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07.05.2026
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Vom Assistenzsystem zum autonomen Handlungssystem: Agentic AI verändert Prozess- und Entscheidungsstrukturen

©Jens Schicke

Der Übergang von assistierender KI hin zu autonom handelnden Systemen wird von vielen Unternehmen inzwischen nicht mehr als evolutionäre Weiterentwicklung, sondern als grundlegender technologischer Paradigmenwechsel verstanden. Während bisherige KI-Systeme vor allem Inhalte generierten oder Entscheidungen unterstützten, verfolgen sogenannte Agentic-AI-Systeme eigenständig Ziele, koordinieren Prozesse und handeln autonom innerhalb komplexer digitaler Umgebungen. Genau darin sahen die Teilnehmer des Panels „Agentic AI“ auf dem diesjährigen Wirtschaftstag das zentrale Produktivitätsversprechen der Technologie.

Im Mittelpunkt der Diskussionen stand die Frage, ob Agentic AI tatsächlich strukturelle Produktivitätsgewinne erzeugen kann oder vor allem punktuelle Effizienzsteigerungen ermöglicht. Konsens bestand darin, dass die größten Potenziale nicht durch die Automatisierung einzelner Arbeitsschritte entstehen, sondern durch die vollständige Neugestaltung ganzer End-to-End-Prozesse und strategische Systemintegration. Agentische Systeme könnten komplexe operative Abläufe eigenständig koordinieren, Entscheidungen vorbereiten und Prozessketten dynamisch steuern.

Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels und steigender Wettbewerbsintensität wurde dies als strategischer Hebel für Unternehmen beschrieben. Genannt wurden insbesondere Potenziale bei schnelleren Genehmigungs- und Verwaltungsverfahren, neuen Automatisierungsstufen in industriellen Kernprozessen, datengetriebener Steuerung sowie skalierbaren Enterprise-AI-Anwendungen. Studien gehen inzwischen davon aus, dass generative und agentische KI-Anwendungen in Deutschland in den kommenden Jahren zusätzliche Wertschöpfung in dreistelliger Milliardenhöhe ermöglichen könnten.

Gleichzeitig wurde deutlich, dass nachhaltige Produktivitätsgewinne nur unter bestimmten Voraussetzungen realisierbar sind. Im Rahmen des Agentic-AI-Panels betonten die Teilnehmer, dass hochwertige Datenbestände, interoperable Systeme und integrierte Plattformarchitekturen zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor werden. Erst der Zugriff auf strukturierte, unternehmensspezifische Daten ermögliche belastbare und kontextbezogene Entscheidungen durch KI-Systeme. Ohne saubere Datenbasis bleibe Agentic AI vielfach ein experimentelles Werkzeug ohne nachhaltigen Skalierungseffekt.

Ebenso intensiv diskutiert wurden die Anforderungen an Governance, Cybersicherheit und regulatorische Klarheit. Mit zunehmender Autonomie von KI-Systemen steigen auch die Anforderungen an Transparenz, Cybersicherheit und klare Verantwortlichkeiten zwischen Mensch und System. Vor diesem Hintergrund wurde insbesondere die Debatte um den „AI Omnibus“ als entscheidend für die künftige Wettbewerbsfähigkeit Europas eingeordnet. Unternehmen bräuchten vor allem mehr Rechts- und Planungssicherheit sowie innovationsfreundliche Rahmenbedingungen.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Infrastrukturfrage. Diskutiert wurden insbesondere Cloud-, Rechenzentrums- und Energieinfrastrukturen, die zunehmend als strategische Schlüsselressourcen verstanden werden. Mehrere Beiträge machten deutlich, dass digitale Wettbewerbsfähigkeit künftig nicht allein durch technologische Innovation, sondern ebenso durch leistungsfähige Infrastruktur bestimmt wird.

Unter der Moderation von Olaf Boerner, BCC GmbH, diskutierten Thomas Jarzombek MdB, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung, und Marvin Schulz MdB, Mitglied im Ausschuss für Digitales und Staatsmodernisierung für die CDU/CSU Bundestagsfraktion, gemeinsam mit führenden Vertretern der Digitalwirtschaft über die wirtschaftlichen und regulatorischen Herausforderungen von Agentic AI.

Mit Alexander Wallner (Salesforce), Michael Hagedorn (Materna), Michael Jungwirth (Vodafone Deutschland), Thomas Wacker (maincubes), und Benjamin Sokolowski (Qualcomm Germany), kamen dabei Perspektiven aus der Sicht von Enterprise-Software, Verwaltungsdigitalisierung, Telekommunikation, Infrastruktur und Halbleitertechnologie zusammen. Die Diskussion verdeutlichte, wie eng KI-Anwendungen, Datenökosysteme, Infrastruktur und digitale Souveränität inzwischen miteinander verbunden sind.

Der Wirtschaftstag 2026 setzte damit insgesamt ein deutliches Signal des Aufbruchs für mehr Wettbewerbsfähigkeit, Innovationsfähigkeit und digitale Souveränität; oder, wie es im Verlauf des Veranstaltungstages treffend formuliert wurde: „Aus Resignation wird wieder Aufbruch.“