Lübecks Infrastruktur auf dem Prüfstand

Wie kann die Hansestadt Lübeck ihre Position als strategischer Logistik- und Hafenstandort im Ostseeraum nachhaltig sichern und zukunftsfähig ausbauen?
Mit dieser zentralen Herausforderung befassten sich die Mitglieder und Gäste der Sektion Lübeck des Wirtschaftsrates Schleswig-Holstein bei ihrer jüngsten Diskussionsveranstaltung. Der Lübecker Oberbürgermeister Jan Lindenau hieß die Gruppe um Sektionssprecher Johannes Kalläne im historischen roten Saal des Lübecker Rathauses willkommen, um über laufende Großprojekte, kommunale Investitionsspielräume und die Modernisierung der städtischen Infrastruktur zu sprechen.
Solide Finanzbasis für Milliardeninvestitionen
In seinen einführenden Worten stellte Lindenau heraus, dass Lübeck trotz angespannter Gesamtlage auf ein starkes Fundament bauen könne. Die erfreuliche Entwicklung der Gewerbesteuereinnahmen und konsequente Konsolidierungserfolge, darunter die Absenkung des Kreditvolumens von 1,2 Milliarden Euro auf rund 490 Millionen Euro, verschafften der Stadt den nötigen Spielraum für zukunftsweisende Vorhaben.
Der Oberbürgermeister erläuterte, dass Lübeck seine Infrastruktur durch eine dreijährige Investitionstaktung gezielt verstärke. Hier fließen auch die Mittel aus dem Sondervermögen des Bundes ein. Mit einer Umsetzungsquote von bis zu 90 Prozent setze die Hansestadt ihre Vorhaben konsequent um, was sich auch an konkreten Baumaßnahmen wie der Sanierung der Mühlentorbrücke zeige.
Hafenentwicklung und neuer Mobilitätshub
Ein Themenschwerpunkt des Austauschs lag auf der strategischen Neuausrichtung des Lübecker Hafens. Auf Nachfrage berichtete Jan Lindenau über den Fortgang des 2023 einstimmig beschlossenen Hafenentwicklungsplans. Um die Bedeutung dieses Wirtschaftsmotors zu unterstreichen, agiere der städtische Bauausschuss mittlerweile zugleich als Hafenausschuss.
Der Hafen werde strikt nach ökonomischen und logistischen Kriterien weiterentwickelt. So entstehe derzeit für rund 4 Millionen Euro ein neuer Passagiertower für die Reederei Finnlines, um Güter- und Personenverkehr baulich sauber zu trennen. Ergänzend plane die Stadt direkt an der Hafengrenze einen modernen Mobilitätshub. Dieser solle als zentraler Umstiegsknoten mit E-Bus-Anbindung, Check-In-Bereichen, Gastronomie und Stellflächen bisher ungenutzte Flächen aufwerten. Auch innovative Pilotprojekte zur Unterwasserabwehr mit Drohnen der Gabler Group zum Schutz kritischer Infrastrukturen verfolge die Stadt intensiv.
Intelligente Verkehrssteuerung und Verwaltungstempo
Hinsichtlich der Straßeninfrastruktur verwies Lindenau auf Vorreiterprojekte bei der Digitalisierung. So führte der Oberbürgermeister aus, dass die Verkehrssteuerung im Stadtgebiet von einem 3 Millionen Euro teuren KI-Verkehrsrechner gesteuert werde. Das zu 90 Prozent vom Bund geförderte System mache Lübeck neben Köln international zum Pionier. Über 1.000 Park-Sensoren kontrollierten den ruhenden Verkehr, während bei Notfällen grüne Wellen für Einsatzkräfte geschaltet werden könnten.
In Sachen Verwaltungsgeschwindigkeit verwies der Oberbürgermeister auf das Projekt „MoVe“, in dessen Rahmen rund 2.000 Verwaltungsprozesse optimiert würden. Um Genehmigungsverfahren für Investoren und Bauherren zu beschleunigen, löse die Stadt das Prinzip starrer Zuständigkeiten durch eine persönliche Verantwortungskultur ab, entgegnete Lindenau auf Kritik in Bezug auf lange Bearbeitungszeiten bei Baugenehmigungen.
ICE-Anbindung und Standortsicherheit
Zur vorübergehenden Streichung des Lübecker ICE-Haltes durch die Deutsche Bahn stellte Lindenau klar, dass der Hansestadt schriftliche Zusagen von Bund und Bahn vorlägen. Demnach werde Lübeck mit der Inbetriebnahme des Fehmarnbelt-Tunnels fest an das ICE-Netz angebunden. Aktuelle Verzögerungen seien primär auf den Sanierungsstau im übergeordneten Schienennetz zurückzuführen.
Bezüglich geäußerter Bedenken zur Sicherheitslage im Stadtteil Travemünde versicherte der Oberbürgermeister, die Situation sei unter Kontrolle und werde medial teils übertrieben dargestellt. Die Sicherheitskräfte agierten umsichtig, sodass Travemünde für Anwohner, Touristen und Investoren gleichermaßen sicher und attraktiv bleibt.
Klarheit und Verlässlichkeit als Maßstab
Sektionssprecher Johannes Kalläne hob zum Abschluss der Diskussion die Erwartungen der regionalen Wirtschaft an die Politik hervor: „Unsere Unternehmen brauchen bei Großprojekten vor allem Verlässlichkeit, Tempo und Klarheit.“ Er bot der Stadtverwaltung die Expertise des Wirtschaftsrates als Partner bei Standort- und Prozessfragen an.
Oberbürgermeister Lindenau begrüßte das Angebot zum kontinuierlichen Dialog und verwies auf etablierte Formate wie „Lindenau Direkt“. Eine zukunftsfähige Infrastruktur lasse sich nur im Schulterschluss zwischen Verwaltung und Wirtschaft realisieren.