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07.05.2026
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Innovation als Wachstumsmotor

©Jens Schicke

Der Innovations-Talk auf dem Wirtschaftstag 2026 stand ganz im Zeichen eines Themas, das derzeit Wirtschaft, Politik und Gesellschaft gleichermaßen prägt: Innovation als Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit, Wachstum und staatliche Handlungsfähigkeit im digitalen Zeitalter. In einer dicht und hochkarätig besetzten Panelrunde wurde deutlich, wie stark die Zukunft Deutschlands und Europas von der Fähigkeit abhängt, technologische Transformation nicht nur zu begleiten, sondern aktiv zu gestalten.

Den Auftakt machte der Moderator und Präsident für Industrial Automation Europa bei Honeywell, Benjamin Linke, der den Rahmen klar setzte: Innovation sei kein Selbstzweck, sondern die zentrale Grundlage für wirtschaftliches Wachstum und internationale Wettbewerbsfähigkeit. Entscheidend sei dabei vor allem die enge Zusammenarbeit über Unternehmensgrenzen, Branchen, Staaten und Politik hinweg. Besonders im Kontext der aktuellen Transformation von Honeywell – weg von klassischer Industrial Automation hin zu „Industrial Autonomy“ – wurde deutlich, wie tiefgreifend der Wandel bereits in der Industrie angekommen ist.

Ein besonderer Schwerpunkt der Diskussion lag auf der Rolle des Staates im Innovationsprozess. Dr. Karsten Wildberger, Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung, zeichnete ein ebenso selbstkritisches wie ambitioniertes Bild des Standorts Deutschland. Er verwies auf strukturelle Schwächen der vergangenen Jahrzehnte, insbesondere auf eine zu zögerliche Rolle Deutschlands bei technologischen Schlüsselentwicklungen wie Plattformökonomien und Künstlicher Intelligenz. Diese Versäumnisse dürften sich im KI-Zeitalter nicht wiederholen, da sich hier ein „Zeitfenster der letzten Chance“ für globale Wettbewerbsfähigkeit öffne.

Wildberger stellte dabei die umfassende Reformagenda seines Hauses in den Mittelpunkt: Staatsmodernisierung, digitale Infrastruktur, Verwaltungsdigitalisierung sowie die Entwicklung eines souveränen KI- und Technologieökosystems. Ziel sei ein Staat, der nicht bremst, sondern befähigt – mit klaren Verantwortlichkeiten, messbaren Projekten und konsequenter Entbürokratisierung. Besonders hervorgehoben wurden von ihm Fortschritte bei digitalen Verwaltungsdiensten, beim Ausbau der Glasfaserinfrastruktur sowie bei KI-gestützten Genehmigungsprozessen, die bereits signifikante Zeit- und Effizienzgewinne ermöglichen.

Ein internationaler Blick kam von Nandan Nilekani, Co-Founder und Chairman von Infosys, der die indische Digitalisierungsstrategie als Referenzmodell vorstellte. Mit dem sogenannten „India Stack“ habe Indien eine skalierbare digitale Infrastruktur geschaffen, die Milliarden Menschen erstmals in ein einheitliches digitales Identitäts-, Zahlungs- und Verwaltungssystem integriert habe. Entscheidender Erfolgsfaktor sei dabei nicht nur die Technologie selbst gewesen, sondern vor allem die konsequente Interoperabilität und der Aufbau offener, öffentlicher digitaler Plattformen. Nilekani betonte, dass echte Transformation erst dann entstehe, wenn digitale Infrastruktur als Grundlage eines gesamten Ökosystems verstanden werde – inklusive privater Innovation.

Aus unternehmerischer und europäischer Perspektive ergänzte Petra Justenhoven, Sprecherin der Geschäftsführung von PwC Deutschland und Chairwoman von PwC Europe, die Diskussion um die industrielle Wettbewerbsfähigkeit Europas. Sie zeichnete ein deutliches Bild der aktuellen Herausforderungen: sinkende Industrieproduktion, steigender globaler Wettbewerbsdruck – insbesondere aus China – sowie eine stagnierende Produktivität in Deutschland. Während chinesische Unternehmen zunehmend KI erfolgreich monetarisierten, bleibe Europa vielerorts noch im Pilotstadium stecken. Entscheidend sei daher die konsequente Skalierung von KI-Anwendungen in der Industrie, unterstützt durch eine datenbasierte Produktionsinfrastruktur.

Frau Justenhoven zeigte anhand konkreter Beispiele, wie KI bereits heute industrielle Prozesse revolutionieren kann – etwa durch die Vernetzung heterogener Maschinenparks in der Produktion und die Reduktion von ineffizienten Abstimmungsprozessen. Der zentrale Hebel sei dabei nicht die Technologie allein, sondern deren konsequente Integration in bestehende Wertschöpfungssysteme.

Den internationalen Abschluss setzte Lisa Monaco, ehemalige US Deputy Attorney General und Präsidentin für Global Affairs bei Microsoft. Sie betonte vor allem die Bedeutung der tatsächlichen Nutzung und Verbreitung von KI-Technologien. Innovation entstehe nicht durch Entwicklung allein, sondern durch breite Adoption in Wirtschaft und Verwaltung. Erfolgreiche Beispiele wie der Einsatz von KI in Produktionsprozessen oder öffentlichen Dienstleistungen zeigten, dass der größte wirtschaftliche Effekt dann entstehe, wenn Technologie in reale Arbeitsabläufe integriert werde.

Gleichzeitig hob sie hervor, dass regulatorische Klarheit, Sicherheitsstandards und internationale Kooperation entscheidend seien, um Vertrauen in neue Technologien zu schaffen. Nur so könne KI ihr volles Potenzial entfalten – sowohl für wirtschaftliches Wachstum als auch für gesellschaftlichen Fortschritt.

In der abschließenden Einordnung wurde deutlich: Der Innovationstalk machte nicht nur die Dringlichkeit der Transformation sichtbar, sondern auch ihre Richtung. Deutschland und Europa stehen vor der Aufgabe, Innovationsfähigkeit, staatliche Modernisierung und industrielle Wettbewerbsstärke konsequent miteinander zu verbinden. Der gemeinsame Nenner aller Beiträge war dabei eindeutig: Innovation entsteht dort, wo Staat, Wirtschaft und Technologieanbieter nicht getrennt agieren, sondern gemeinsam handeln.

Der klare Appell: Die technologischen und strukturellen Weichen sind gestellt – nun entscheidet die Geschwindigkeit der Umsetzung darüber, ob aus Visionen tatsächliche Wettbewerbsfähigkeit wird.