Standpunkt 12.03.2026
Drucken

Standpunkt Steiger: Iran-Konflikt: Schwarzer Schwan für die Weltwirtschaft?

Die wirtschaftspolitische Kolumne von Wolfgang Steiger, Generalsekretär des Wirtschaftsrates

Den folgenden Text gibt es auch als Hörfassung*:

Web-Player von podcast.de | Spotify | Youtube | Apple Music

Der Iran-Konflikt dominiert die Schlagzeilen. Standen zu Beginn vor allem die militärische Perspektive und geostrategische Entwicklungen im Mittelpunkt, wird immer klarer, dass auch drastische Konsequenzen für die Weltwirtschaft drohen, wenn sich der Konflikt länger hinzieht und sich ausbreitet. Erneut sehen sich viele Volkswirtschaften dem doppelten Druck steigender Energiekosten und Unterbrechungen der Lieferketten auf See- und Luftwegen ausgesetzt. Dies gilt umso mehr, da sich die Analyse des Economist zu bewahrheiten scheint, dass sich die US-israelische Operation gleichzeitig durch „operationale Präzision und strategisches Chaos“ auszeichnet. Dieser Eindruck verfestigte sich unter anderem dadurch, dass die US-Administration das Ziel des Einsatzes gleich mehrfach änderte – von einer nachhaltigen Schwächung des Mullah-Regimes über einen vollständigen Regimewechsel bis zu einer umfassenden Zerstörung des iranischen Atomprogramms. An einem Tag spricht US-Präsident Donald Trump davon, nur eine „bedingungslose Kapitulation“ Teherans könne die Angriffe auf den Iran stoppen, am nächsten erklärt er den Krieg „für so gut wie beendet“. Vermittelbare Vorstellungen über die künftige politische Verfasstheit des Irans sind daraus nicht zu erkennen  die Erfahrungen aus Afghanistan und dem Irak lassen einen jedoch besorgt zurück. Bundeskanzler Friedrich Merz kritisiert deshalb zu Recht, dass es keine überzeugende Exit-Strategie gebe und ein gemeinsamer Plan für ein schnelles Kriegsende fehle. Eine Verfestigung des Konfliktes würde gerade auch Deutschland treffen, das ohnehin unter hohen Energiepreisen und einer ausgeprägten Wachstumsschwäche leidet. Nun werden einmal mehr strategische Schwachstellen deutlich. 

Noch dominiert die gravierende Unsicherheit über das Ausmaß des Konflikts. Beim Ölpreis hat es zuletzt eine regelrechte Achterbahnfahrt gegeben. Innerhalb weniger Stunden schoss er von über 80 USD pro Barrel auf knapp 120 USD hoch. Als dann US-Präsident Donald Trump verlauten ließ, der Krieg sei bereits weit fortgeschritten und auch die G7-Gruppe erklärte, Notfall-Ölreserven freizugeben, um die Auswirkungen der steigenden Energiepreise abzumildern, gab der Preis schlagartig wieder auf zeitweise rund 80 USD pro Barrel nach. Bloomberg-Kolumnist John Authers brachte es treffend auf den Punkt: „Es vergehen Jahre mit weniger Aktivität auf dem Ölmarkt, als wir es alleine am ersten Tag dieser Woche erlebt haben.“ Die nächsten Tage werden zeigen, ob die Aufschläge und die Volatilität lediglich eine kurzfristige „Kriegsprämie“ sind oder sich der Blick auf eine systemische Fragilität richtet, was eine grundlegende Neubewertung und -bepreisung nach sich ziehen würde - mit tiefgreifenden Folgen. Denn trotz der hohen Volatilität der Öl- und Gaspreise scheinen viele Marktsegmente die Ausweitung des Krieges im Nahen Osten bislang als „Fleischwunde” zu betrachten - als vorübergehende und schnell reversible Störung einer ansonsten widerstandsfähigen Weltwirtschaft. 

Dieses Bild droht sich gerade zu wandeln. Bislang war etwa die Sperrung der Straße von Hormus  zweifellos eine Lebensader der Weltwirtschaft - weniger deshalb ein Problem, weil der Iran dies effektiv kontrollieren könnte, sondern weil keine Versicherung weltweit in der derzeitigen Lage Schiffe versichert. Der Einsatz von Seeminen dagegen könnte den freien Warenverkehr auf unbestimmte Zeit gefährden und selbst über Jahre nachwirken, weil die Beseitigung solcher Minen extrem zeitaufwendig ist. Der Iran-Krieg könnte einen „erheblichen stagflationären Schock“ für die gesamte europäische Wirtschaft auslösen, warnt deshalb EU-Wirtschaftskommissar Valdis Dombrovskis eindringlich. Tatsächlich gilt über den Daumen kalkuliert: Jeder anhaltende Anstieg des Ölpreises um zehn USD pro Barrel kostet in den Industrieländern etwa 0,1 Prozent an BIP-Wachstum. Für die ohnehin  gebeutelte deutsche Volkswirtschaft eine weitere Hiobsbotschaft. In Asien dürfte aufgrund der hohen Importabhängigkeit der Faktor sogar zwei- bis dreimal so hoch sein. Es droht zudem der erneute Anstieg der Inflation. Research-Unternehmen prognostizieren, dass eine dreimonatige Sperrung zu einer Verdreifachung der Gaspreise in der EU führen könnte. „Ein Anstieg der Energiepreise übt insbesondere kurzfristig Aufwärtsdruck auf die Inflation aus“, erklärt EZB-Chefökonom Philip Lane. Das bringt die Zentralbank absehbar in ein Dilemma, spätestens dann, wenn der Preisschock nicht mehr als vorübergehend gilt und sich die Inflationserwartungen „entankern“. Sie müsste dann eigentlich die Leitzinsen anheben, um der Inflation zu begegnen. Gleichzeitig bremst das Wachstum, was eine lockere Geldpolitik erfordert. 

Die Zentralbank könnte kaum höhere Preisinflation in einer Zeit zulassen, in der die Bezahlbarkeit bereits ein wirtschaftliches, politisches und soziales Problem darstellt. Ebenso könnte die Eurozone mit schwachem Wachstum und einer viel zu hohen Verschuldung nur schwer höhere Zinsen und Finanzierungskosten verkraften. Angesichts der steigenden Inflation vergrößert sich auch das Risiko, dass die Fähigkeit des globalen Anleihemarktes, das Rekordangebot aufzunehmen, auf die Probe gestellt wird. Länder wie Japan, Frankreich oder Großbritannien wurden schon vor der Iran-Eskalation herausgefordert. Ablesen lässt sich zudem bereits, dass auch deutsche Bundesanleihen in der Krise an Attraktivität als sicherer Hafen verlieren. Sind in der Vergangenheit die deutschen Risikoprämien bei Krisen eher gefallen, so sind die Renditen deutscher Bundesanleihen zuletzt von 2,65 Prozent auf 2,86 Prozent angestiegen. Angesichts des Rekordvolumens, das es dieses Jahr an den Märkten zu finanzieren gilt, eine Entwicklung, die sich schnell auf den ohnehin löchrigen Bundeshaushalt auszuwirken droht.

Der Iran-Konflikt verschiebt auch die Statik bei anderen Konstellationen und Konflikten. Etwa mit Blick auf Russland. Noch vor einem Monat verkündete Donald Trump, Indiens Ministerpräsident Narendra Modi habe sich „bereit erklärt, keine russischen Öllieferungen mehr zu kaufen. Dies wird dazu beitragen, den Krieg in der Ukraine zu beenden.“ Nun die Rolle rückwärts. US-Finanzminister Scott Bessent erteilte Indien gerade offiziell eine „zeitweilige, 30 Tage dauernde Sonderfreigabe, russisches Öl zu kaufen.“ Indien steht auch exemplarisch für die dramatischen Lieferkettenprobleme, die über die Öl- und Gasversorgung hinausgehen. So ist das Land besonders stark durch das Wegbrechen von Düngemitteln betroffen. Allein Katar ist für rund 15 Prozent des Welthandels mit Harnstoff zuständig, der für Stickstoffdünger benötigt wird. Fehlt das Produktionsmittel für Dünger gerade in einer Zeit, in der die Felder bestellt werden, droht Lebensmittelnot. Strategische Reserven von Dünger, wie es sie etwa bei Erdöl oder Erdgas gibt, sind im Regelfall nicht vorhanden.

Wir beobachten erneut: Je weniger energieautark Länder sind, desto höher ist das Risiko und die Anfälligkeit für die jeweiligen Volkswirtschaften. Ohne Energie geht nichts. Reale Knappheiten von Öl und Gas auf dem Weltmarkt lassen sich auch nicht  durch Subventionen beseitigen. Prof. Stefan Kolev, der Leiter des Ludwig-Erhard-Forums, hat deshalb recht mit seiner Schlussfolgerung: „Wenn wir Unabhängigkeit, Souveränität und Resilienz wirklich ernst nehmen, müssen wir auch über Gasförderung in Deutschland und damit über  Fracking reden.“ Hierzulande gibt es große Erdgasvorkommen, die mit dieser Methode erschlossen werden könnten. Die Importabhängigkeit ließe sich massiv reduzieren und Deutschland könnte etwa ein Viertel seines Erdgasbedarfs selbst decken. In geopolitisch angespannten Zeiten wäre es fahrlässig, diese Optionen ungenutzt zu lassen. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hat hier zuletzt mutige Impulse gesetzt und muss diesen Weg nun entschlossen fortsetzen.

Zudem gilt es, sich an eine weitere Lehre aus der Corona-Zeit zu erinnern. Krisen und ökonomische Schocks können bei nicht vorhandenen fiskalischen Handlungsspielräumen schnell zu tieferen Verwerfungen führen.  Bereits während der Pandemie war sichtbar, dass einige hoch verschuldete Länder in der EU ohne externe EU-Garantien oder Anleihekaufprogramme der EZB kaum genug „fiscal space“ besaßen, um größere Krisenprogramme national zu finanzieren. Es mag abstrakt klingen, vor zu hohen Staatsschulden zu warnen oder auf Risiken der Anleihemärkte zu verweisen, doch hinter solch trocken klingenden Aussagen verbirgt sich ein potentiell zerstörerischer Mechanismus und ein hochkomplexer Ansteckungseffekt aus Währungs-, Markt- und individuellen Risiken, der unsere Lebensqualität und Freiheit ganz grundsätzlich beeinflusst. Gerade in Tagen, in denen über die Reform der Schuldenbremse gestritten wird und Überlegungen für gemeinsame europäische Anleihen Hochkonjunktur haben, braucht es mehr Ehrlichkeit und Differenzierung über Möglichkeiten, Grenzen und Gefahren staatlicher Ausgabenprogramme. Glaubwürdige Fiskalregeln und ihre Einhaltung sind heute angesichts der hohen Schuldenstände zur Vertrauensbildung absolut notwendig. Eine gegenläufige Politik würde dagegen destabilisierend wirken. 


Standpunkt Steiger jetzt Abonnieren

Mit dem Absenden dieses Formulars bitte ich um regelmäßige Zusendung der Wirtschaftskolumne „Standpunkt Steiger“ per E-Mail bis auf Widerruf. Der Widerruf ist jederzeit für die Zukunft formlos wie in unserer Datenschutzerklärung beschrieben möglich.

*Pflichtangabe