Standpunkt 02.04.2026
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Standpunkt Steiger: Goodbye Deutschland?

Die wirtschaftspolitische Kolumne von Wolfgang Steiger, Generalsekretär des Wirtschaftsrates


Den folgenden Text gibt es auch als Hörfassung*:

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Es sind oft unscheinbare Momente, in denen sich der Zustand eines Landes offenbart. Nicht im Kabinettssaal, nicht in einer Talkshow, sondern zum Beispiel am Küchentisch einer WG. Wir können sie uns wahlweise in München, Köln oder Leipzig vorstellen, das spielt keine Rolle. Zwischen Mietvertrag, Steuerbescheid und ersten Gedanken an Familiengründung fällt dort ein Satz, der in seiner Nüchternheit alarmierend ist: „Vielleicht gehe ich irgendwann einfach weg.“

Noch ist das kein Abschied. Aber es ist bereits ein Urteil.

Deutschland erlebt derzeit etwas, das man in einer alternden und wirtschaftlich ermüdeten Gesellschaft besonders ernst nehmen sollte: Nicht wenige junge Menschen zweifeln nicht nur an einzelnen politischen Entscheidungen – sie zweifeln am Ort selbst. Laut der jüngst veröffentlichten Studie „Jugend in Deutschland 2026“ geben 21 Prozent der 14- bis 29-Jährigen an, konkrete Auswanderungspläne zu hegen. Jeder fünfte also. 41 Prozent können sich ein Leben im Ausland grundsätzlich vorstellen.

Das ist kein folkloristischer Traum von Sonne und Meer. Es ist, nüchtern betrachtet, eine schleichende Kapitalflucht – nur, dass das Kapital in diesem Fall nicht auf Konten gebunden liegt, sondern in Köpfen, Händen, Ideen und Lebensjahren.  Eine solche Kapitalflucht kann sich Deutschland – das gilt es so hart zu formulieren – schlichtweg nicht leisten. Und genau darin liegt die Dramatik.

Man muss das Szenario nur einmal ernsthaft durchspielen. Wenn aus diffusem Auswanderungswillen reale Abwanderung wird, verliert Deutschland nicht einfach „junge Leute“. Es verliert überproportional jene Phase des Lebens, in der Produktivität, Risikobereitschaft, Gründungsneigung und Familienbildung zusammenfallen. Daten der KfW zeigen, dass gerade Jüngere überdurchschnittlich gründungsaffin sind; 2024 waren 39 Prozent aller Gründerinnen und Gründer zwischen 18 und 29 Jahren, das Durchschnittsalter der Gründenden lag bei 34,4 Jahren – so jung wie nie. Wer in diesem Alter geht, nimmt also nicht nur eine Stelle aus der Statistik mit, sondern potenziell ein Unternehmen, Patente, Arbeitsplätze und künftige Steuerzahlungen. Die Logik ist unerbittlich: Eine ohnehin alternde Volkswirtschaft kann den Verlust ihrer mobilen, qualifizierten und unternehmerischen Jahrgänge nicht einfach „kompensieren“. Schon heute warnen etwa OECD und ifo vor einem Rückgang des Arbeitskräftepotenzials, schwacher Produktivitätsdynamik und einer fortgesetzten Erosion des Standorts. Deutschlands Wachstum bleibt fragil; selbst optimistische Prognosen lesen sich bislang eher wie die Beschreibung eines Patienten auf Reha.

Die Folgen einer realen Abwanderung in diesem Ausmaß wären tiefgreifend. Erstens würde der Fachkräftemangel vom Engpass zum Strukturdefekt. Zweitens würde die Innovationsfähigkeit sinken – nicht abstrakt, sondern sehr konkret in Laboren, Start-ups, Mittelständlern, Ingenieurbüros und Universitäten. Drittens würde die demografische Schieflage noch schärfer als sie heute schon ist: Wer im jungen Erwerbsalter geht, zahlt keine Beiträge mehr in jene Systeme ein, die ohnehin unter Druck stehen. Und viertens – vielleicht am gefährlichsten – würde ein solcher Exodus die Erwartungspsychologie eines Landes verändern. Wenn die Tüchtigen, Ehrgeizigen und Internationalen gehen, dann verliert ein Land nicht nur Leistung, sondern Selbstvertrauen. Es beginnt, sich selbst als Ort begrenzter Möglichkeiten zu begreifen.

Alexis de Tocqueville, der als Begründer der vergleichenden Politikwissenschaft im 19. Jahrhundert gilt, bemerkte sinngemäß, dass Gesellschaften nicht daran zugrunde gehen, dass sie Mängel haben, sondern daran, dass sie ihre Mängel für naturgegeben halten. Genau diese Resignation droht. Zu viele junge Menschen erleben Deutschland inzwischen als Land hoher moralischer Ansprüche und erstaunlich geringer praktischer Beweglichkeit: eine erdrückende Steuerlast, knapper Wohnraum, langwierige Verfahren, hohe Energiepreise, ein Staat, der gern reguliert und selten erleichtert. Wenn Deutschland seine Jungen halten will, muss es aufhören, ihnen vor allem Zumutungen zu organisieren. Was es stattdessen braucht, ist die politische Wiederentdeckung der Ermöglichung.

Wer mehr Verantwortung übernimmt, darf davon nicht nur auf dem Papier etwas haben. Niedrigere Grenzbelastungen für junge Fachkräfte, bessere steuerliche Bedingungen für Mitarbeiterbeteiligungen und ein echter Gründerfreiraum in den ersten Berufsjahren wären ein Anfang. Ein besonders wichtiger Ausdruck dessen, dass sich Leistung lohnt, ist, dass aus ihr die Chance auf Eigentum erwächst. Ein Land jedoch, in dem junge Menschen selbst bei gutem Einkommen kaum Aussicht auf Wohneigentum oder Vermögensaufbau haben, produziert Bindungslosigkeit. Eigentum ist nicht bloß Besitz; es ist ein zivilisatorisches Band zwischen Gegenwart und Zukunft. Des Weiteren braucht Deutschland wieder eine Erzählung des Gelingens. Nicht staatsromantisch, nicht pathetisch, sondern glaubwürdig: dass dieses Land Anstrengung belohnt, Aufstieg ermöglicht und Zukunft nicht als Verzichtserziehung missversteht.

Ludwig Erhard wusste, dass Wohlstand nie aus Verteilung, sondern aus Ermöglichung entsteht. Sein Leitsatz bleibt aktuell: „Wohlstand für alle“, nicht als Versprechen der Bequemlichkeit, sondern als Ordnung der Chancen.

Zurück an den WG-Küchentisch von Beginn dieses Textes. Die mutmachende Nachricht ist: Die Koffer sind noch nicht gepackt. Der Entschluss zur Auswanderung ist noch nicht gefallen. Noch ist es möglich, dass junge, top-qualifizierte Menschen in Deutschland nicht nur Herkunft, sondern Zukunft sehen. Aber diese Zuversicht fällt nicht vom Himmel.

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