„Ich führe im Moment viele laute Gespräche in meinem Büro“

Zehn-Monats-Bilanz von Flensburgs Oberbürgermeister Dr. Fabian Geyer

Knapp ein Jahr ist Flensburgs parteiloser
Oberbürgermeister Dr. Fabian Geyer mittlerweile im Amt. Ein guter Anlass, mit
ihm über einen Status-Bericht zu sprechen, befand Hauke Präger, Sprecher der
Sektion Flensburg/Schleswig, und lud das Stadtoberhaupt zum Austausch ins Restaurant
Borgerforeningen ein.

Dr. Geyer, bis zu seinem Amtsantritt langjähriger
Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Flensburg-Schleswig-Eckernförde e.V.,
zeichnete ein düsteres Bild vom Erbe, das er angetreten habe. Es sei deutlich
schlimmer als erwartet und kaum zu bewältigen. Er bezog dies insbesondere auf
die „katastrophalen Strukturen der Verwaltung“, die in der Vergangenheit nicht
angepackt worden seien. De facto habe es 18 Jahre lang keine Führung des
Verwaltungsapparats gegeben. Dabei gebe es dort durchaus gute Fachleute, die
aber alle unstrukturiert vor sich hinarbeiteten.

Dennoch gebe es bereits erste Fortschritte. Die
1.800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien ihm zu Beginn mit einer Mischung
aus Neugier, Ablehnung und Hoffnung begegnet. Mittlerweile aber habe er bereits
die Personal- und die Betriebsräte auf seine Seite ziehen können. Es sei ihm
gelungen, Vertrauen aufzubauen.

Als größte
Herausforderung bezeichnete der Oberbürgermeister die Kommunikation.
Vorgesetzte erhielten daher Coachings in Hinblick auf ihre Führungsqualitäten. Es
fehle der Informationsfluss aus den Abteilungen an die Spitze, so dass es
regelmäßig passiere, dass er vom Innenministerium auf Vorgänge angesprochen
werde, von denen er bis dahin noch nie gehört habe.

Zwei große Themen benannte Geyer, die im Zentrum
seiner Aufmerksamkeit stünden: Zum einen der Hafen-Ost, ein Projekt, das
derzeit viele Ressourcen binde und das er daher zur Chefsache gemacht habe. Zum
anderen die Mobilität in der Stadt, die für viel Unmut und Aufregung in der
Stadt sorge, insbesondere mit Blick auf die Radwege. Die Planung in diesem
Bereich sei eine „eigene Welt“; die zuständige Abteilung plane hier „nach
eigenem Ermessen“. Er selbst werde in der Öffentlichkeit für die Umsetzung
politischer Beschlüsse auf diesem Gebiet kritisiert; dabei sei er hierzu
gesetzlich verpflichtet und tue dies nicht aus eigener Überzeugung: „Ich führe
im Moment viele laute Gespräche in meinem Büro“, deutete er das hohe
Konfliktpotenzial in diesem Bereich an.

Angesprochen auf die Enttäuschung, die viele seiner
Unterstützer in letzter Zeit auch öffentlich äußerten, entgegnete Dr. Geyer, es
gelte jetzt, zunächst die Prozesse vollständig zu durchdringen, um zu finalen
und nicht nur zu ad-hoc-Lösungen zu kommen. Bei den Themen Arbeits- und
Datenschutz beispielsweise beginne man praktisch „bei Adam und Eva“. Die
Position der Datenschutzbeauftragten sei bisher lediglich als Halbtagsstelle
besetzt gewesen; seit 12 Jahre hätte es
keine Evakuierungsübung mehr gegeben.

Als großes Problem für die Region machte der
Oberbürgermeister die Einschränkungen des Bahnverkehrs um die Stadt Flensburg
aus. Der Fernverkehr nach Dänemark falle künftig weg; Vorrang habe dann die
Verbindung über die Fehmarnbelt-Querung. Die Region Flensburg drohe allen
anderslautenden Beteuerungen namhafter Politiker in Land und Bund zum Trotz abgehängt
zu werden.

Vor großen Herausforderungen stehe die Stadt auch
bei den Feuerwehren und Schulen. Letztere stießen aufgrund der Umstellung der
Gymnasien von G8 auf G9 an ihre Kapazitätsgrenzen, weshalb Geyer künftig den
Stadtkindern Vorrang vor den Kreiskindern einräumen werde. Auch diese
Entscheidung berge erhebliches Konfliktpotenzial. Bei den Feuerwehren wiederum
seien die bisherigen Planungen für Neubauten entgegen ersten Beteuerungen
wertlos gewesen; für beide Hauptfeuerwachen seien Neubauten erforderlich.

„Die Wirtschaftsförderung erfolgt jetzt wieder aus dem Rathaus heraus.“

Ein großes Augenmerk legt Dr. Geyer auf die
Wirtschaft und deren Förderung. Mit Blick auf die Wirtschaftsförderungs- und
Regionalentwicklungsgesellschaft Flensburg/Schleswig mbH war es ihm wichtig zu
betonen: „Die WiREG arbeitet für die Stadt. Die Wirtschaftsförderung erfolgt
jetzt wieder aus dem Rathaus heraus.“ So fördere er beispielsweise den
Austausch mit den Wirtschafts-Junioren sowie mit 80 Unternehmen. Für
Unternehmensansiedlungen werde der rote Teppich ausgerollt, es gebe wieder
„eine Tür ins Rathaus“.

Den Wirtschaftsbeirat hat der Oberbürgermeister neu
strukturiert; die Inhalte kämen nun von den Unternehmern. Der Austausch finde
alle drei Monate direkt zwischen Wirtschaft und Verwaltung statt, moderiert von
Geyer selbst. Neu sei das Innenstadtforum, der Nachfolger des
Innenstadtbeirates, der auch nach 20 Sitzungen keinerlei Ergebnisse
hervorgebracht hatte.













































Mit diesen Maßnahmen, die nur einen kleinen
Ausschnitt darstellten, sei es gelungen, eine neue Vertrauensbasis zu den
Unternehmen aufzubauen, endete Dr. Geyer. Hauke Präger sicherte ihm
abschließend die Unterstützung des Wirtschaftsrates zu und bot ihm an,
jederzeit beratend zur Seite zu stehen.