also noch lang,
um zu einer nennenswerten Wasserstoffwirtschaft in Deutschland zu kommen. Dabei
spielen die „Farben“ des Wasserstoffs, aber auch Techniken, wie die Pyrolyse,
also die Aufspaltung von Methan in Kohlenstoff und Wasserstoff eine Rolle. Das
Abfangen bzw. das Abscheiden von CO2 aus der Industrie (CCS), dessen
infrastrukturelle Durchleitung in Pipelines zur Verbindung von Wasserstoff zur
Herstellung von synthetischem Methan ist derzeit allerdings aktuell nur eine
Randerscheinung, da sehr viele Energieverluste und Kosten mit dieser Form des
Energiepfades zum synthetischen Methan verbunden sind. Hier gibt es aber
Start-Ups, die diesem Weg durchaus eine Chance einräumen. Die VNG arbeitet
aktuell daran, eine 900 km lange Erdgas (Methan-) Pipeline für die Durchleitung
von reinem Wasserstoff zu ertüchtigen. Dazu müssen die Leitungen mehrfach gereinigt
und auch einige Armaturen ausgetauscht werden. Hier sind viele bürokratische
und verwaltungsrechtliche Hürden auch aufgrund der Verwaltungsstruktur und
Mitbestimmungsrechte in Deutschland zu nehmen. In Bad Lauchstädt hat die VNG
ein Leuchtturmprojekt etabliert, wo es um die Herstellung von grünem
Wasserstoff geht. D.h. Von der Erzeugung (Windpark) über die Speicherung
(Kaverne), Transport (Umstellung der Erdgasleitung), Vermarktung (Kundensuche)
bis zur Nutzung (vor allem: Chemische Industrie) ist dort an alles gedacht, um
künftig ein Paradebeispiel für grünes H2 abzuliefern.

2022-10-10_Bild3_VNG.jpg

Cornelia
Müller-Pagel, Leiterin Grüne Gase der VNG AG



Im zweiten Vortrag vom
online zugeschalteten Experten Frank Pfützner, Leiter Asset-Bewirtschaftung,
VNG Handel & Vertrieb GmbH, haben wir aus erster Hand etwas über den
globalen Gasmarkt in Erfahrung bringen dürfen. Der niederländische TTF Gas
Future ist dabei nach wie vor die Benchmark zur Preisbestimmung. War für uns in
Europa bisher (vor dem Ukrainekrieg) ein Preis i.H.v. 20€/MWh für Erdgas Normalität,
so mussten wir im Laufe des Jahres 2022mit Preisen i.H.v. 340€/MWh in der
Spitze und aktuell mit 116 €/MWh abfinden. Europa muss 60 Prozent seiner
benötigten Gasmenge aus dem Ausland importieren – eine fatale Abhängigkeit, die
nur schwer zu kurieren ist. Dabei ist Russland mit Abstand der größte
Gasexporteuer der Welt. Wichtig hierbei ist, dass das russische Gas, welches
nun nicht mehr durch Nordstream I und II durchgeleitet wird, dem globalen
Gasmarkt fehlt und die Preise in diese exorbitanten Höhen treibt. Wir haben
eindeutig ein Mengenproblem an Gas, welchem nur durch Einsparen und durch
teuren Zukauf aus anderen Staaten in gewissem Maß zu begegnen ist. Nach Ansicht
von Frank Pfützner nützen Gaspreisdeckel, wie aktuell in Planung, nicht viel –
diese tragen lediglich dazu bei, den Marktmechanismus eines intakten Gasmarktes
zu konterkarieren. Auf lange Frist müssen wir uns definitiv auf höhere
Gaspreise und eine voranschreitende Deindustrialisierung in Europa gefasst
machen – kein guter, aber wahrer Befund. Aktuell sind die Gaspreise nur deshalb
nicht noch weiter gestiegen, da China (Corona-Lockdown-bedingt) einen 20
Prozent geringeren Gashunger auf russisches Gas hatte. Diese Zustände werden
jedoch nicht länger andauern, wenn die chinesische Wirtschaft wieder auf voller
Kraft läuft. Die in Planung befindliche neue Pipeline von Russland nach China
wird wahrscheinlich erst 2026 fertig gestellt –bis dahin kommen auch auf China
herausfordernde Zeiten zu.

2022-10-10_Bild4_VNG.jpg

Frank
Pfützner, Leiter Asset-Bewirtschaftung bei VNG Handel & Vertrieb GmbH

Für Europa gilt, dass wir
auf zwei weniger strenge Winter hoffen und Erdgas einsparen müssen, um den
Gasmarkt wieder ein wenig ins Gleichgewicht zu bringen. All diese Vorgänge
treiben auch den LNG-Preis nach oben und, da Gas aktuell auch noch zur
Verstromung eingesetzt wird, steigt der Strompreis ebenfalls. Ein Strompreis
i.H.v. 700€/MWh aktuell steht dabei schon lange nicht mehr im Verhältnis zum
„normalen“ Strompreis von 50-70€/MWh aus der Vergangenheit. Hier werden die
entscheidenden Wechselwirkungen eines äußerst komplexen Energiesystems deutlich.

Bei einem aktuellen
Füllstand der Erdgasspeicher in Deutschland von 95% und in der Hoffnung auf
einen Füllstand im Februar 2023 i.H.v. 40% müssen nun aus Sicht des
Wirtschaftsrates schnell alle verfügbaren Reserven zur Energieerzeugung (Kohle
und Kernkraft) ans Netz, um eine gewisse Eindämmung der Problemlage zu
erreichen. In jedem Fall muss bereits heute bis zum März 2024 gedacht werden.
Eine deutsche bzw. europäische Industriestrategie, welche die Rohstofflage mit
bedenkt, ist ohnehin schon längst überfällig. Wir danken den Organisatoren von
VNG, namentlich André Deichsel, für die hervorragende Organisation der
erkenntnisreichen Veranstaltung. Wir kommen gern wieder.