Standpunkt 05.03.2026
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Standpunkt Steiger: Vorsicht vor dem Robin-Hood-Staat

Die wirtschaftspolitische Kolumne von Wolfgang Steiger, Generalsekretär des Wirtschaftsrates

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Der Sherwood Forest in Nottinghamshire soll im späten Mittelalter der Rückzugsort von Robin Hood und seinen „Merry Men“ gewesen sein. Der Wald, in dem sie sich vor dem Sheriff von Nottingham versteckten und in dem sie der Legende nach von den Reichen nahmen und den Armen gaben. Verfechter des exzessiven Umverteilungsstaates geben heute vor, den englischen Wohltäter zu beerben. Erbschaftssteuer, Vermögenssteuer, höhere Abgaben auf Kapitalerträge - das klingt nach gerechter Umverteilung und edlen Motiven. Die Parole „Eat the rich“ suggeriert, es gäbe einen riesigen Finanzierungstopf, aus dem man sich folgenlos bedienen könne. Durch die rigorose Besteuerung großer Vermögen ließe sich dann angeblich die Ungleichheit in Deutschland spürbar reduzieren. Doch wer wirklich glaubt, diese Vorschläge umweht ein Hauch von Robin Hood, der läuft Gefahr, zu Mitteln zu greifen, die mehr schaden als nützen. Denn Wachstum ist kein Nullsummenspiel, es steht auch nicht im Widerspruch zu Umverteilung, sondern diese Elemente bedingen und verstärken sich wechselseitig. Die berechtigte Forderung nach Gerechtigkeit mit Ergebnisgleichheit zu verwechseln, kann deshalb schnell gerade jene Dynamik zerstören, die Sozialleistungen erst ermöglicht.

Das weit verbreitete Narrativ moderner Ungleichheit läuft in Dauerschleife. Auftrieb gewann die Ungleichheitserzählung durch Thomas Pikettys im Jahr 2013 erschienenes Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“. Piketty argumentierte die soziale Ungleichheit habe über Jahrzehnte dramatisch zugenommen und die Konzentration von Reichtum sei die unvermeidbare Folge des Kapitalismus. Obwohl Pikettys Arbeit gewaltige Mängel und eine selektive Datennutzung nachgewiesen wurden, werden die abgeleiteten Thesen bis heute kaum hinterfragt, sondern mantraartig weiterverbreitet. Auch deshalb, weil sie mit sichtbaren gesellschaftlichen Veränderungen einhergehen und ein Unbehagen unserer Zeit einfangen. Die Wohn- und Lebenshaltungskosten laufen in vielen Regionen den Löhnen davon. Die Durchschnittseinkommen sind hierzulande zwischen 2020 und 2025 nur um knapp 12 Prozent gestiegen, die Preisinflation betrug dagegen nahezu 22 Prozent.

Doch statt nachhaltig die Ursachen für diese Entwicklungen anzupacken, geben sich viele mit dem Kurieren am Symptom zufrieden - für sie steht fest: Die Ungleichheit explodiert, die Mittelschicht verschwindet und statt Sozialer Marktwirtschaft steuert Deutschland auf eine Oligarchie von Superreichen zu. Vizekanzler Lars Klingbeil etwa vermutet den Ursprung der Probleme des Wirtschaftsstandortes in der vermeintlichen Ungleichheit: „Ein Land, das ökonomisch gespalten ist, kann kein starkes Land sein.“ Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen Andreas Audretsch bezeichnet Deutschland als „Niedrigsteuerland für Reiche“ und sieht durch die ungleiche Verteilung durch Erbschaften gar die Demokratie gefährdet. Auch Juso-Chef Philipp Türmer fordert höhere Steuern für Erben und Kapitalerträge, ruft die SPD auf, sie müsse den „Klassenkampf führen“ und ist zudem überzeugt „Wir brauchen mehr Neid“. Zeitschriften titeln vom angeblichen „Steuerparadies Deutschland“ und abgerundet wird dieser Chor von international beachteten Ökonomen wie Gabriel Zucman, der eine koordinierte, jährliche Mindeststeuer fordert.

Ist es also nicht an der Zeit, konsequent umzuverteilen? Die Antwort darauf kann nur heißen: Das tun wir bereits. Betrachtet man den kumulierten Anteil an der Lohn- und Einkommenssteuer, finanzierten zuletzt ein Prozent aller Einkommensteuerpflichtigen, die absoluten Topverdiener, 23,6 Prozent, die oberen zehn Prozent der Steuerpflichtigen 56 Prozent und die obersten 25 Prozent über 77 Prozent des gesamten Aufkommens der wichtigsten Steuer in Deutschland. Der Anteil der unteren 50 Prozent am Gesamtaufkommen belief sich auf 6,5 Prozent. Werden Steuern, staatliche Transfers, Rentenansprüche und Vermögenswerte berücksichtigt, dann bekommt die Erzählung eine oft ignorierte Wendung. Das Bild der Vermögensverteilung und der vermeintlichen Gerechtigkeitslücke verändert sich grundlegend und die Darstellung der außer Kontrolle geratenen Ungleichheit fällt vollständig in sich zusammen – dafür sorgen die stark progressive Einkommensteuer, eine im internationalen Vergleich hohe Gewinnbesteuerung und ein umfassender Sozialstaat.

Der Economist hat unter der Überschrift „The Robin Hood state“ unlängst eine umfangreiche Analyse vorgelegt, die zu dem Ergebnis kommt, dass auch international die Einkommensdaten vor Steuern zwar auseinanderlaufen, dieser Effekt in der Nettobetrachtung jedoch deutlich überkompensiert wird und die westlichen Volkswirtschaften viel ausgeglichener sind, als es häufig dargestellt wird. Es gilt, die Wirkungszusammenhänge viel stärker herauszustellen: Nicht Sozialpolitik hat den modernen Massenwohlstand geschaffen, sondern marktwirtschaftliche Wertschöpfung und enorme Produktivitätsgewinne, die in der Folge sozialpolitische Maßnahmen erst ermöglichen.

Aber ist denn das Aufkommen ultrareicher Unternehmer nicht ein untrügerisches Zeichen für das Abdriften des Westens in eine Plutokratie? Hier entgleitet die Debatte: Risikobereite Unternehmer haben Firmen aufgebaut, deren Produkte und Dienstleistungen Bedürfnisse erfüllen und von Millionen freiwillig nachgefragt werden. Ihr Erfolg schafft Arbeitsplätze, Produktivitätsgewinne und Steuereinnahmen. Der ökonomische Kuchen wächst und viele partizipieren daran. Steigende Realeinkommen und wachsende Vermögenswerte sind Voraussetzungen für eine wohlhabende Gesellschaft und für einen leistungsfähigen Staat. Wer seinen Reichtum auf diese Art durch produktives Wirtschaften vermehrt und dabei überproportional reicher wird, ohne anderen etwas wegzunehmen, sondern sogar deren Wohlstand anhebt, der tut für die Gesellschaft etwas außerordentlich Förderliches, ja Notwendiges. Wer stattdessen eindimensional über „Ungleichheit“ klagt, dem ist offenbar Gleichheit wichtiger als der effektive Wohlstand der Menschen.

Falsche Diagnosen führen zu schädlichen Therapien. So ist es etwa charakteristisch für die Forderungen, die aus der Klage über die gesellschaftliche Ungleichheit abgeleitet werden, dass sie zwar stets mit einem hohen moralischen Gestus präsentiert werden, sie sich jedoch kaum in die steuerpolitischen Niederungen von konkreten Zahlenwerken begeben. Wer die Ebene der nebulösen Anklage nicht verlässt, braucht auch nicht die Folgen seiner Ideen für die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts mitdenken. Ein aktuelles Beispiel: Um zu beweisen, dass man durch die Wiedererhebung der Vermögenssteuer hohe Milliardenbeträge generieren könne, hat die Linke eine Studie beim DIW in Auftrag gegeben. Ergebnis - knapp 150 Milliarden Euro jährlich könnten so angeblich in die staatlichen Kassen gespült werden. Bayern könnte davon Hunderttausende fehlende Wohnungen finanzieren, Thüringen Kindergärten beitragsfrei machen, nimmt die Linke gleich die Robin Hood Pfeile aus dem Köcher. Doch es ist brandgefährlich, mit fiktiven Einnahmen aus einer statistischen Modellwelt, in der es keine Bewertungsprobleme, Ausweichreaktionen oder rechtliche Begrenzungen zu geben scheint, reale Ausgabenprogramme zu legitimieren.

„Es gibt keine verfassungskonforme Vermögensteuer, die ein Aufkommen in dieser Größenordnung generiert. Das ist einfach Humbug,“ bringt es Prof. Jan Schnellenbach auf den Punkt. Sogar das DIW selbst kommt zum Fazit, dass eine solche Umsetzung komplett unrealistisch ist. Auch jede internationale Evidenz widerspricht solchen Nettoerträgen. Länder wie Frankreich oder Norwegen, die eine vergleichbare Steuer eingeführt hatten, haben sie wegen eines geringen Nettoaufkommens, hoher administrativer Kosten und einer massiven Kapitalflucht wieder abgeschafft. In Norwegen rechnete der Staat durch die Vermögenssteuer mit zusätzlichen jährlichen Einnahmen von 150 Millionen Euro. Tatsächlich gingen knapp 600 Millionen Euro an jährlichen Steuereinnahmen durch die Abwanderungen verloren. In Frankreich lag der Schaden Schätzungen zufolge sogar im mittleren zweistelligen Milliardenbereich.

Die einseitige Fokussierung auf das Thema Ungleichheit lenkt von drängenden Problemen wie stagnierender Produktivität oder demografischen Herausforderungen ab. Diese Aufgaben benötigen Innovation und Investitionen – beides erfordert Kapitalbildung. Es gilt, das Wachstumspotenzial der Wirtschaft zu erhöhen, dem Einzelnen durch gute Bildung und Rahmenbedingungen mehr Chancen zu geben und Vermögensaufbau in breiten Bevölkerungsschichten zu ermöglichen. Ziel darf nicht die Bestrafung von Erfolg sein, sondern dessen Vervielfältigung - nur so entsteht Erhards „Wohlstand für Alle“.

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