„Kultur ist Wirtschaft“
Kultur ist weit mehr als gesellschaftliche Teilhabe und
künstlerischer Ausdruck – sie ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Dies
machte Uta Röpcke MdL, kulturpolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die
Grünen im Schleswig-Holsteinischen Landtag, bei einer Veranstaltung des
Wirtschaftsrates Schleswig-Holstein im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik
Festivals deutlich. 34 Mitglieder und Gäste waren der Einladung zu einem
vorgelagerten Austausch in den Holstenhallen in Neumünster gefolgt.
Lars Osterhoff, Mitglied des Landesvorstandes des
Wirtschaftsrates Schleswig-Holstein, begrüßte die Teilnehmer in Vertretung des
Landesvorsitzenden Dr. Christian von Boetticher. Er verwies auf die
vielfältigen Verbindungen zwischen Kultur, Wirtschaft und Standortentwicklung,
die im Mittelpunkt des Abends standen.
Uta Röpcke betonte, dass sie Kulturpolitik mit großer
Leidenschaft betreibe. Kultur sei für sie ein zentrales Politikfeld – und müsse
stärker auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet werden. Ihre
Kernbotschaft: „Kultur ist Wirtschaft.“ Entsprechend plädierte sie dafür, bei
öffentlichen Mitteln für Kultur nicht ausschließlich von „Förderung“, sondern
stärker von Investitionen zu sprechen. Auch Unternehmen sprächen schließlich
von Investitionen, wenn sie Mittel einsetzten, von denen sie sich einen
langfristigen Nutzen versprächen.
Welche Dimensionen die Kultur- und Kreativwirtschaft
inzwischen erreicht, verdeutlichte Röpcke mit einer Frage an die Gäste: Wie
hoch war der Umsatz der Branche im Jahr 2023 in Deutschland? Antwort: Der
Monitoringbericht der Bundesregierung weist für 2023 einen Umsatz von 204,6
Milliarden Euro aus; allein rund ein Drittel entfiel dabei auf die Software-
und Games-Industrie.
Für Schleswig-Holstein seien vergleichbare belastbare Zahlen
bislang nicht ausreichend verfügbar, kritisierte Röpcke. Genau darin liege ein
Problem: Ohne eine verlässliche Datengrundlage könne kaum beurteilt werden, in
welchen Bereichen Investitionen notwendig und besonders wirksam seien. Ihr
Appell lautete daher, deutlich stärker über die Wertschöpfung der Kultur- und
Kreativwirtschaft zu sprechen. Kulturveranstaltungen seien nicht nur ein
gesellschaftlicher Gewinn, sondern brächten Besucher ins Land, sorgten für
Übernachtungen, Gastronomieumsätze und weitere wirtschaftliche Effekte.
Festivals wie das Schleswig-Holstein Musik Festival oder auch das Wacken Open
Air zeigten dies besonders anschaulich.
Regionalen Buchhandel stärken
Als weiteres Beispiel richtete Röpcke den Blick auf den
Buchhandel. Gerade kleinere und regionale Buchhandlungen stünden wirtschaftlich
unter erheblichem Druck. Sie appellierte deshalb daran, bewusst vor Ort
einzukaufen. Viele regionale Händler böten inzwischen ebenfalls eine schnelle
Lieferung nach Hause an – es müsse daher „nicht immer Amazon sein“.
Kritisch bewertete Röpcke, dass selbst die öffentliche
Beschaffung vielfach bei großen Online-Anbietern bestelle, statt regionale
Anbieter einzubeziehen. Obwohl sie sich grundsätzlich als wirtschaftsfreundlich
verstehe und Regulierung mit Zurückhaltung betrachte, könne sie sich an dieser
Stelle verbindlichere Vorgaben für die öffentliche Beschaffung vorstellen, um
regionale Wirtschaftsstrukturen zu stärken.
Mehr Wertschöpfung aus Filmproduktionen im Land halten
Großes wirtschaftliches Potenzial sieht Röpcke zudem im
Filmstandort Schleswig-Holstein. Produktionen wie die ZDF-Serie „Dr. Nice“, für
die unter anderem in und um Flensburg gedreht wird, oder Fatih Akins
Kinofilm „Amrum“ zeigten die Attraktivität des Landes als Filmkulisse. „Amrum“
entstand zu großen Teilen in Schleswig-Holstein und rückte die Insel auch
überregional als Filmstandort in den Fokus.
Gleichzeitig bleibe ein erheblicher Teil der möglichen
Wertschöpfung außerhalb Schleswig-Holsteins, da es im Land an entsprechender
Produktionsinfrastruktur wie Studios fehle. Dass Investitionen in
Filmproduktionen erhebliche regionale Effekte auslösen können, zeigen Zahlen
der MOIN Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein: 2024 generierte jeder
eingesetzte Fördereuro rechnerisch 3,15 Euro an Ausgaben in Hamburg und
Schleswig-Holstein. Für Röpcke ist dies ein weiteres Beispiel dafür,
Kulturpolitik stärker auch als Standort- und Wirtschaftspolitik zu verstehen.
Im Anschluss an den Austausch nahmen die Mitglieder und
Gäste gemeinsam an den Schleswig-Holstein Proms teil. Das Gala-Konzert in der
Holstenhalle mit Werken unter anderem von Beethoven, Tschaikowsky, Bernstein
und Elgar bildete den musikalischen Abschluss des Abends. Unter der Leitung von
Wayne Marshall spielte das Odense Symfoniorkester gemeinsam mit den
Solistinnen Hana Chang, Jess Gillam und Matilda Lloyd;
durch den Abend führte die Journalistin Annette Dittert.