Nachfolgersuche zu oft ohne Strategie und Vorbereitungszeit

Sektion Ostholstein-Plön diskutiert über Herausforderung bei Betriebsübergabe – Riesenwelle kommt auf das Land zu – Immer weniger wollen eigener Chef werden



PREETZ-DAMMDORF Die Zahlen
sprechen eine eindeutige Sprache: In den nächsten zehn Jahren werden in
Schleswig-Holstein mehr als die Hälfte aller Unternehmen einen Nachfolger
suchen. Über 500.000 Arbeitsplätze sind davon betroffen, von denen 55 Prozent
vor einer ungewissen Zukunft stehen, weil die Frage der Weiterführung der Firma
bisher nicht geregelt ist. Was bedeutet das für die Wirtschaft im Land und
was ist zu tun? Die Sektion Plön-Ostholstein des Wirtschaftsrates der CDU e.V. lud
zur Diskussion über diese Frage Dipl.-Volkswirt
Hartmut Winkelmann
, Geschäftsführer der HWB Unternehmerberatung GmbH Kiel,
nach Preetz-Dammdorf ein.


Älteste Unternehmerstruktur
bundesweit


Winkelmann beschäftigt sich seit
drei Jahrzenten mit der Frage, wie Firmen in die nächste Familiengeneration
oder an neue Eigentümer überführt werden können. Sein Unternehmen - die HWB
Gruppe mit Sitz in Kiel - hat im Jahr 2014 und kürzlich eine Studie zur
Situation von Firmen in Schleswig-Holstein und Hamburg mit einem Jahresumsatz
zwischen 1 und 250 Millionen Euro untersucht, bei denen die Eigentümerschaft das
Alter von 64 Jahren überschreitet. Schleswig-Holstein habe aktuell die älteste
Unternehmerstruktur in der gesamten Bundesrepublik.

Sektionssprecher Karsten Kahlke machte in seiner
Anmoderation deutlich, was auf viele Firmen zutrifft: „Die Unternehmer schieben
die Nachfolgefrage vor sich her. Man kann es sogar verstehen, denn es geht um
das Beenden des Lebenswerkes mit Wirkung auf die Familie und das Vermögen.“ Um
so mehr sei es erforderlich, dass diese Zukunftsfrage, die für die Wertschöpfung
im Land wichtig ist, strategisch angegangen werde.

Nur 4 von 10 Firmen bleiben in
der Familie

Winkelmann begann seine
Darstellungen mit einem volkswirtschaftlichen Gesamtüberblick. Insgesamt müsse
man sich darauf einstellen, dass pro Jahr bis zu 400.000 Arbeitskräfte verloren
gehen, d.h. bis 2040 wird sich die Zahl der Fachkräfte von 45 auf dann 37
Millionen reduzieren. Parallel zu dieser Entwicklung nehme die Zahl der
anstehenden Unternehmensübergänge zu. „Wir werden in den nächsten Jahren einen
noch stärkeren Druck auf die Nachfolgefrage haben“, so Winkelmann, zumal bereits
heute etwa nur noch 40 Prozent der Firmen an die eigenen Kinder übergeben wird.
„Wir haben einen Arbeitnehmermarkt, niemand muss mehr ein Risiko eingehen und
kann stattdessen das sichere Gehalt nehmen.“ Hinzu komme, dass das
Unternehmerbild in der Gesellschaft alles andere als attraktiv ist. „Wer Krimis
im TV schaut, der wird feststellen, dass Unternehmer überwiegend als Täter oder
als hochgradig unmoralisch dargestellt werden. Dabei machen 99,9 Prozent aller
Firmeninhaber einen absolut seriösen Job.“

Langfristige Herangehensweise
sinnvoll

Mit Blick auf die Regelung der
Unternehmensnachfolge machte Winkelmann deutlich, dass zu selten mit Weitblick
und Strategie agiert werde. Zwei bis
drei Jahre Vorbereitungszeit seien ideal. Bei einer guten Nachfolgeregelung
würden frühzeitig Fragen der Personal- und Altersstruktur gestellt, ebenso wie beispielsweise
die Fragen der Marktperspektiven oder der Digitalisierungsgrades. Winkelmann:
„Aktuell stellen wir fest, dass die Preise, die für Unternehmen gezahlt werden,
sinken. Die Schließungsquote ist auf 15 Prozent angestiegen.“

Im Normalfall dauere ein
konkreter Nachfolgeprozess 9 bis 15 Monate und beginne mit der Fragestellung,
welches Ziel der Verkäufer verfolgt. „Unsere Aufgabe ist dann, Wünsche und
Realitäten abzugleichen und mit Hilfe unserer Kenntnisse und Datenbanken erste
Einschätzungen zu geben.“ Weitere Schritte seien die Analyse der Strukturdaten
des Unternehmens, der Markt- und der Personalsituation. Die Kosten für die Begleitung
einer Nachfolgeregelung seien kalkulierbar, würden sich aus einem Grundbetrag
und Provision zusammensetzen und sind zwischen den beteiligten Partner frei
verhandelbar. Winkelmann machte deutlich, dass es bei dem Nachfolge-Prozess
wichtig ist, sich Experten zu holen, für die dieses Thema Alltag ist. „Manch
Übergang hat am Ende einen halben Meter Vertragsunterlagen“, so Winkelmann. Das
zeige die Komplexität einer Betriebsübergabe

Unternehmertum attraktiver
darstellen



In der sich anschließenden intensiven
Diskussion wurde deutlich, dass eine zentrale Aufgabe darin besteht, die
Attraktivität des Unternehmerdaseins stärker an die nächsten Generationen zu
transportieren. Das müsse bereits in der Schule beginnen und sich im Studium
fortsetzen. Ebenso sollten ehrenamtliche Angebotewie die Mentoren für
Unternehmen in Schleswig-Holstein e.V., die es landesweit zur Beratung bei
Unternehmensübergangsfragen gibt, bekannter gemacht werden. Zudem sei es die
Aufgabe der Politik, die Förderbedingungen für Unternehmensübergänge regelmäßig
auf den Prüfstand zu stellen, um interessierten jungen Menschen die
Finanzierung und den Kauf eines bestehenden Unternehmens zu erleichtern und so
dafür sorgen, dass Unternehmensfortführungen öfter und leichter möglich werden.


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