Fach-und Arbeitskräftebedarf sächsischer Unternehmen

v.l.n.r.: Nora Miethke, Leiterin Wirtschaftsredaktion der Sächsischen Zeitung; Dietrich Enk, Präsident des Unternehmerverbandes Sachsen e.V.; Staatsminister Martin Dulig MdL; Elisa Heinrich, Regionalgebietsleiterin der I.K. Hofmann GmbH; Dr. Dirk Schröter, Landesvorsitzender des Wirtschaftsrates in Sachsen; Alfred Hahner, Leiter Marketing der I.K. Hofmann GmbH (Foto: Wirtschaftsrat)
Laut
offiziellen Zahlen werden der sächsischen Wirtschaft bis 2030 rund
150.000 Fach- und Arbeitskräfte fehlen. Viele unserer Unternehmerinnen
und Unternehmer spüren zunehmend den Druck, gerade wenn es um die
perspektivische Aufstellung ihrer Unternehmen geht.
Die Sächsische
Staatsregierung hat jüngst ihren Maßnahmenplan vorgestellt und im Mai letzten
Jahres das Zentrum für Fachkräftesicherung und gute Arbeit (ZEFAS) eröffnet.
Die Politik kann und muss Rahmen setzen, um die kleinen und mittelständischen
Unternehmen zu unterstützen. Gemeinsam mit dem Unternehmerverband konnten wir
an diesem Abend mit Martin Dulig, Staatsminister für Wirtschaft, Arbeit und
Verkehr des Freistaates Sachsen, ins Gespräch kommen.
hat das SMWA einen Pakt zur Gewinnung internationaler Fach- und Arbeitskräfte
für Sachsen vorgestellt, den Sie unter dem beigefügten Link downloaden können. In
unserer Diskussion führte der Staatsminister u.a. aus, dass Einflüsse wie die
demografische Entwicklung, zahlreiche Transformationsprozesse, wie z. B. die
Digitalisierung, und neue Anforderungen an Qualifikationen und Kompetenz zu
einem steigenden Mangel an Fach- und Arbeitskräften führen und dies daher auch
qualitativ zu betrachten sei. Die Anwerbung im internationalen Raum ist einer
von mehreren Ansätzen zur Fach- und Arbeitskräftesicherung. Diese soll neben
die Hebung von inländischen Potenzialen und von Potenzialen der bereits in
Sachsen lebenden Menschen mit Zuwanderungsgeschichte gestellt werden, führte
Martin Dulig weiter aus.
Das erst jüngst
vom Bundeskabinett beschlossene neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz mit
geringeren Hürden, auch einfache Arbeiten mit geringerer Qualifikation in
Deutschland aufzunehmen, das mit einem Punktesystem sowie einer Chancenkarte
und der Möglichkeit zur Probebeschäftigung einher geht, soll hier Abhilfe
schaffen. Einigkeit unter den Diskutanten bestand insbesondere darin, dass die
Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse deutlich schneller gehen müsse, dass
es nicht zu einer Abkehr von der Leistungsorientierung kommen dürfe und dass
neben der demografischen Entwicklung vor allem die Themen Schulbildung mit
verstärkter MINT-Ausrichtung sowie insbesondere die berufliche Bildung in den
Fokus der Betrachtung zu stellen sind. Auch lähmt hierzulande die Bürokratie
viele Prozesse. Fakt ist ebenfalls, dass es sich auch bei der
Arbeitsmarktmigration immer um Menschen handelt, die sich in ein
gesellschaftliches Gefüge bestehend aus Arbeiten (Belegschaft), Wohnen
(Mietparteien) und sozialen Aspekten (Integration in Vereine etc., Angebot an
Freizeitmöglichkeiten) einbinden (sollten). Dass letztlich auch und vor allem
im Bereich der Hochqualifizierten die Verdienstmöglichkeiten eine wichtige
Größe sind, ist ebenfalls eine unbestreitbare Tatsache. Hier und bei der
Tarifbindung habe der Freistaat Sachen im Vergleich zu anderen Bundesländern
allerdings noch großen Nachholbedarf.
Bei alledem
darf nicht außer Acht gelassen werden, dass heute auch ein gewisser
Konkurrenzkampf zwischen Privatwirtschaft und Verwaltung um die besten Köpfe
besteht. Die Entwicklung darf aus Sicht des Wirtschaftsrates keinesfalls dahin führen,
dass ein sich immer weiter aufblähender Verwaltungsapparat durch Tarifbindung
und gute Work-Life-Balance dem Mittelstand die klügsten Köpfe entzieht und dass
die Verwaltung nicht durch konsequente Digitalisierung einen
Personalschrumpfungsprozess einleitet. Hier liegt ein wichtiger Hebel, dem
Fachkräfteproblem zu begegnen, denn mehr Verwaltung schafft mehr Bürokratie,
was den marktwirtschaftlichen Motor am Ende abwürgt. Ein ebenfalls notwendiger
Schritt wären Unterstützungsmöglichkeiten (z.B. staatlich geförderte
Sozialwohnungen mit geringeren Mieten) für die Arbeitsaufnahme in ländlichen
Gebieten Sachsens, um ein Ausbluten strukturschwacher Regionen zu verhindern. Denn
Kosten für eine Ausbildung, die ca. 10.000€ betragen, können sich KMU in
Sachsen weitgehend nicht leisten. Viele sächsische Unternehmen gehen aktuell
schon auf die Bedürfnisse von ausländischen Arbeitskräften ein, indem Sie bei
der Wohnungssuche unterstützen, eine gewisse Arbeitsplatzsicherheit
garantieren, eine geeignete Krankenkasse empfehlen und sogar Arbeits-Mentoren aus
den eigenen Reihen zur Unterstützung einsetzen. Das im Mai 2022 gegründete
ZEFAS (Zentrum für Fachkräftesicherung und gute Arbeit in Sachsen) soll als
kleine Behörde die Koordinierungsstelle rund um das Thema Fachkräfte bilden. Zunächst
plant der Freistaat nach Aussage von Staatsminister Dulig Kooperationen mit
Ländern, die eine Anwerbung von Fachkräften nicht als unsolidarisch oder als Bedrohung
für den eigenen Arbeitsmarkt empfinden. Entsprechend werde sich hier aktuell
auf die Anwerbung von Fachkräften aus Vietnam, Ägypten, Brasilien und
Zentralasien (Kirgistan) konzentriert.

(Foto: Wirtschaftsrat)
Aus der Diskussion ging insbesondere hervor, dass es durch
Fehlallokationen nicht zu einer Migration in die Sozialsysteme kommen darf,
dass man zuvorderst an das Arbeitskräftepotential im eigenen Land (u.a.
Verhinderung von Fortzug qualifizierter Arbeit ins Ausland) denken sollte, dass
es bei der Anwerbung von ausländischen Arbeitskräften auch darum geht, von
Anfang an die Bindungskräfte in der Belegschaft und gleichermaßen in der
Gesellschaft zu betrachten und dass es sich bei dem Thema Arbeitskräfte
keinesfalls um ein eindimensionales Thema handelt. Wir bedanken uns bei
Staatsminister Dulig für seinen Input, bei Nora Miethke für die Moderation, bei
Elisa Heinrich und Alfred Hahner für deren Redebeiträge und letztlich bei den
Gastgebern vom „Kobers- Chiaveri“ für die Bewirtung.