„Unternehmerischer Wagemut in Zeiten des Wandels“
Unter
Beteiligung des Wirtschaftsrats und auf Initiative der Atlantik-Brücke fand in
der Handelshochschule Leipzig (HHL) eine sehr spannende Veranstaltung u.a.
unter Beteiligung des Meyer Burger CEO Dr. Gunter Erfurt, des
Wirtschaftsbürgermeisters von Leipzig, Clemens Schülke, Christian Growitsch,
Institutsleiter des Fraunhofer IMW sowie des Brauerei-Unternehmers Karsten
Uhlmann statt. Wir danken der HHL und insbesondere deren Rektor, Herrn Prof.
Dr. Dauth, für die Gastfreundschaft und Frau Julia Friedlander als
Geschäftsführerin der Atlantikbrücke, Regionalgruppe Mitteldeutschland, für die
organisatorische Begleitung. Zusammen mit dem Unternehmerverband Sachsen und
der VNG mitveranstaltet, konnten wir überaus aktuelle und wichtige
Erkenntnisse, insbesondere zum Unternehmertum in Deutschland und den USA,
professionell moderiert durch Wolfgang Brinkschulte, gewinnen.

Vorn links: Karsten Uhlmann, Geschäftsführer der Frankfurter Brauhaus GmbH (Foto: Wirtschaftsrat)
Aktueller
Aufhänger war die Ankündigung von Meyer Burger, bei weiterhin ausbleibenden
Handlungen der Bundesregierung zur Unterstützung der deutschen Solarindustrie,
den Standort in Freiberg mit ca. 500 Beschäftigten zu schließen und die
Produktion vollends nach Amerika zu verlegen. Dort baut das schweizer
Unternehmen (Nachfolger von Solarworld) gerade eine große Produktionshalle auf
und profitiert u.a. vom unkompliziert und unbürokratisch aufgesetzten
IRA-Konjunkturprogramm (Inflation Reduction Act). In Amerika müsse man in der
Green-Tech-Branche nicht einmal einen Antrag auf Fördermittel stellen; es werde
schnell von den politischen Entscheidern reagiert und die Finanzierung unbürokratisch
vertraglich zugesichert. Die bewilligten Finanzmittel seien mehr oder minder
frei verwendbar, führte Dr. Erfurt aus. Ein echter Pluspunkt für einen Standort
in Übersee, wo sogar die Solarzellenproduktion staatlich gefördert werde. Dabei
sei der IRA im Grunde nur die Antwort auf die deutsche Technologieförderung,
stellte Fraunhofer IMW-Chef Christian Growitsch heraus. Was nur Wenige wissen:
Das Volumen des IRA beträgt ca. 370 Mrd. US-Dollar, wohingegen die EU mit ihrem
NextGenerationEU-Fonds 800 Mrd. € mobilisiert. An der Höhe der Finanzmittel
kann es also nicht liegen, wenn in Deutschland staatlich induzierte
Wachstumsimpulse weitgehend ausbleiben.

Podiumsdiskussion - Moderation: Wolfgang Brinkschulte (Foto: Wirtschaftsrat)
Generell gibt
es hierzulande noch extremen Nachholbedarf bei der Endbürokratisierung von
Prozessen im Zusammenspiel mit der öffentlichen Verwaltung. Aber vor allem
kommt es auf die Verlässlichkeit politischer Ankündigungen an. So habe Bundeskanzler
Scholz zum Ost-Gipfel, im Juni letzten Jahres, in Chemnitz Hilfen für die durch
chinesische Dumpingpreise bedrohte deutsche Solarindustrie angekündigt. Da muss
unbedingt Wort gehalten werden und das Solarpaket I mit entsprechenden
Rahmenbedingungen schnell verabschiedet werden. Ansonsten verliert Deutschland
neben vielen Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen auch wichtiges Know-how und
diese zusätzliche strategische Abhängigkeit von China könne auch auf andere
Branchen, wie die Automobilindustrie und Windenergie übergreifen, mahnte Dr.
Erfurt an. Jüngst habe der Freiberger Oberbürgermeister aufgrund der
angekündigten Werkschließung eine Haushaltssperre verhängt. Die Dumping-Preise
chinesischer Module rührten aber auch daher, dass in China der Staat mitunter
ganze Werke inkl. der darin beschäftigten Mitarbeiter bezahlt. Wird der noch
existierende Solarstandort Deutschland/Europa endlich resilient, so könne die
Energiewende auch ein Erfolg für Europa werden.

(Foto: Wirtschaftsrat)
Karsten
Uhlmann wartete mit einem interessanten Werdegang auf und führte aus, dass ca.
60 Mio. Amerikaner deutsche Wurzeln hätten und dass damit diese
Bevölkerungsgruppe herkunftsbezogen die größte in den USA sei. Dennoch gibt es
mentalitätsbezogene Unterschiede, z.B. was die gesellschaftliche Anerkennung
von Unternehmern anbelangt. Diese sei in den USA wesentlich positiver als in
Deutschland, wo vielerorts auch Neid eine Rolle spiele. Ferner dominiere in
Deutschland in der Tat die „German Angst“. Diese müsse in „German Mut“
umgewandelt werden. Mut haben vor allem die Ostdeutschen mit der friedlichen
Revolution, die u.a. von Leipzig ausgingen, bewiesen. Mut kann in seiner
extremen Ausprägung zwar zu Leichtsinn werden, aber für Unternehmer sei Mut die
Fähigkeit entsprechend der bestehenden Risiken zu handeln. Das unternehmerische
Scheitern werde in den USA wesentlich lockerer gesehen, getreu dem Motto: Ever
try, ever fail – no matter; try again, fail again – fail better! In Deutschland
hingegen werde man nach einer Pleite hingegen als Verlierer gebrandmarkt.
Wirtschaftsbürgermeister Clemens Schülke wies in der
Diskussionsrunde auf seine eigene Familiengeschichte hin und erläuterte, welche
Entbehrungen sein Vater auf sich nehmen musste, um als Unternehmer nach der
politischen Wende durchzustarten. Sich in die neuen Gesetzmäßigkeiten im
Steuerrecht und Handelsrecht einzuarbeiten, waren dabei zeitraubende und mit
vielen Einschnitten verbundene Notwendigkeiten. Heute bedürfe es ebenfalls
einer neuen Gründergeneration, die sich aber ebenfalls bewusst sein müsse, dass
es ohne Fleiß keinen Preis gäbe. Um die Gründer- und Unternehmersituation zu
verbessern, so waren sich die Diskutanten im Podium einig, ist eine bessere
Zusammenarbeit zwischen den Behörden, die sich verstärkt als Dienstleister begreifen
müssten, und der Wirtschaft notwendig. Zudem solle verstärkt der Kapitalmarkt
zur Finanzierung unternehmerischer Vorhaben genutzt werden, die private
Investorentätigkeit verstärkt, die Steuer- und Abgabenlast gesenkt und vor
allem die Bürokratie nennenswert abgebaut werden. Es könne nicht sein, dass der
Staat bei einem Unternehmen mit 200 Mitarbeitern allein 58 Beauftragte
vorschreibe. Für einen messbaren Bürokratieabbau sollte, nach Auffassung des
Wirtschaftsrates, die Umsetzung der „one-in-two-out-Regel“ bei
Gesetzesvorhaben, ganz gleich auf welcher Ebene, konsequente Anwendung finden.
Das heißt für jedes neue Gesetz bzw. jede neue Vorschrift, müssten zwei
bestehende weichen. Die Hinwendung zu technischen Prozessen, beginnend mit
einer Beförderung der MINT-Orientierung in den KITAs und Schulen sowie die
gesteuerte Zuwanderung in den Arbeitsmarkt, verbunden mit einer Reduktion von
Sozialtransfers an Nichtleistungsbereite (Bürgergeld an Arbeitsleistung für
Arbeitsfähige koppeln) könnten hier zudem wichtige Impulse entfalten. Einen
herzlichen Dank an alle Mitstreiter und gern wieder eine gemeinsame
Veranstaltung mit der Atlantik-Brücke.

v.l.n.r.: Dr. Gunter Erfurt, CEO der Meyer Burger (Germany) GmbH; Dr. Dirk Schröter, Landesvorsitzender des Wirtschaftsrates in Sachsen (Foto: Wirtschaftsrat)