Gasmarkt-Briefing bei der VNG AG in Leipzig

Wie entwickelt sich der globale Gasmarkt im Jahr 2026? Und was bedeutet das für die Versorgungssicherheit in Deutschland und Europa?

Hiobsbotschaften, wie die
jüngst vom Staatskonzern Uniper ausgesprochene, dass die Versorgungssicherheit
mit Erdgas in Deutschland nicht mehr garantiert sei, weil die
Gas-Speicherstände auf dramatische 37 Prozent gefallen seien, haben uns
veranlasst, den Geschehnissen auf den weltweiten Gasmärkten auf den Grund zu
gehen. André Deichsel, Leiter Politik & Markt der VNG AG, Stephan Haupt,
Geschäftsführer VNG Handel & Vertrieb GmbH, haben
uns einen umfassenden Einblick in die aktuelle Gasmarktlage gegeben. Um es
vorwegzunehmen: Die Lage auf dem deutschen Gasmarkt ist angespannt, aber eine
Gasmangellage ist aktuell noch nicht zu verzeichnen.



In Zeiten geopolitischer
Spannungen und sich wandelnder Märkte gewinnt die Versorgungssicherheit
zunehmend an Bedeutung. Für Deutschland und Europa stellt sich die Frage, wie
wir auch künftig eine stabile und verlässliche Energieversorgung gewährleisten können,
während sich die Rahmenbedingungen dynamisch verändern. Der globale Gasmarkt
hat in den vergangenen Jahren einen tiefgreifenden Wandel erlebt: Flüssigerdgas
(LNG), insbesondere aus den USA, hat deutlich an Gewicht gewonnen, während
Lieferungen über Pipelines, insbesondere direkt aus Russland, zurückgehen.
Gasspeicher haben gesetzlich festgelegte Füllstandsziele und LNG-Terminals an
den deutschen Küsten tragen zusätzlich zur Versorgung bei.

2026-01-28_LFK Energie_Foto1.jpg
Dr. Thomas Werner, Vorsitzender der Landesfachkommission Energie (Foto: Wirtschaftsrat)

Stephan Haupt hat uns einen
überaus fundierten und fachlich auf höchstem Niveau anzusiedelnden Einblick in
den Gasmarkt gegeben. Im VNG-Konzern arbeiten rund 1900 Mitarbeiter in den
Sparten Handel/Vertrieb, Transport, Speicher, Biogas und Digitale
Infrastruktur. Dabei ist die VNG Gasimporteur und Großhändler gleichermaßen.
Der kurzfristige „Spotmarkt“ („Lieferung morgen“) funktioniert dabei anders als
der Terminmarkt (z.B. „Lieferung im nächsten Jahr“). Durch die
unterschiedlichen Zeitschienen agieren die Marktakteure auch entsprechend
unterschiedlich. Gerade in den längerfristigen Horizonten bekommt der sog.
„Schweinezyklus“ eine gewisse Relevanz, weil beispielsweise Preissignale von
heute Investitionsentscheidungen in die Gasinfrastruktur oder
Produktionsprojekte beeinflussen. Im aktuell relativ kalten Januar und nach dem
Lieferstopp von russischem Pipeline-Gas gehen aufgrund der höheren Nachfrage
die Gaspreise nach oben, was zu Investitionen in Gasprojekte aufgrund hoher
Gewinnerwartungen führt. LNG-Terminals entstehen, da erwartet wird, dass Gas
knapp und teuer bleibt. Die neuen Gasprojekte gehen aber dann nach einer
gewissen Zeit ziemlich gleichzeitig ans Netz und es machen sich weltweit
effizientere Fördermethoden bemerkbar, sodass langfristig ein stark
ausgeweitetes Gas-Angebot zu verzeichnen sein wird. Daher sinken die Gaspreise
wieder insbes. am langen Ende der handelbaren Produkte. Der Prozess dürfte
wiederum anhalten bis LNG-Projekte reduziert oder gestoppt werden und die
Investitionen im Gasmarkt entsprechend wieder zurückgehen. In der Konsequenz
wird Gas wieder knapp und die Preise gehen hoch – der Zyklus beginnt
entsprechend von vorn.



Aktuell rangiert der
Gaspreis bei 40€/MWh – vor dem Ukrainekrieg lag er eher bei 20€/MWh. Der
massive Fracking-Ausbau in Nordamerika und der damit verbundene Export kann die
Preise stabilisieren, aber nur dann, wenn die USA das Gas in einem ebenfalls
strengen Winter nicht selbst benötigen oder die Gasexporte politisch
einschränken. Dann kann es in der Tat eng werden mit dem Gasangebot in
Deutschland. Aktuell läuft die größte Menge des von Deutschland importierten
Gases über die Pipeline aus Norwegen und die Gasnachfrage in Deutschland kann
über höhere Preise stabilisiert werden. Eine wirkliche Gasmangellage ist
aufgrund des Marktmechanismus aktuell nicht zu verzeichnen – aber die
Energiebereitstellung für Unternehmen und Haushalte verteuert sich aktuell. Im
Ernstfall einer Gasmangellage würden zunächst die Unternehmen ihre Produktion
drosseln bzw. beenden müssen, bevor es kalt in den Wohnstuben wird. In
Deutschland existiert ein nutzbares jährliches Gasspeicher-Volumen i.H.v.
240TWh. Es gibt ca. 50 Erdgasspeicher im Land, in welche vorwiegend in den
Sommermonaten eingespeist und aus denen hauptsächlich in den Wintermonaten
ausgespeist wird.

2026-01-28_LFK_Energie_Foto(1).jpg

v.l.n.r.: Stephan
Haupt, Geschäftsführer VNG Handel & Vertrieb GmbH, André Deichsel, Leiter Politik &
Markt der VNG AG (Foto: Wirtschaftsrat)

Neue Fracking-Projekte in
Niedersachsen, wo es einheimische Erdgasvorkommen gibt, hält Stephan Haupt für
wenig realistisch. Zu kapazitativen Engpässen auf der Know-how- und Finanzseite
kommen hierzulande erwartbare Bürgerinitiativen, die derartige Projekte be-
oder verhindern möchten. Daran erkennt man wie wichtig die Forderung des
Wirtschaftsrates ist, das Verbandsklagerecht drastisch einzuschränken. Allerdings
haben solche Projekte lange Vorlaufzeiten für Planung, Erkundung und
Feldesentwicklung. Selbst wenn Fracking-Projekte in Deutschland erschlossen
würden, könnten sich zusätzliche Mengen aus heimischer Förderung erst Mitte der
2030er Jahre ergeben.

Es ist zu erwarten, dass die
LNG-Kapazitäten weltweit bis 2030 aufgrund des zunehmenden Energiehungers
massiv ausgebaut werden. Beim LNG-Ausbau dominieren Nord-Amerika, aber auch der
mittlere Osten holt auf. Auch Afrika baut hier mittelfristig weitere Ressourcen
auf. Das Problem bei LNG-Terminals ist jedoch, dass diese angreifbar sind –
aber auch hier kann eine gewisse Entwarnung gegeben werden, denn mit einem
Angriff auf die Stromnetz-Infrastruktur oder auf die digitale Infrastruktur
könnten theoretisch wirksamer negative Effekte erzielt werden, wie wir jüngst
beim Angriff auf die Strominfrastruktur in Berlin gesehen haben.

Vor Winterbeginn hatten wir
Speicherfüllstande von ca. 70%, was weniger war als im Vorjahr. Grund dafür
waren die bis 2027 geltenden Füllstandsvorgaben der EU, die von 90% auf 70%
reduziert wurden und der sog. „Sommer-Winter-Spread“ (Gas wird im Sommer bestellt
und im Winter verbraucht), damit eine in weiten Teilen ungünstige, kommerziell
nicht sinnvolle Situation zur Befüllung der Speicher.

Was allerdings bei unserem
Nachmittag in der VNG eine gewisse Bestürzung unter den Teilnehmern
hervorgerufen hat, war der enorme Einfluss von Spekulation auf den Gaspreis,
der hier die realen Verhältnisse dominiert. Dabei gibt es sowohl „Short“-Trades
(Wetten auf sinkende Preise in der Zukunft) und „Long“-Trades (Wetten auf
höhere Preise in der Zukunft). Aktuell dominieren aber auch aufgrund der
Winterwetterlage Spekulationen auf höhere Preise.

Abschließend können wir
festhalten, dass Deutschland 10 GW anstatt der ursprünglich geplanten 20 GW an
Gaskraftwerken genehmigt bekommen hat. Das Problem hierbei liegt aber darin,
dass weltweit existierende Gasturbinenhersteller (einer davon ist etwa Siemens
Energy) über mehrere Jahre in der aktuellen Produktionskapazität von
Gasturbinen ausgelastet sind und sich die schnelle Umsetzung der
Kraftwerkstrategie von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche als schwierig
erweisen dürfte. Zudem ist kaum zu erklären, warum wir in Deutschland noch am
Rückbau der Gasnetze festhalten, obwohl wir wissen, dass wir diese Gasnetze
auch in Zukunft dringend brauchen. Wo ist hier ein Rückbaumoratorium? Denn
hätten wir hierzulande günstig herstellbaren grünen Wasserstoff und würden das
CO2 als Ressource und nicht als Umweltgift begreifen, könnten wir synthetisches
Methan (Erdgas) in einen Gaskreislauf überführen und müssten uns weniger
Gedanken über eine drohende „Gasmangellage“ machen. In der anschließenden
Diskussion und bei dem Imbiss in der VNG konnten wir uns abschließend Themen
widmen, wie die Nutzung von ehemaligen Braunkohle-Kraftwerksstandorten für neue
Gaskraftanlagen (Verkürzung von Genehmigungsverfahren) oder über dezentral
hergestelltes Biogas für die kommunale Wärmeversorgung.











Wir bedanken uns bei den
Mitarbeitern von VNG für die tolle und erkenntnisreiche Veranstaltung –
jederzeit gerne wieder.