„Wenn Du so eine Attacke erlebst, bekommst Du Existenzangst“

Es war die Zahl des Tages
bei der Cyberabwehrkonferenz Schleswig-Holstein, zu der der Wirtschaftsrat der
CDU e.V. nach Kiel in das Technologiezentrum eingeladen hat. 2021 sind in
Deutschland durch Cyberkriminalität in der Wirtschaft Schäden mit einer Höhe
von 233 Milliarden Euro verursacht worden. Grund genug, dass sich im Kieler
Innovations- und Technologiezentrum GmbH fünfzig Experten und Interessierte
trafen, um aktuelle Entwicklungen, die Maßnahmen seitens der Politik und der
Polizei sowie Erfahrungen aus der Wirtschaft zu berichten.
Diana Pabst, Vorsitzende der Fachkommission Digitalisierung des Wirtschaftsrates
Schleswig-Holstein, machte zu Beginn deutlich, dass es „nicht mehr nur die
großen Konzerne in Deutschland sind, die durch kriminelle Hacker-Gruppen
angegriffen werden, sondern auch immer mehr Handwerksbetriebe, Kanzleien oder
Arztpraxen“. Die größte Gefahr sei derzeit, dass die Daten der Unternehmen
durch die Kriminellen verschlüsselt werden und dann erst nach der Zahlung von
Lösegeld wieder freigegeben werden. Ein weiterer Trend sei, dass immer häufiger
mit professionell erstellten falschen Identitäten gearbeitet werden. Pabst:
„Die Zahl der Angriffe steigt von Jahr zu Jahr. Die Aufklärungsquote ist heute
bisher sehr gering. Für jedes Unternehmen stellt sich die Frage, wie im Falle
eines Angriffs mit dem Thema intern und extern umgegangen wird und wie sich der
Schaden reduzieren lässt.“ Pabst freute sich, dass es mit der Auswahl der
Referenten gelungen sei, aus verschiedenen Perspektiven auf das Thema zu
schauen: Unternehmer, IT-Experten sowie Vertreter der Polizei, eines
Versicherungsunternehmens und eines Wirtschaftsverbandes machten deutlich, wie
komplex die Herausforderung ist.
Basler: Brutalste
Erfahrung meines Unternehmerlebens
Gleich der erste Referent, Norbert Basler (Aufsichtsratsvorsitzender
Basler AG, Ahrensburg), zeigte auf, wie schnell es gehen kann, Opfer zu werden
und wie gravierend die Auswirkungen sind. Sein börsenorientiertes Unternehmen
mit etwa 1000 Mitarbeitenden auf der gesamten Welt, sei nachts angegriffen
worden. 1000 Server und 3000 Rechner seien betroffen gewesen. „Der Angriff kam
aus St. Petersburg von einer der dort geschätzt 60 weltweit tätigen Gruppen.
Das Ziel war klar: Mit Ransomware verschlüsseln, klauen und zerstören.“ Sein
Unternehmen habe Glück im Unglück gehabt, weil es noch eine Sicherheitskopie
gab, die nicht „gekapert“ wurde. Trotzdem habe man zwei Wochen nicht
produzieren und acht Wochen im Bereich Forschung und Entwicklung nicht arbeiten
können. Basler: „Wenn Du so eine Attacke erlebst, dann bekommst Du
Existenzangst und suchst aus einem Ohnmachtsgefühl heraus nach Hilfe. Das war
eine der brutalsten Erfahrungen meines Lebens.“
Polizei „glänzt“ mit Formularen und durch Abwesenheit
Das Glück seines Unternehmens sei gewesen, dass „wir
eine sehr gute Versicherung haben, die innerhalb weniger Stunden mit einem Team
anrückte und aus den Niederlanden viele Aufgaben, z.B. auch die Kommunikation
mit den Erpressern, übernommen haben.“ Das seien Profis gewesen, die genau
wussten, was sie machen. Basler: „Ich empfehle jedem Unternehmer, sich bei
Abschluss einer Versicherung anzusehen, wie im Schadensfall reagiert wird. Die
Profis haben sehr schnell viel auf den Weg gebracht.“ Während er bei der
Versicherung gute Erfahrung gemacht habe, sei es bei den deutschen Behörden
vollkommen anders gewesen. „Ich habe um 8 Uhr das erste Mal versucht, mit der Zentrale
Ansprechstelle Cybercrime (ZAK) in Schleswig-Holstein zu telefonieren. Da ging
der Anrufbeantworter ran. Man sei nur von 9 bis 15 Uhr erreichbar. Als ich dann
jemanden erreicht habe, hieß es: Wir schicken Ihnen per Post einige Formulare
zum Ausfüllen.“ Er habe in der gesamten Zeit keinen Beamten in seinem Haus
gesehen. „Entschlossenes Handeln und Expertenwissen sieht anders aus. Da hat
man uns im Stich gelassen und ich würde auch sagen, dass es keine Chance gab, uns
zu helfen“, so Baslers Fazit.
Neben der Frage, wie das Unternehmen wieder ins Laufen
komme, seien auch Themen wie Kundenkommunikation, Kontakt zu den Mitarbeitern
und Medienarbeit wichtig gewesen. „Der einzige Rechner, der zunächst noch lief,
war meiner mit einem anderen Betriebssystem. Durch die Profis und das Engagement
aller Mitarbeiter kann ich sagen: Es hätte schlechter laufen können.“ Entscheidend
sei, im Fall der Fälle durch die Versicherung absolute Profis sehr schnell an
seiner Seite zu haben.
Wilke: Manchmal reicht selbst ein doppelter Boden
nicht
Von einer Erfahrung, die im Zusammenhang mit dem
Ukraine-Krieg, steht, berichtete Utz Wilke (Geschäftsführender
Gesellschafter, Filiago GmbH & Co. KG, Bad Segeberg). Er bietet seit 2003 Satellitendienste
für Unternehmen an, die über diese Technik anstelle der Festnetz- oder
Mobilfunkverbindung Daten austauschen. Wilke: „Katastrophen kommen schneller
als man denkt und man kann sich nicht zu 100 Prozent schützen. Uns hat es eine
halbe Stunde bevor Russland den Ukraine-Krieg begonnen hat erwischt. Einige
unserer Kunden waren nicht mehr handlungsfähig.“ Was war passiert? Zehntausende
Anlagen bzw. Modems von Kunden, die europaweit über einen Satelliten kommunizieren
und zum Zeitpunkt des Angriffs online waren, wurden durch das Aufspielen neuer
Software zerstört. Wilke: „Bei uns hat es nur einen kleinen Teil der Kunden
betroffen. Insgesamt hat es 15 Tage gedauert, bis das System wieder lief.“
Größtes Opfer dieser Attacke sei das Unternehmen Enercon gewesen, das
Windkraftanlagen nicht mehr wie gewünscht steuern konnte.
Ziel des Angriffs sei Osteuropa gewesen. Wilke: „Für
uns stellte sich die Frage, warum ein ziviles Netzwerk angegriffen wurde. Dann
hat sich herausgestellt, dass ein Partner aus der Ukraine die Dienste an das
ukrainische Militär verkauft hat. Damit hatte niemand gerechnet“. Aus Wilkes
Sicht ist die Verletzbarkeit eines IT-Systems nicht vorhersehbar. „Wer sich schützen
will, der braucht doppelte Backups bei den Zugangsdaten, der Energieversorgung
und der Datenleitung.“ Es sei wichtig, sich in diesen Fragen immer von
IT-Spezialisten beraten zu lassen. „Manchmal reicht auch ein doppelter Boden
nicht, sondern es braucht einen dritten oder vierten Boden.“ Bei dem
beschriebenen Angriff seien die Kunden am schnellsten wieder arbeitsfähig
gewesen, die ein Ersatz-Modem vor Ort hatten.
Weingarten:Wir haben eine Cybersicherheitskrise höchster Stufe
Sehr deutliche Worte formulierte auch Bert
Weingarten (Vorstand der PAN AMP AG, Hamburg). Er skizzierte Markt- und
Systembeobachtungen eines Sicherheitsdienstleisters und beendete seine
Ausführung zu den Möglichkeiten, wie heute Deep-Fake-Attacken mit gefälschten
Audio- und Videonachrichten umgesetzt werden, mit den Worten: „Ich denke, ich
habe Sie genug verunsichert.“
Weingarten, der sich seit vielen Jahren mit seinem
Unternehmen mit dem Thema Sicherheit von Daten und Angriffen auch auf mobile
Devices beschäftigt, konzentrierte sich auf die Frage, wie es heute möglich
ist, menschliche Kommunikation perfekt digital und realitätsnach zu erzeugen.
Weingarten machte deutlich, dass es für Täter, die menschliche Profile erzeugen
wollen, trival sei, an Daten zu kommen. Innerhalb von drei bis sechs Monaten
könnten Menschen so mit ihrer Persönlichkeit, Stimme und Abbild ausgeforscht
werden, dass dann „alles möglich ist.“ Dafür würden Telefonate,
Audio-Nachrichten, Videos oder Videokonferenzen gezielt ausgewertet. Weingarten:
„Aus diesen Telemetrie-Daten werden dann Botschaften entwickelt, die
beispielsweise eine Assistentin veranlassen, 60 Millionen Euro auf ein Konto zu
überweisen, weil sie der festen Überzeugung ist, diese Anweisung von ihrem Chef
erhalten zu haben.“ Diana Pabst empfahl dazu die Verabredung von Kodewörtern
mit den Mitarbeitern.
Neuer Umgang erforderlich, da alles „perfekt fakebar
ist“
Weingarten ging in diesem Zusammenhang auf die
Datenschutzrichtlinien der weltweit führenden Anbieter von Videokonferenzsystem
ein. „Mit der Begründung der Qualitätsverbesserung sichern sich alle Anbieter
das Recht zu, alle Konferenzen aufzuzeichnen und – nicht EU-konform, die Anbieter
sitzen ausschließlich in den USA - auswerten zu dürfen.“ Wer das über die
Softwareeinstellungen ablehne, der müsse mit Funktionseinschränkungen leben. Zu
den Möglichkeiten einer kriminellen Nutzung entgegenzuwirken, sagte Weingarten
trocken: „Diese Kapazitäten haben die Landeskriminalämter aktuell nicht.“ Er
gehe davon aus, dass es in den nächsten Jahren ein substanzielles Problem wird,
„weil man nicht mehr weiß, wer was sagt.“ Er empfehle, den Gesprächspartner
künftig immer in Frage zu stellen und „Quellen stärker auf Zweit- oder
Drittmeinung zu verifizieren“. Man werde mit dem Thema komplett anders umgehen
müssen. „Alles ist perfekt fakebar.“
Wagemann: 88 Prozent aller Firmen werden attackiert
Wie die Wirtschaft und der Gesetzgeber auf die Zunahme
der Angriffe reagieren könnten, dazu referierte Markus Wagemann,
Geschäftsführer der Allianz für Sicherheit in der Wirtschaft Norddeutschland
(ASW). Es zeige sich, dass bereits jetzt 88 Prozent aller Unternehmen
angegriffen würden, beispielsweise auch durch Mail mit schadhaften Anhängen.
„Ich höre immer: Ja, ich weiß, dass es da Gefahren gibt. Aber mich wird das
nicht betreffen. Nur jeder dritte Firmenchef meint, dass es ihn auch treffen
könnte. Dabei ist mittlerweile kein Unternehmen mehr sicher“, so Wagemann. Er
regte an, dass der Gesetzgeber – ähnlich wie beim Thema Brandschutz – eine
Vorgabe über das Arbeitsschutzgesetz machen sollte, dass Mitarbeitende
regelmäßig für den Umgang mit IT-Gefahren unterwiesen werden. Zweimal pro Jahr
sollte ein Überblick über die Methoden der Kriminalität gegeben und die
Fähigkeiten, sich vor Angriffe zu schützen, geschult werden. Zudem sollten
Notfallpläne zur Pflicht werden. Wagemann: „Ich bin überzeugt, dass die
Mitarbeitenden bei diesen Schulungen mitmachen, denn sie hätten ja auch im
Privatbereich einen Nutzen davon.“ Wichtig sei, dass bei der Gesetzgebung keine
Überregulierung stattfinde und die Kostenseite berücksichtigt werde.
Podzins: Versicherungen werden deutlich teurer werden
Wie sich Firmen gegen die Schäden absichern können und
was eine Cyberversicherung kostet, darüber informierte Hauke Podzins (Versicherungsmakler
Podzins GmbH & Co. KG, Kaltenkirchen) anhand der fiktiven Firma
Maschinenbau SH. Das Unternehmen hat 110 Mitarbeitende und 20 Mio. Euro
Jahresumsatz und ist in der Verwaltung, der Logistik und der Produktion digital
vernetzt.
Podzins machte deutlich, dass die meisten Schäden
durch falsches oder unbewusstes Verhalten von Mitarbeitenden entstehen. „Bei
kleineren Firmen steht meistens der technische Schutz im Vordergrund. In fast
60 Prozent sind Mitarbeitende und ihr Verhalten der Grund für den Erfolg der
Angreifer“, so der 28-Jährige. Die Cyberversicherung unterscheide sich von den
meisten anderen Versicherungsarten dadurch, dass der Versicherer Kompensation bzw.
Reduzierung des Schadens für das Unternehmen oder für Dritte durch professionelle
Hilfe und Analyse der Umstände direkt eingreift. Zudem werde bei Abschluss
einer Police und dann regelmäßig auch eine Analyse der Gefahren zur Erhöhung
der Resilienz vorgenommen. Aktuell gebe es in Deutschland etwa 40 Anbieter für
diesen Versicherungstyp und „jeder hat für die Versicherungsleistung sein
Baukastensystem“. Aktuell müsste ein Handwerksbetrieb wie die Maschinenbau SH
mit jährlichen Versicherungskosten von etwa 1000 Euro rechnen. Für
Steuerberater oder Arztpraxen werde der Schutz aktuell für etwa 500 Euro pro
Jahr angeboten. Podzins: „Es ist allerdings davon auszugehen, dass die
Absicherung tendenziell in den nächsten Jahren deutlich teurer wird und sich
die Bedingungen weiterentwickeln werden.“ So sei nicht klar, wie geregelt
werde, wenn ein Angriff im Zuge eines Krieges gezielt durch ein anderes Land
erfolge.
Röhrl: Vertraulichkeit, Verfügbarkeit und
Verlässlichkeit sichern
Während der Konferenz kamen auch Vertreter der Polizei
und des Landes Schleswig-Holstein zu Wort. Sie hatten angesichts der
geschilderten Erfahrungen aus der Wirtschaft einen schweren Stand. Peter
Röhrl (Informationssicherheitsbeauftragter für die Landesverwaltung
Digitalisierung und zentrales IT-Management der Landesregierung) machte
deutlich, dass aus Sicht des Landes die Informationssicherheit im Fokus stehe.
Es gehe neben der Cybersicherheit um die Frage, wie im Zuge der Demokratie und
Rechtsstaatlichkeit sichergestellt werden kann, wie - so wie in der analogen
Welt - ein Schutz der Vertraulichkeit, eine Verfügbarkeit und Verlässlichkeit
von Infos und deren Verarbeitung gewährleistet werden kann. Das Land setzte auf
die Handlungsfelder Prävention, Detektion, und Reaktion. Dabei komme es auf
eine gute Verzahnung der drei Säulen Strafverfolgung (Landes- und Bundeskriminalamt),
Informations- und Cybersicherheit (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik
und Wirtschaftsschutz (Bundesamt für Verfassungsschutz) an. „Digitale Resilienz
ist eine gesamtstaatliche Aufgabe. Der Fokus muss auf der Widerstandsfähigkeit
einschließlich der Notfallplanung liegen. Dabei spielen auch die Unternehmen
eine wichtige Rolle.“
Oeffner: Kein Blaulicht und keine
Hardware-Beschlagnahmung
Für Lars Oeffner (Dezernatsleiter Cybercrime
und Digitale Spuren Landeskriminalamt Schleswig-Holstein, Kiel) ging es darum,
Vertrauen zurückzugewinnen und die Unternehmen zu ermuntern, bei Angriffen
immer die Polizei mit an den Tisch zu holen. Oeffner: „Als erstes entschuldige
ich mich bei Herrn Basler. Das ist absolut nicht gut gelaufen. Die Zentrale
Ansprechstelle Cybercrime habe sich weiterentwickelt. Heute würde die Reaktion
auf den Anruf anders ausfallen.“ Oeffner machte deutlich, dass die Zahl der
Angriffe, die der Polizei gemeldet wurden, in Schleswig-Holstein zuletzt sehr
stark und über dem Bundesdurchschnitt angestiegen sei. Leider könne er das über
die Aufklärungsquote nicht sagen, aber „das liegt auch daran, dass 95 Prozent
der Täter aus dem Ausland kommen.“ Bei Cybercrime sei man bei einer Quote von
30 Prozent, bei Ransomware bei lediglich zwei Prozent. Trotz dieser Zahlen
ermunterte Oeffner die Teilnehmer der Konferenz, die Polizei immer mit an den
Tisch zu holen. „Wir haben verstanden, dass es bei einem Angriff bei Ihnen
brennt und wir mit unserer Ermittlungsarbeit der Täter nicht an erster Stelle
stehen. Wir bringen unsere Kenntnisse ein und beraten beispielsweise im Umgang
mit den Tätern.“ Für die Ermittler sei es dabei selbstverständlich, „nicht mit Blaulicht
zu kommen, auch nicht im Unternehmen nach anderen Informationen oder Straftaten
zu schnüffeln, Hardware zu beschlagnahmen oder die Handlungsfreiheit im Umgang
mit Erpressern einzuschränken“. Er machte deutlich, dass nur die Einbindung der
Ermittler dafür sorgen könne, dass „wir mehr Täter zur Rechenschaft ziehen
können, denn nur dann gibt es keine Lösegelder mehr und die Fallzahl steigt
nicht weiter“.