Licht und Schatten: Wirtschaftsrat mit erster Bewertung des Koalitionsvertrags

Wolfgang Steiger: „Konsequenten Fokus auf Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit setzen“

Die Erwartungen an diese Koalition waren von Beginn an hoch:
Die Bürgerinnen und Bürger wollten einen echten Politikwechsel. Die Wirtschaft
braucht Planungssicherheit und mutige Reformen. Als Wirtschaftsrat haben wir
zahlreiche konstruktive Vorschläge eingebracht und die Verhandlungen kritisch
begleitet – mit dem Ziel, dass am Ende ein Signal des Aufbruchs steht.

Wolfgang Steiger, Generalsekretär des Wirtschaftsrats der
CDU e.V.: „In einer maximal angespannten politischen Großwetterlage kommt es
jetzt auf eine stabile und handlungsfähige Bundesregierung an. Insofern ist die
Einigung eine grundsätzlich gute Nachricht. Die Welt wartet in dieser volatilen
Situation auf ein Deutschland, das konsequenten Fokus setzt auf Wachstum und
Wettbewerbsfähigkeit. Die Einigung der Koalitionäre liefert dafür wirksame
Hebel. Es ist Aufgabe der nächsten Bundesregierung, den geschaffenen Rahmen
auch in diesem Sinne zu nutzen.“

Nach Auffassung des Wirtschaftsrats kommt es jetzt
insbesondere darauf an, dass nach der Entscheidung über die Grundgesetzänderung
konkrete Strukturreformen folgen. Denn der geschaffene Schuldenrahmen ist
gewaltig und damit wächst die Verantwortung, jeden einzelnen Euro des
Sondervermögens Infrastruktur sinnvoll einzusetzen – denn es ist nicht der
Staat, der mit zusätzlichen Milliardenausgaben Wachstum schafft. Ganz im
Gegenteil, sollte sich der Staat möglichst zurücknehmen und sich darauf
konzentrieren, den privatwirtschaftlichen Akteuren einen wachstumsfreundlichen
Rahmen zu bieten. Nach dem problematischen Start der Koalitionsgespräche konnte
sich die Union im weiteren Verlauf mit wichtigen Positionen durchsetzen und
entscheidende Weichenstellungen für Strukturreformen und damit für die
Wirtschaft erreichen. In der Gesamtschau zeigt der Koalitionsvertrag Licht und
Schatten. Hier einige Beispiele:


  • Positiv ist etwa, dass
    sich die künftigen Koalitionäre auf eine strukturelle Absenkung der
    Körperschaftssteuer um fünf Prozentpunkte in fünf Schritten verständigt
    haben – wenngleich 2028 dafür sehr spät kommt. Erfreulich ist, dass auch
    Personengesellschaften durch Verbesserungen beim Optionsmodell sowie der
    Thesaurierung entlastet werden. Der Solidaritätszuschlag hingegen bleibt
    leider bestehen.

  • Die vielen guten Ansätze
    im Bereich Bauen und Wohnen (z.B. Baubeschleunigung, Ersatz des bisherigen
    GEG durch eine einfachere und vor allem technologieoffenere Gesetzgebung)
    werden bedauerlicherweise durch Verschärfungen des Mietrechts
    konterkariert.

  • In der
    Infrastrukturpolitik ist u.a. das Bekenntnis zur Stärkung von
    Öffentlich-Privaten Partnerschaften wichtig, sowie auch die beabsichtigte
    Ausstattung der Autobahn GmbH mit eigener Kreditfähigkeit.

  • In der Arbeitsmarkt- und
    Sozialpolitik ist begrüßenswert, dass Transferempfänger künftig mehr
    gefordert sind. Das stärkt deren Arbeitsanreize. Auch die Konzentration
    auf eine wöchentliche statt auf eine tägliche Höchstarbeitszeit (wie
    bislang) ist positiv. Problematisch hingegen ist, dass die avisierte
    Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohnes die Tarifautonomie aushebelt und
    zugleich die Einstiegshürden in den Arbeitsmarkt weiter erhöht.

  • Unabdingbar war eine
    Verständigung auf Zurückweisungen an den Grenzen und weitere wirksame
    Maßnahmen gegen irreguläre Zuwanderung, wie etwa die Leistungsabsenkung
    für Ausreisepflichtige.

  • Ebenfalls positiv ist die
    Schaffung eines Digitalministeriums – eine Forderung, die der
    Wirtschaftsrat seit langem stellt.

  • In der Rentenpolitik haben
    Union und SPD mit der nächsten Ausbaustufe der Mütterrente sowie der
    Fixierung des Rentenniveaus auf 48 % leider massive Zusatzbelastungen
    zulasten der Steuer- und Beitragszahler vereinbart. Dies ist umso
    bedauerlicher vor dem Hintergrund, dass der nahende Ruhestand der
    Babyboomer die gesetzliche Rentenversicherung ohnehin an die
    Belastungsgrenze führt.

  • Die Beschleunigung von
    Planungs- und Genehmigungsverfahren für Industrieanlagen wird, das ist
    eine gute Nachricht, explizit benannt. Die Herangehensweise an das Umwelt-
    und Chemikalienrecht setzt die relevanten Schwerpunkte zur Erhöhung der
    Wettbewerbsfähigkeit. Die Abscheidung und Speicherung von CO2 wird zudem
    technologieoffen avisiert.

  • Im Bereich der
    Energiepolitik sind der Wegfall der Gasspeicherumlage, die Halbierung der
    Netzentgelte, die Senkung der Stromsteuer auf das europäische Mindestmaß
    und der anvisierte Industriestrompreis für kleine und mittelständische
    Unternehmen wichtige Entlastungssignale. Es fehlt hingegen die Nennung von
    Kernenergie als günstiger, klimafreundlicher und sicherer
    Versorgungsstrang.