Neumünster vor der Wahl: Wirtschaft, Verwaltung und KI im Fokus

Wirtschaftsrat bringt Kandidaten für das Oberbürgermeisteramt mit Unternehmern ins Gespräch

Marco Thies, Emanuel Rose, Frank Matthiesen, Jan Osterloh (v.l.) / (c) Wirtschaftsrat

Am 18. April 2027 entscheidet Neumünster über die künftige Besetzung des Oberbürgermeisteramtes. Bereits sieben Monate vor der Wahl bot die Sektion Neumünster des Wirtschaftsrates ihren Mitgliedern die Gelegenheit, drei der Kandidaten unmittelbar kennenzulernen und zu ihren Vorstellungen für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt zu befragen. Im Holstenhallen Congress Center stellten sich Frank Matthiesen, Vorsitzender der SPD-Rathausfraktion, Emanuel Rose, Vorsitzender des FDP-Kreisverbandes Neumünster, und Marco Thies, Amtsdirektor des Amtes Bordesholm, der Diskussion. 

Jan Osterloh, Sprecher der Sektion Neumünster, begrüßte die Teilnehmer und machte deutlich, dass insbesondere die Zukunft Neumünsters als Logistik- und Wirtschaftsstandort im Mittelpunkt des Austausches stehen sollte. Nach einer kurzen persönlichen Vorstellung der Kandidaten entwickelte sich eine offene Fragerunde, in der die Unternehmer vor allem wissen wollten, wie die Bewerber wirtschaftliches Wachstum ermöglichen, Verwaltungsverfahren beschleunigen und die vorhandenen Standortvorteile Neumünsters besser nutzen wollen.

Ein wiederkehrendes Thema war dabei das Verhältnis von Verwaltung und Wirtschaft. Matthiesen rückte den Abbau von Bürokratie und eine veränderte Verwaltungskultur in den Mittelpunkt. Statt einer auf möglichst vollständige Fehlervermeidung ausgerichteten Organisation brauche es aus seiner Sicht eine „Lernkultur“, die Verantwortung ermögliche und Entscheidungen erleichtere. Aus seiner beruflichen Erfahrung wisse er zudem, worauf es bei der Betreuung von Investoren und der Umsetzung größerer Projekte ankomme. Der heutige Leiter der Polizeidirektion Itzehoe war unter anderem im Innenministerium, als Dozent für Verwaltungsrecht sowie für die Landesregierung an der Deutschen Botschaft in Kairo tätig. Als Aufsichtsratsvorsitzender der Wirtschaftsagentur Neumünster ist er zudem unmittelbar mit Fragen der kommunalen Wirtschaftsförderung befasst.

Thies knüpfte an die Lernkultur aus der Perspektive eines Verwaltungsleiters an. Verwaltung müsse Wege eröffnen, statt zusätzliche Hürden aufzubauen, betonte er. Als Amtsdirektor in Bordesholm trägt er heute die Gesamtverantwortung für Personal, Finanzen und Organisation; zuvor war er in leitender Funktion bei der Stadt Neumünster unter anderem für Haushalt, Schule, Jugend, Kultur und Sport verantwortlich. Gerade seine Kenntnis von Verwaltungsstrukturen und -prozessen bezeichnete er in der Diskussion als besondere Stärke.

Rose brachte insbesondere seine unternehmerische Perspektive ein. Seit knapp 20 Jahren ist er nach eigenen Angaben selbstständig und führt vier Unternehmen in fünf Bundesländern. In der Diskussion kritisierte er, dass Neumünsters Standortpotenziale trotz der verkehrsgünstigen Lage über viele Jahre nicht ausreichend weiterentwickelt worden seien. Schnellere und verlässlichere Genehmigungsverfahren, eine aktive Ansiedlungspolitik und zusätzliche Gewerbeflächen gehören auch in seinem Wahlprogramm zu den zentralen wirtschaftspolitischen Vorhaben.

Damit rückte eine weitere Frage in den Vordergrund: Wie kann Neumünster seine Lage im Zentrum Schleswig-Holsteins besser für wirtschaftliches Wachstum nutzen? Rose verwies auf die gute Anbindung an Straße und Schiene und plädierte dafür, die Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden bei der Entwicklung neuer Gewerbeflächen zu intensivieren. Auch Thies sah in neuen Ansiedlungen und Investitionen einen wesentlichen Schlüssel für die weitere Entwicklung. Neumünster dürfe dabei nicht isoliert vom Umland betrachtet werden. Unterschiedliche Voraussetzungen und Verfahren gelte es nach seiner Auffassung stärker aufeinander abzustimmen, um Zeit und Kosten zu reduzieren. 

Aus dem Teilnehmerkreis wurde zudem die Frage nach dem Einsatz Künstlicher Intelligenz in der Verwaltung gestellt. Hier zeigten sich bei allen drei Kandidaten grundsätzlich große Erwartungen an die neuen technischen Möglichkeiten. Rose verwies unter anderem auf Potenziale bei Kostenanalysen sowie bei der Planung wirtschaftlicherer und ökologisch tragfähiger Bauvorhaben. Thies sah KI als Instrument, um Verwaltungsprozesse zu unterstützen, Beschäftigte zu entlasten und zugleich auf den zunehmenden Fachkräftemangel zu reagieren. Matthiesen bezeichnete den Einsatz von KI ebenfalls als wegweisend und notwendig, wenn bestehende Prozessabhängigkeiten vereinfacht und Verwaltungsabläufe effizienter gestaltet werden sollen. 

Der Fachkräftemangel beschäftigte die Runde auch über die Digitalisierung hinaus. Matthiesen sprach sich für eine gesteuerte Zuwanderung von Arbeitskräften aus und betonte, dass dabei neben funktionierenden sozialen Strukturen auch die Unternehmen einbezogen werden müssten. Zugleich regte er an, die Rolle der Wirtschaftsagentur stärker in Richtung einer aktiven Projektbegleitung weiterzuentwickeln. Auch die Energieversorgung verband er mit der Frage künftiger Standortentwicklung und verwies beispielhaft auf die Möglichkeit, Abwärme von Rechenzentren für die Wärmeversorgung nutzbar zu machen. 

Neben den klassischen Standortfragen kam auch die Entwicklung der Innenstadt zur Sprache. Rose möchte den aus seiner Sicht problembehafteten Stadtkern wieder stärker zu einem Ort wirtschaftlicher Aktivität und höherer Aufenthaltsqualität entwickeln. Thies griff ebenfalls die Wahrnehmung der Innenstadt auf und formulierte das Ziel, sie wieder stärker zum „Wohnzimmer“ der Stadt und damit zu einem lebendigen sozialen Raum zu machen. Roses nannte eine lebendige Innenstadt ausdrücklich als Bestandteil seiner Wirtschaftspolitik; Thies stellte in der Diskussion die Verbindung von Aufenthaltsqualität, Sicherheit und Stadtentwicklung heraus.