Standpunkt 26.02.2026
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Standpunkt Steiger: Die Maschine und der Markt – oder: Wie viel Zukunft verträgt die Freiheit?

Die wirtschaftspolitische Kolumne von Wolfgang Steiger, Generalsekretär des Wirtschaftsrates


Den folgenden Text gibt es auch als Hörfassung*:

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Die Cafés sind geöffnet, die Straßen sauber, die Sonne spiegelt sich in den Glasfassaden der Hochhäuser. Und doch liegt eine eigentümliche Stille über San Francisco. In den Vororten stehen Häuser zum Verkauf, deren Kredite einst mit den Gehältern von Bankern, Produktmanagern und Software-Ingenieuren kalkuliert wurden. Die Hypotheken sind noch nicht flächendeckend notleidend – aber das Zutrauen, dass sie bedient werden können, ist verschwunden. In den Restaurants bleiben Tische frei, nicht weil niemand da wäre, sondern weil niemand sicher weiß, wie lange das eigene Einkommen noch reicht. Und diese Situation findet nicht nur in San Francisco statt – sondern vollzieht sich in vergleichbarer Weise überall auf der Welt.

So jedenfalls könnte ein Moment aussehen, wenn das Szenario für den Sommer 2028 einträte, das vor einigen Tagen „Citrini Research“ , ein kleines US-amerikanisches Forschungsinstitut, veröffentlicht hat. Das Gedankenexperiment der Forscher fraß sich zunächst im Eiltempo durch die Sozialen Netzwerke (der Tweet des Instituts auf X erreichte mehr als 25 Millionen Nutzer), fand den Weg in die klassischen Medien (das Wall Street Journal machte mit Ängsten zur KI-Ära auf) und dürfte ein wesentlicher Auslöser dafür gewesen sein, dass die Aktienmärkte auf Talfahrt gerieten (am Montag nach der Veröffentlichung wurde zwischenzeitlich ein hoher dreistelliger Milliardenbetrag an Börsenwert vernichtet).

Die Volkswirtschaft produziert in einem solchen Szenario, wie es die Forscher beschreiben, so viel wie nie zuvor. Die Produktivität explodiert. Und doch zirkuliert viel weniger Geld durch menschliche Hände. Denn die Maschinen arbeiten zwar – aber sie konsumieren nicht. Und genau das ist das Problem.

Die Spirale der rationalen Entscheidungen

Die Autoren der Studie beschreiben keine Verschwörung und keinen politischen Fehler, sondern eine Kettenreaktion aus lauter einzelwirtschaftlich vernünftigen Entscheidungen: Künstliche Intelligenz wird leistungsfähiger. Unternehmen ersetzen Tätigkeiten durch Algorithmen. Entlassene oder verunsicherte Angestellte konsumieren weniger. Sinkende Nachfrage erhöht den Margendruck. Unternehmen investieren noch stärker in KI, um ihre Kosten weiter zu senken. Die Systeme werden erneut besser – und der Zyklus beginnt von vorn. Die Autoren sprechen von einer „Intelligence Displacement Spiral“.

Das Beunruhigende daran ist nicht Irrationalität, sondern ihre Abwesenheit. Jeder Vorstand handelt betriebswirtschaftlich klug. Jeder Investor optimiert Rendite. Jeder Manager schützt Wettbewerbsfähigkeit. Und dennoch entsteht im Aggregat ein deflationärer Sog.

Warum dieses Szenario ernst zu nehmen ist

Die eigentliche Provokation des Reports liegt darin, dass er an einem historischen Dogma rüttelt: dass technischer Fortschritt stets mehr Jobs schafft als vernichtet. Die Autoren bestreiten nicht, dass neue Tätigkeiten entstehen. Sie weisen aber auf die Möglichkeit hin, dass diesmal die Substitutionsgeschwindigkeit höher sein könnte als die Adaptionsgeschwindigkeit der Gesellschaft.

Das wäre neu. Und gefährlich. Denn unsere Institutionen – Arbeitsmärkte, Steuersysteme, Kreditmodelle – beruhen auf der Annahme, dass menschliche Arbeitskraft als zentraler Produktionsfaktor erhalten bleibt. Wenn diese Annahme bröckelt, geraten die Fundamente ins Wanken. Die Autoren  warnen: „If the government doesn’t agree on what the problem is soon, the feedback loop will write the next chapter for them.”

Doch wer daraus den Schluss zieht, man müsse Innovation nun bremsen oder mit rigorosen Verboten gegensteuern, verkennt nicht zuletzt die Lehren aus der wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte, die die Bundesrepublik Deutschland über viele Jahrzehnte geschrieben hat. Ludwig Erhard verstand Freiheit stets als produktive Kraft, nicht als Bedrohung. Wohlstand entsteht nicht durch Stillstand, sondern durch die Fähigkeit, Wandel zu organisieren. 

Eine bürgerlich-liberale Antwort auf die Lernfortschritte der Maschinen

Gerade aus Perspektive der Sozialen Marktwirtschaft darf die Antwort daher nicht lauten: Fortschritt stoppen. Sie muss vielmehr lauten: Rahmenbedingungen modernisieren. Und zwar schnell. Aber wie könnte das gelingen? Und wie könnte Deutschland dabei sogar zu einem Vorbild werden, das für andere Staaten inspirierend wirkt und – ganz nebenbei – seine eigene Wettbewerbsfähigkeit in Relation endlich wieder verbessert?

1. Bildung flexibilisieren – Qualifikation als Schlüsselfaktor begreifen

Wenn die Halbwertszeit von Wissen schrumpft, muss Weiterbildung so selbstverständlich werden wie Altersvorsorge – dies gilt auch für die Umschulung zu solchen Berufen, die stärkere physische Aspekte beinhalten und sich damit schwieriger durch KI ersetzen lassen. Individuelle, steuerlich begünstigte Bildungsbudgets, portable Zertifikate und ein echter Wettbewerb privater Anbieter würden Anpassung beschleunigen, ohne staatliche Lenkungsbürokratie aufzubauen.

2. Abschreibungsanreize verbessern – Investitionen in „Human-Complementing Tech“ belohnen

Die Politik kann Abschreibungsmöglichkeiten für solche Technologien verbessern, die menschliche Arbeitskräfte ergänzen, statt diese zu ersetzen.

3. Steuerstruktur zukunftsfest machen – ohne die Substanz zu gefährden

Eine Ökonomie, in der menschliche Arbeit relativ an Bedeutung verliert, darf nicht einseitig auf der Besteuerung eben dieser Arbeit lasten. Die Lösung liegt jedoch nicht in einer stärkeren Substanz- oder Vermögensbesteuerung, die Investitionen hemmt, private Vorsorge entwertet und Unternehmensnachfolgen erschwert. Eine stärkere Orientierung an Wertschöpfung in der Besteuerung könnte hingegen Anpassung ermöglichen, ohne die Kapitalbildung zu strangulieren.

4. Kapitalbeteiligungen für Arbeitnehmer fördern – Partizipation an Produktivitätszuwächsen verbessern

Wenn Produktivitätsgewinne stärker zum Kapital wandern, sollte Politik nicht primär umverteilen, sondern Eigentum verbreitern. Mitarbeiteraktien, Beteiligungsfonds oder steuerbegünstigte Sparmodelle könnten helfen, genau dafür den Weg zu ebnen.

5. Wettbewerb stärken – Unternehmertum vereinfachen

Die Gefahr liegt weniger in der KI selbst, als in ihrer Monopolisierung. Offene Standards, Interoperabilität und ein intelligentes Kartellrecht sind Garanten für echten Wettbewerb. Und wenn alte Jobs verschwinden, müssen neue dafür schneller entstehen. Weniger Bürokratie für Gründungen würde hier stärker wirken als jedes Subventionsprogramm.

All diese Maßnahmen zusammengenommen wären vielleicht kaum ausreichend, um das Problem zu lösen – aber es könnte ein Anfang sein, um das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen.

Der Report von „Citrini Research“ ist letztlich keine Prognose, sondern eine Mahnung. Er erinnert daran, dass wirtschaftliche Ordnungen keine Naturgesetze sind, sondern menschengemachte Institutionen. Und Institutionen lassen sich reformieren, bevor sie zerbrechen. Der liberale Denker Friedrich August von Hayek schrieb in „Der Weg zur Knechtschaft“, Fortschritt entstehe dort, wo Gesellschaften bereit seien, Unsicherheit auszuhalten. Genau diese Bereitschaft entscheidet auch jetzt: Ob wir KI als Bedrohung interpretieren – oder als Prüfstein unserer Anpassungsfähigkeit. Das vielleicht Wichtigste an der „Citrini“-Studie steht in einem ihrer allerletzten Sätze. Sinngemäß: Es ist noch nicht zu spät. Die Zukunft ist kein Ort, der uns widerfährt. Sie ist ein Ort, den wir gestalten.


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