„Perspektiven akademischer und beruflicher Bildung“ mit Prof. Dr. Dr. h.c. Julian Nida-Rümelin, Staatsminister a.D.

Prof. Dr. Dr. h.c. Julian Nida-Rümelin gilt als einer der
renommiertesten Philosophen in unserem Land. In der letzten Zeit hat sich Prof.
Julian Nida-Rümelin intensiv mit Bildungsfragen befasst, stieß aber bereits
2013 mit einem Interview in der FAZ die Diskussion über die zunehmende
Akademisierung im Bildungssektor Deutschlands an. Wir haben uns überaus
gefreut, dass Professor Julian Nida-Rümelin Zeit für uns gefunden und uns in
unserer Landesfachkommission für Innovationen Einblick in seine Ansichten zu
Perspektiven von akademischer und beruflicher Bildung gegeben hat. Aktuell
merken wir es alle: Es fehlen Handwerker und gut ausgebildete Fachleute in
nahezu allen Branchen, vor allem im Gesundheitsbereich aber auch in der
Industrie aus den MINT-Bereichen, insbesondere in der angewandten Informatik.
Ohne beruflich qualifizierte Fachkräfte droht insbesondere dem Mittelstand der
Kollaps.



Uns hat interessiert, ob das Credo „Aufstieg durch Bildung“
in Deutschland noch stimmt, ob wir es hierzulande tatsächlich mit einer
„Überakademisierung“ (z.B. Anzahl von Studienanfängern und Studienabbrechern)
zu tun haben und welche neuen Wege unser Bildungssystem gehen sollte, um
Lösungsansätze für das Fachkräfteproblem zu finden.



Seit Jahrzehnten gibt es Unterschiede zwischen dem deutschen
und angelsächsischen Bildungssystem. Zum angelsächsischen Bildungssystem gehört
traditionell ein sehr hoher Akademisierungsgrad. Die Alternative in den USA für
„nicht studieren“ ist in der Regel „learning on the job“. Es existiert dort
keine duale Berufsausbildung, wie hierzulande. Das ist schon einmal ein
wesentlicher Unterschied zwischen deutschem und angelsächsischem Bildungssystem,
führt Prof. Nida-Rümelin aus. Großbritannien hat z.B. eine doppelt bzw.
dreifach höhere Jugendarbeitslosigkeit als Deutschland, wo die niedrigste
Jugendarbeitslosigkeit die geringste der Welt ist. Mittlerweile sieht die OECD
das duale Ausbildungssystem in Deutschland als wegweisend an.

LV_Sachsen_02.11.2022

Nicht akademische Techniker fehlen aktuell in Deutschland
besonders stark. Zwischen 2006 und 2013 hatten wir eine massive Verschiebung
vom Ausbildungsbereich in den Hochschulbereich. Seit dem Wintersemester
2013/2014 ist dieser Zustand allerdings weitgehend gestoppt und die
Studienanfängerquoten stagnieren auf relativ hohem Niveau. Demografisch bedingt
und durch die Verschiebung in den Akademikerbereich bis 2013 hat sich nun das
Fachkräfteproblem ergeben, was allerdings vorhersehbar war.



In Deutschland brechen ca. 30 Prozent der Immatrikulierten das
Studium wieder ab. Oft geht in Europa zudem eine hohe Akademisierung mit einer
hohen Jugendarbeitslosigkeit einher. Deutschland hat einen hohen Anteil des
Verarbeitenden Gewerbes an der Bruttowertschöpfung. Dieses, oft mittelständisch
geprägt, benötigt aber auch Fachleute, die zur Wertschöpfung beitragen. Deutschland
hat, verglichen mit den USA und Großbritannien, zudem eine hohe „Soziale
Mobilität“, d.h. es gilt nach wie vor das Aufstiegsversprechen im Beruf und in
der Gesellschaft. Dabei ist die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit
aktuell ein technischer Berufsabschluss. Entsprechend sollte die berufliche
Bildung gestärkt werden. Das gelingt u.a. durch Information, über Vielfalt der beruflichen
Angebote, durch eine Kultur gleicher Anerkennung, durch ein erweitertes
Bildungsverständnis an allgemeinbildenden Schulen, durch eine Aufwertung des
Handwerks, durch stärkere Förderung der Berufsschulen, durch ein stärkeres
Engagement der Unternehmen in der Ausbildung, durch ehrenamtliches Engagement,
durch eine faire Entlohnung von nicht-akademischen Berufen und durch elterliche
Vernunft. Ein klares Plädoyer für eine Stärkung der dualen Berufsausbildung in
Deutschland hat Prof. Nida-Rümelin, untermauert durch Fakten, abschließend noch
ausgesendet. Zwei korrespondierende und gleichberechtigte Säulen der Bildung
muss es auch künftig in Deutschland geben: die duale Berufsausbildung und die
universitäre Ausbildung; dazwischen sollten sich Fachhochschulen,
Berufsakademien usw. einsortieren, denn viele Blumen machen eine Wiese schön.

Eine sehr interessante Diskussion schloss die überaus
interessante Veranstaltung ab. Wir danken Herrn Prof. Dr. Dr. h.c. Julian
Nida-Rümelin, Staatsminister a.D., für seinen Input und freuen uns, wenn wir
uns einmal real in Sachsen im kommenden Jahr treffen können.