„Wir lassen uns nicht erpressen!“

Cyberangriffe sind längst keine Fiktion mehr, sondern eine
bittere Realität. Sie zählen heute zu den bedeutendsten kriminellen
Bedrohungen. Insbesondere wirtschaftsstarke und liberal-demokratische Staaten
stehen im Fokus der Täter. Das Spektrum der Bedrohungen ist vielfältig, und es sind
längst nicht mehr ausschließlich Großkonzerne betroffen. Zunehmend geraten auch
kleine und mittelständische Unternehmen in den Fokus von Cyberkriminellen.
Vor diesem Hintergrund lud die Sektion Flensburg/Schleswig
auf Initiative ihres Sprechers Hauke Präger zu einer
Diskussionsveranstaltung in das Autohaus Bauer in Flensburg ein. Anlass war der
Cyberangriff auf die Bauer Gruppe im Jahr 2022. Vier Jahre nach dem Vorfall
berichtete die Unternehmensleitung offen über die damaligen Ereignisse, die
Folgen sowie die daraus gezogenen Konsequenzen. Ziel der Veranstaltung war es,
den Umgang mit Cyberangriffen praxisnah zu beleuchten sowie Risiken,
Handlungsbedarfe und Präventionsmaßnahmen im Bereich der Cybersicherheit zu
diskutieren.
Nach der Begrüßung der Teilnehmer und Gäste sowie einer
thematischen Einführung durch den Sektionssprecher schilderte Anja Bauer,
geschäftsführende Gesellschafterin der Albert Bauer GmbH, eindrücklich den
Ablauf des Cyberangriffs. Sie berichtete, wie der Angriff durch Mitarbeiter
entdeckt wurde und wie sie gemeinsam mit ihrem Ehemann nach der ersten
Schockphase reagierte. Für die Unternehmensleitung stand früh fest: „Wir lassen
uns nicht erpressen.“ Auf eine Auseinandersetzung mit den Lösegeldforderungen
wurde bewusst verzichtet. Stattdessen wurden umgehend die zuständigen Behörden
informiert und notwendige Maßnahmen eingeleitet.
In der Folge arbeiteten alle Beteiligten eng zusammen, um
die Handlungsfähigkeit des Unternehmens schnellstmöglich wiederherzustellen.
Übergangslösungen wurden geschaffen und den Mitarbeitenden ein hohes Maß an
Vertrauen entgegengebracht. Frau Bauer betonte in diesem Zusammenhang die
besondere Bedeutung dieses Vertrauens, da in der Ausnahmesituation auch
Missbrauchsmöglichkeiten bestanden hätten. Ihr Fazit fiel jedoch eindeutig aus:
Weder intern noch extern kam es zu Vertrauensbrüchen – im Gegenteil, alle Beteiligten
unterstützten sich gegenseitig nach Kräften. Diese Unterstützung erstreckte
sich nicht nur auf die Belegschaft, sondern auch auf externe Partner wie
Banken, Polizei, Landeskriminalamt und Finanzbehörden. Gemeinsames Ziel war es,
den Geschäftsbetrieb schnellstmöglich wiederherzustellen.
Dennoch hatte der Angriff weitreichende Konsequenzen:
Aufgrund der vollständigen Verschlüsselung relevanter Unternehmensdaten sah
sich das Ehepaar Bauer gezwungen, die bis dahin bestehenden sieben
Gesellschaften zu liquidieren und zwei neue Unternehmen zu gründen, um den
Fortbestand zu sichern. Trotz aller Widrigkeiten galt dabei stets die Maxime:
„Wir machen einfach weiter.“
Besondere Herausforderungen ergaben sich im Verhältnis zu
den Automobilherstellern, die infolge der Neugründung deutlich ungünstigere
Konditionen gewährten. Auch die gesetzlich vorgeschriebene Selbstanzeige nach
Datenschutzrecht erwies sich als aufwendig und bürokratisch. Die daraus
gewonnene Erkenntnis lautete, dass insbesondere in Fällen reiner
Datenverschlüsselung ohne Datenverlust der administrative Aufwand in keinem
angemessenen Verhältnis zum Erkenntnisgewinn steht.
Im Anschluss an den Erfahrungsbericht gab Dr. Frederik
Hogrefe, Staatssekretär im Ministerium für Inneres, Kommunales, Wohnen und
Sport, einen Überblick über die aktuelle Cybersicherheitslage in
Schleswig-Holstein. Demnach sei die Zahl der Cyberangriffe im vergangenen Jahr
um rund zehn Prozent gestiegen, während die Aufklärungsquote leicht rückläufig
sei. Dies sei sowohl auf die zunehmende Professionalität der Täter als auch auf
die häufig internationale Herkunft der Angriffe zurückzuführen. Dr. Hogrefe betonte
die Notwendigkeit eines ganzheitlichen Ansatzes zur Bekämpfung von
Cyberbedrohungen. Neben technischen Schutzmaßnahmen komme insbesondere der
Sensibilisierung und Aufklärung eine zentrale Bedeutung zu. Veranstaltungen wie
jene des Wirtschaftsrates leisteten einen wichtigen Beitrag zur
Bewusstseinsbildung und stärkten die Resilienz von Unternehmen gegenüber
digitalen Bedrohungen.
Im anschließenden Austausch hatten die Teilnehmer die
Gelegenheit, Fragen an die Referenten sowie an anwesende Experten des
Landeskriminalamts zu richten. Diskutiert wurden unter anderem
Entscheidungsprozesse im Krisenfall, die potenziellen Auswirkungen künstlicher
Intelligenz auf die Gefährdungslage, die Häufigkeit von Cyberangriffen sowie
die Wirksamkeit von Mitarbeiterschulungen und weiteren Schutzmaßnahmen.