Gasmarkt-Briefing bei der VNG AG in Leipzig
Hiobsbotschaften, wie die jüngst vom Staatskonzern Uniper ausgesprochene, dass die Versorgungssicherheit mit Erdgas in Deutschland nicht mehr garantiert sei, weil die Gas-Speicherstände auf dramatische 37 Prozent gefallen seien, haben uns veranlasst, den Geschehnissen auf den weltweiten Gasmärkten auf den Grund zu gehen. André Deichsel, Leiter Politik & Markt der VNG AG, Stephan Haupt Geschäftsführer VNG Handel und Vertrieb GmbH sowie Melissa Bog, Koordinatorin Verbandsarbeit der VNG AG haben uns einen umfassenden Einblick in die aktuelle Gaslage gegeben. Um es vorwegzunehmen: Die Lage auf dem deutschen Gasmarkt ist angespannt, aber eine Mangellage ist aktuell noch nicht zu verzeichnen.
In Zeiten geopolitischer Spannungen und sich wandelnder Märkte gewinnt die Versorgungssicherheit zunehmend an Bedeutung. Für Deutschland und Europa stellt sich die Frage, wie wir auch künftig eine stabile und verlässliche Energieversorgung gewährleisten können, während sich die Rahmenbedingungen dynamisch verändern. Der globale Gasmarkt hat in den vergangenen Jahren einen tiefgreifenden Wandel erlebt: Flüssigerdgas (LNG), insbesondere aus den USA, hat deutlich an Gewicht gewonnen, während Lieferungen über Pipelines, insbesondere direkt aus Russland, zurückgehen. Gasspeicher haben gesetzlich festgelegte Füllstandsziele. LNG-Terminals an den deutschen Küsten tragen zusätzlich zur Versorgung bei.
Dr. Thomas Werner, Vorsitzender der LFK Energie (Foto: Wirtschaftsrat)
Stephan Haupt hat uns einen überaus fundierten und fachlich auf höchstem Niveau anzusiedelnden Einblick in den Gasmarkt gegeben. In der VNG arbeiten 1900 Mitarbeiter in den Sparten Handel/Vertrieb, Transport, Speicher, Biogas und Digitale Infrastruktur. Dabei ist die VNG Gasimporteur und Großhändler gleichermaßen. Der kurzfristige „Spotmarkt“ („Lieferung morgen“) funktioniert dabei anders als der Terminmarkt („Lieferung im nächsten Jahr“). Durch die unterschiedlichen Zeitschienen agieren die Marktakteure auch entsprechend.
Hier bekommt der sog. „Schweinezyklus“ eine gewisse Relevanz. Im aktuell relativ kalten Januar und nach dem Lieferstopp von russischem Pipeline-Gas gehen aufgrund der höheren Nachfrage die Gaspreise nach oben, was zu Investitionen in Gasprojekte aufgrund hoher Gewinnerwartungen führt. LNG-Terminals entstehen, da erwartet wird, dass Gas knapp und teuer bleibt. Die neuen Gasprojekte gehen aber dann nach einer gewissen Zeit ziemlich gleichzeitig ans Netz und es machen sich weltweit effizientere Fördermethoden bemerkbar, sodass langfristig ein stark ausgeweitetes Gas-Angebot zu verzeichnen sein wird. Jetzt sinken die Gaspreise wieder, LNG-Projekte werden reduziert oder gestoppt und die Investitionen im Gasmarkt gehen entsprechend wieder zurück. In der Konsequenz wird Gas wieder knapp und die Preise gehen hoch – der Zyklus beginnt entsprechend von vorn.
Aktuell rangiert der Gaspreis bei 40€/MWh – vor dem Ukrainekrieg lag er bei 20€/MWh. Der massive Fracking-Ausbau in Nordamerika und der damit verbundene Export kann die Preise stabilisieren, aber nur dann, wenn die USA das Gas in einem ebenfalls strengen Winter nicht selbst benötigen. Dann kann es in der Tat eng werden mit dem Gasangebot in Deutschland. Aktuell läuft die größte Menge des von Deutschland importierten Gases über die Pipeline aus Norwegen und die Gasmenge in Deutschland kann über höhere Preise stabilisiert werden. Eine wirkliche Gasmangellage ist aufgrund des Marktmechanismus aktuell noch nicht zu verzeichnen – aber die Energiebereitstellung für Unternehmen und Haushalte verteuert sich aktuell.
Im Ernstfall einer Gasmangellage würden zunächst die Unternehmen leiden, die ihre Produktion drosseln bzw. beenden müssten, bevor es kalt in den Wohnstuben wird. In Deutschland existiert ein nutzbares jährliches Gas-Volumen i.H.v. 240TWh – davon brauchen die Haushalte ca. 40 TWh. Es gibt ca. 50 Erdgasspeicher im Land, in welche vorwiegend in den Sommermonaten eingespeist und aus denen hauptsächlich in den Wintermonaten ausgespeist wird.
v.l.nr.: André Deichsel, Leiter Politik & Markt der VNG AG,
Stephan Haupt, Geschäftsführer VNG Handel und Vertrieb GmbH sowie Melissa Bog, Koordinatorin
Verbandsarbeit der VNG AG (Foto: Wirtschaftsrat)
Fracking in Niedersachsen, wo es einheimische Erdgasvorkommen gibt, hält Stephan Haupt für wenig realistisch, weil es hierfür personelle sowie technische Kompetenzen braucht, die aktuell in Deutschland fehlen. Zu diesen kapazitativen Engpässen kommen hierzulande stets Bürgerinitiativen, die derartige Projekte be- oder verhindern möchten. Dies verzögert diese Vorhaben und dürfte viele davon „abwürgen“. Daran erkennt man wie wichtig die Forderung des Wirtschaftsrates ist, das Verbandsklagerecht drastisch einzuschränken. Es ist zu erwarten, dass die LNG-Kapazitäten weltweit bis 2030 aufgrund des zunehmenden Energiehungers massiv ausgebaut werden. Beim LNG-Ausbau dominiert Nord-Amerika, aber auch der mittlere Osten holt auf. Selbst Afrika baut hier mittelfristig Ressourcen auf.
Das Problem bei LNG-Terminals ist jedoch, dass diese angreifbar sind – aber auch hier kann eine gewisse Entwarnung gegeben werden, denn mit einem Angriff auf die Stromnetz-Infrastruktur oder auf die digitale Infrastruktur könnten theoretisch wirksame negative Effekte erzielt werden, wie wir jüngst beim Angriff auf die Strominfrastruktur in Berlin gesehen haben. Vor Winterbeginn hatten wir Speicherfüllstande von ca. 70%, was weniger war als im Vorjahr. Grund dafür waren die bis 2027 geltenden Füllstandsvorgaben der EU, die von 90% auf 70% reduziert wurden und der sog. „Sommer-Winter-Spread“ (Gas wird im Sommer bestellt und im Winter verbraucht).
Was allerdings bei unserem Nachmittag in der VNG eine gewisse Bestürzung unter den Teilnehmern hervorgerufen hat, war der enorme Einfluss von Spekulation auf den Gaspreis, der hier die realen Verhältnisse dominiert. Dabei halten sich die Trades von „short“ (sinkender Preis) und „long“ (hoher Preis) in etwa die Waage – aktuell dominieren aber auch aufgrund der Winterwetterlage Spekulationen auf höhere Preise.
Abschließend können wir festhalten, dass Deutschland 8GW anstatt der geplanten 20 GW an Gaskraftwerken genehmigt bekommen hat. Das Problem hierbei liegt darin, dass weltweit existierenden Gasturbinenhersteller (bspw. Siemens) über mehrere Jahre in der Produktion von Gasturbinen ausgelastet sind und sich die schnelle Umsetzung der Kraftwerkstrategie von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche als schwierig erweisen dürfte.
Zudem ist kaum zu erklären, warum wir in Deutschland noch am Rückbau der Gasnetze festhalten, obwohl wir wissen, dass wir diese Gasnetze auch in Zukunft dringend brauchen. Wo ist hier ein Rückbaumoratorium? Hätten wir hierzulande mittels KKW günstig herstellbaren grünen Wasserstoff und würden das CO2 als Ressource und nicht als Umweltgift begreifen, könnten wir synthetisches Methan (Erdgas) in einen Gaskreislauf überführen und müssten uns keine Gedanken über eine drohende „Gasmangellage“ machen. In der anschließenden Diskussion und bei dem Imbiss in der VNG konnten wir uns abschließend Themen widmen, wie die Nutzung von ehemaligen Braunkohle-Kraftwerksstandorten für neue Gaskraftanlagen (Verkürzung von Genehmigungsverfahren) oder über dezentral hergestelltes Biogas für die kommunale Wärmeversorgung.
Wir bedanken uns bei den Mitarbeitern von VNG für die tolle und erkenntnisreiche Veranstaltung – jederzeit gerne wieder.