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08.04.2026
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Deutschland-Stack: Der Durchbruch für digitale Souveränität – oder nur ein weiteres Strategiepapier?

©Adobe Stock (Alek)

Die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung in Deutschland galt lange als Paradebeispiel für strukturelle Trägheit: föderale Fragmentierung, inkompatible IT-Systeme und eine historisch gewachsene Abhängigkeit von proprietären Lösungen. Mit dem sogenannten „Deutschland-Stack“ unternimmt die Politik nun einen neuen, ambitionierten Anlauf – und setzt dabei auf nichts Geringeres als einen technologischen Neustart auf Basis offener Standards.

Für die Bundesfachkommission Digitale Transformation des Wirtschaftsrates ist klar: Dieses Vorhaben hat das Potenzial, die digitale Leistungsfähigkeit des Staates grundlegend zu verändern – wenn es konsequent umgesetzt wird.

Ein Architekturwechsel für den Staat

Der vom IT-Planungsrat beschlossene Deutschland-Stack definiert erstmals einen verbindlichen technologischen Rahmen für die gesamte Verwaltungs-IT in Deutschland. Über 50 offene Standards – von Dokumentenformaten bis hin zu Cloud-Architekturen und KI-Protokollen – sollen künftig als gemeinsames Fundament dienen. 

Ziel ist es, die bislang stark fragmentierte IT-Landschaft zu harmonisieren. Denn aktuell arbeiten Bund, Länder und Kommunen vielfach mit inkompatiblen Systemen, die kaum miteinander kommunizieren können – ein zentraler Grund für die stockende Verwaltungsdigitalisierung. 

Der neue Ansatz geht dabei deutlich weiter als frühere Initiativen: Die IT-Architektur wird in sieben Schichten strukturiert – von der Infrastruktur bis zur Anwendungsebene inklusive künstlicher Intelligenz. Für jede Schicht werden konkrete, offene und herstellerunabhängige Standards definiert. 

Offene Standards als Schlüssel zur Souveränität

Im Zentrum des Deutschland-Stacks steht ein Paradigmenwechsel: Weg von proprietären Abhängigkeiten, hin zu offenen, interoperablen Lösungen.

Beispielhaft dafür ist die Festlegung auf das Open Document Format (ODF) als Standard für Dokumente in der Verwaltung. Ziel ist es, langfristig die Abhängigkeit von einzelnen Softwareanbietern zu reduzieren und einen reibungslosen Datenaustausch zu ermöglichen. 

Auch im Cloud-Bereich setzt die Bundesregierung auf offene Ansätze wie den Sovereign Cloud Stack, der Interoperabilität und Anbieterwechsel erleichtern soll. 

Damit wird deutlich: Digitale Souveränität ist nicht nur ein politisches Schlagwort, sondern wird erstmals technologisch konkret unterlegt.

Zwischen Anspruch und Realität

So überzeugend das Konzept auf dem Papier ist – die eigentliche Bewährungsprobe steht noch bevor.

Die Vergangenheit zeigt, dass Standardisierungsinitiativen in der Verwaltung häufig an der Umsetzung scheitern. Zwischen politischem Beschluss und tatsächlicher Beschaffung klafft oft eine erhebliche Lücke. 

Ein zentrales Risiko: Ohne verbindliche Vorgaben in Ausschreibungen und ohne konsequente Umsetzung in der Praxis bleiben selbst die besten Standards wirkungslos. Gleichzeitig konkurrieren offene Lösungen weiterhin mit globalen Hyperscalern, die mit marktreifen und sofort verfügbaren Angeboten punkten.

Hinzu kommt: Einige zentrale Bausteine – etwa im Bereich neuer Technologien oder interoperabler Schnittstellen – sind noch nicht vollständig definiert. Der Deutschland-Stack ist damit weniger ein fertiges System als vielmehr ein dynamischer Rahmen, der kontinuierlich weiterentwickelt werden muss.

Wirtschaft als Schlüsselpartner

Für die Wirtschaft eröffnet der Deutschland-Stack enorme Chancen:

• Neue Märkte durch standardisierte, interoperable Lösungen 

• Planungssicherheit durch klare technologische Leitplanken 

• Innovationspotenziale durch offene Schnittstellen und modulare Architekturen 

Gleichzeitig ist die Einbindung der Wirtschaft entscheidend für den Erfolg. Nur wenn Standards auch praktisch implementierbar, skalierbar und wirtschaftlich tragfähig sind, werden sie sich durchsetzen.

Die Bundesfachkommission Digitale Transformation sieht hier insbesondere die Notwendigkeit, die Expertise der Unternehmen frühzeitig und systematisch in Standardisierungs- und Umsetzungsprozesse einzubinden.

Fazit: Jetzt entscheidet die Umsetzung

Der Deutschland-Stack ist das bislang ambitionierteste Projekt zur Modernisierung der staatlichen IT in Deutschland. Er adressiert zentrale Schwächen der bisherigen Digitalpolitik und setzt konsequent auf offene Standards und digitale Souveränität. Doch der entscheidende Schritt steht noch aus: die konsequente Umsetzung.

Der Wirtschaftsrat fordert daher: Die Bundesregierung muss den Deutschland-Stack verbindlich in die öffentliche Beschaffung überführen, offene Standards konsequent priorisieren und deren Umsetzung durch klare Vorgaben, ausreichende Finanzierung sowie messbare Zielvorgaben absichern.