Aus den Ländern (Schleswig-Holstein) - Kernenergie in Deutschland
Die Fakten sind eindeutig: Seit dem 1. Januar 2022 liefert das
Kernkraftwerk in Brokdorf keinen Strom mehr in das deutsche Netz. Die Anlage
ist in der Nachbetriebsphase, bis 2039 soll der vollständige Rückbau
abgeschlossen sein. Fest steht auch: Die Anlage kann - selbst für den Fall,
dass sich die Energiekrise durch den Ukraine-Krieg weiter zuspitzt und eine
Rückkehr zur Kernenergie gesellschaftlich wieder mehrheitsfähig würde - nicht
wieder ohne weiteres in Betrieb genommen werden.
Pinnebergs Sektionssprecher Jens Sander machte bereits in seiner
Begrüßung deutlich, was der Wirtschaft Sorgen bereitet: „Energiepolitik ist zur
Tagespolitik verkommen, obwohl die Industrie langfristige Sicherheiten
braucht.“ Angesichts der Entwicklung müssten die Diskussionen, was mit Blick
auf Klimaziele und Versorgungssicherheit sinnvoll ist, „frei von Ideologien
geführt werden.“ Es müsste für die Industrie und Bevölkerung eine
Versorgungssicherheit geben. „Dabei muss auch die Frage erlaubt sein, ob wir es
uns leisten können, dass die Kernenergie mit dem Abschalten der letzten
Kraftwerke ein Auslaufmodell bleibt“. Fest stehe für ihn, dass der ebenfalls
beschlossene Kohleausstieg eine zusätzliche Herausforderung ist. „Die
Transformation der Mobilität sorgt zudem für einen drastischen Anstieg des
Strombedarfes in Deutschland.“ Bereits heute könne der Strombedarf nicht
vollständig und kontinuierlich durch regenerative Energien gedeckt werden. So
müssen heute Strom aus dem Ausland zugekauft werden.
Sander leitete über zu Hauke Rathjen, Kommunikationsbeauftragter
und Referent Kraftwerksleiter PreussenElektra GmbH (Brokdorf), der im Detail
auf die Stilllegung und den Rückbau des einzigen Druckwasserreaktors in Deutschland
einging und die Auswirkungen einordnete. Rathen: „Bis vor kurzem haben wir von
hier aus 27 Prozent des Strombedarfs Schleswig-Holsteins bedient. Jeden Tag
wurde von hier – in Abhängigkeit von den Energiemengen, die Wind und Sonne
liefern - bis zu 1.440 Megawatt bereitgestellt.“ Das Verfahren sei sehr
umweltfreundlich gewesen, „weil wir nichts verbrannt haben, sondern mit den
Brennelementen ähnlich wie mit einem Tauchsieder Wasser erhitzt haben um
Energie zu gewinnen.“ Heute müssten diese Leistung zum Teil aus dem Ausland
zugekauft werden – vor allem, wenn das Wetter keinen Wind und keine Sonne
„liefert“. Knut Frisch machte ergänzend deutlich, dass Brokdorf nicht mit dem
Unglücksreaktor in Tschernobyl vergleichbar sei: „Dort wurde Graphit als
Moderator genutzt, und das Kraftwerk diente der
Produktion von Material für atomare Waffen.“ In Brokdorf sei die Stromerzeugung
das einzige Ziel gewesen, und es sei als Moderator Wasser eingesetzt worden.
Prozessketten, die in dem Kraftwerk in der heutigen Ukraine zu dem Unglück
geführt hätten, seien so an der Elbe nicht möglich gewesen.
Kraftwerk war weltweit
effizient
Das Kraftwerk habe für Power aus der Kernenergie gestanden, so
Rathjen weiter: „Zweimal sind wir seit Inbetriebnahme 1986 Weltmeister bei der
zuverlässigen Stromproduktion gewesen und 21 Mal war unser Kraftwerk in den Top
10 weltweit.“ Wirtschaftlichkeit, Sicherheit, hohe Verfügbarkeit seien über 35
Jahre gegeben gewesen. Insgesamt seien 360 Milliarden Kilowattstunden
produziert worden. Rathjen: „Die Energiewende ist wichtig und es ist gut,
nachhaltige Ressourcen zu nutzen. Allerdings: Mit dem Abschalten auch unseres
Kraftwerkes ist etwas kaputt gemacht worden, ohne zuverlässige Lösungen, die
rund um die Uhr die erforderlichen Strommengen sicherstellen, bereits vorliegen
zu haben.“ Vielen sei nicht klar, dass von einer zuverlässigen Stromversorgung
maßgeblich der Wohlstand der Industrienation abhänge. Rathjen verwies dabei auf
die Internet-Seite www.electricitymap.org, die
stundenaktuell einen Überblick über Strommengen und deren Herkunft und
Erzeugungsart gebe. „Auf der Seite lässt sich gut nachvollziehen, was die
Entscheidungen in Deutschland, auf Energie aus Kohle und Kernkraft zu
verzichten, bedeutet.“
Rückbau kostet eine Milliarde Euro
Rathjen informierte im Detail, wie es in den nächsten Jahren in
Brokdorf weitergeht. Insgesamt werde der Rückbau etwa eine Milliarde Euro
kosten, weil unter Einhaltung von Auflagen beispielsweise ein Zwischenlager für
Brennstäbe neu gebaut werden muss und man auch eine kleine, neue Energieerzeugungsanlage errichte, „damit wir
für den Rückbauprozess keine Energie zukaufen müssen“.
Aktuell seien von einstmals 500
noch knapp 300 Mitarbeiter vor Ort tätig. Technisch könnte die Anlage
jederzeit wieder in Betrieb genommen, „aber neben einer neuen
Betriebsgenehmigung, die lange Zeit dauern dürfte, fehlen uns dann Fachkräfte,
Brennstäbe und mit fortschreitender Zeit wird es auch immer mehr Korrosionsschäden
geben.“ Stromgewinnung aus Kernkraft in Brokdorf sei „durch“, so Rathjen etwas
salopp.
Nur drei Prozent der Materialien radioaktiv
Ab 2023 ist vorgesehen, mit der Brennelemente-Entsorgung zu
beginnen. Dann werde es Stück für Stück weitergehen. Rathjen: „Viele Fragen
sind im Detail noch mit den zuständigen Genehmigungsbehörden zu klären. Wir
müssen für alle verbauten Stoffe hier eine Freigabe zur Weiterverwendung
einholen. Stand heute werden nur etwa drei Prozent der hier eingesetzten
Materialien als radioaktiver Abfall eingestuft.“ Der Rückbauprozess dauere auch
deshalb so lange, „weil alles in kleine handliche Stücke zerlegt werden muss
und wir noch Lösungen finden müssen, wie mit den nicht als radioaktiv
eingestuften Materialen umgegangen werden darf.
Unter den Teilnehmern sorgten die Darstellungen für viel
Diskussions- und Gesprächsbedarf. – vor allem mit Blick auf eine zuverlässige
Stromversorgung in Deutschland. Dabei standen zwei Fragen im Fokus. Zum Einen,
ob ein kurzzeitiger Zusammenbruch der Stromversorgung (Black-Out) zu einem gesellschaftlichen
Umdenken beim Thema Nutzung der Kernkraft in Deutschland führen könnte, zum Anderen,
inwieweit deutsche Energiepolitik als Konsequenz hat, dass aus Nachbarländern
gegen höhere Kosten eine zuverlässige Energieversorgung zugekauft werden müsse.
Eines schien jedenfalls klar: Kein Unternehmen wird absehbar wieder das Risiko
eingehen, in Deutschland in Kernkrafttechnik zu investieren.