Raumfahrt zwischen Wettbewerb und Souveränität
Der globale Wettbewerb um den Weltraum hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verschärft. Während die USA mit privatwirtschaftlich geprägten Systemen ihre Führungsrolle weiter ausbauen und China mit massiven staatlichen Investitionen eigene planwirtschaftliche Kapazitäten skaliert, steht Europa vor der Herausforderung, seine Wettbewerbsfähigkeit in einem zunehmend strategischen Umfeld zu behaupten. Für Deutschland stellt sich damit eine sicherheits- und ordnungspolitische Grundsatzfrage.
Im Low-Earth-Orbit wird es immer enger
Raumfahrt ist längst kein isoliertes Technologiefeld mehr. Satellitengestützte Systeme sind integraler Bestandteil moderner Volkswirtschaften – von Kommunikation und Navigation über kritische Infrastrukturen bis hin zu militärischer Führungsfähigkeit. Der Low-Earth-Orbit (LEO) entwickelt sich dabei zunehmend zur Schlüsselressource. Die rasant steigende Menge an Satelliten und Weltraumschrott führt zu einer realen Verdichtung dieses Orbits und erhöht die Komplexität der Nutzung erheblich und verschärft operative Risiken. Gleichzeitig entstehen neue regulatorische und geopolitische Nutzungskonflikte, die den Weltraum zu einem eigenständigen strategischen Raum machen.
Parallel dazu verändert sich das Marktumfeld grundlegend. Unternehmen wie SpaceX haben gezeigt, dass Raumfahrt durch wiederverwendbare Trägersysteme, hohe Startfrequenzen und vertikal integrierte Geschäftsmodelle deutlich effizienter organisiert werden kann als herkömmliche zentralistische Monostrukturen. Der Wettbewerb wird damit nicht mehr allein über technologische Exzellenz entschieden, sondern zunehmend über Geschwindigkeit, Skalierung und Kapitalmobilisierung.
Europa hat strukturell erheblichen Nachholbedarf
Europa verfügt weiterhin über eine leistungsfähige industrielle Basis und erhebliche technologische Kompetenzen – insbesondere im deutschen Mittelstand. Zahlreiche Unternehmen entwickeln weltweit führende Spitzentechnologie. Gleichzeitig zeigen sich jedoch erhebliche strukturelle Defizite, worunter die internationale Wettbewerbsfähigkeit leidet.
Fragmentierte Zuständigkeiten, komplexe Governance-Strukturen und eine starke Ausrichtung auf Industriepolitik statt wettbewerbsorientierten Rahmenbedingungen führen zu langsamen Entscheidungsprozessen und begrenzter Skalierung. Vor allem fehlt es an einer konsequenten staatlichen Nachfragepolitik, die als Marktanker private Investitionen mobilisiert und industrielle Entwicklung beschleunigt.
Die Folgen sind bereits sichtbar: Programme verzögern sich, Kostenstrukturen bleiben hoch und vorhandene technologische Stärken lassen sich nur begrenzt in marktfähige Systeme überführen. Gleichzeitig wächst die Abhängigkeit von nicht-europäischen Anbietern, insbesondere bei satellitengestützter Kommunikation und bei Startkapazitäten.
Zeitenwende in der Raumfahrt: Kommerzialisierung als Schlüssel
Vor diesem Hintergrund setzt das Positionspapier des Wirtschaftsrates „Old Space meets New Space“ an den strukturellen Ursachen an. Im Zentrum steht die Forderung nach einer konsequenten Kommerzialisierung der Raumfahrt, um bestehende Stärken in skalierbare und wettbewerbsfähige Geschäftsmodelle zu überführen.
Ein entscheidender Hebel ist die Neuausrichtung der öffentlichen Beschaffung. Staatliche Nachfrage muss gezielt als Instrument eingesetzt werden, um private Investitionen zu mobilisieren und Wettbewerb zu stärken. Es braucht klare Rahmenbedingungen für Skalierung, Kapitalzugang und industrielle Entwicklung.
Daher stellt der Wirtschaftsrat folgende Forderungen auf:
- Einrichtung eines direkten Beschaffungspfads für kommerzialisierte Raumfahrt und insbesondere den Mittelstand, um Marktzugang und Wettbewerb zu stärken
- Etablierung von Multi-Vendor-Vergaben als Standard zur Vermeidung von Abhängigkeiten und zur Förderung von Innovation
- Einführung leistungsorientierter, kompetitiver Vergabemodelle mit schrittweiser Projektentwicklung und klaren Leistungsindikatoren
- Gezielter Aufbau industrieller Skalierung und serieller Fertigungsfähigkeit
- Verbindliche Verankerung von Dual-Use als Vergabekriterium zur Sicherstellung wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Relevanz von staatlichen Aufträgen
- Entwicklung eines nationalen Umsetzungsprogramms zur Kommerzialisierung der Raumfahrt
Die kommenden Jahre sind entscheidend, um im internationalen Wettbewerb um den knappen Raum im LEO zu bestehen. Mit den geplanten Investitionen und den anstehenden regulatorischen Weichenstellungen eröffnet sich ein einmaliges Zeitfenster, um Deutschlands und Europas Position im globalen Wettbewerb nachhaltig zu stärken. Dieses Zeitfenster ist sehr eng und erfordert jetzt eine sofortige Ausrichtung auf Wettbewerb, Geschwindigkeit und Skalierung.
Langfristig wird sich die Zukunftsfähigkeit des Standorts daran entscheiden, ob es gelingt, ein leistungsfähiges, kommerziell getragenes Raumfahrtökosystem aufzubauen. Raumfahrt ist damit nicht nur ein Zukunftsmarkt, sondern ein zentraler Faktor für wirtschaftliche Stärke, technologische Souveränität und staatliche Handlungsfähigkeit im 21. Jahrhundert.