"Gelingt jetzt die Neujustierung der Energiepolitik?"
Es war uns eine große Freude, am 15. April, Prof. Dr. Fritz Vahrenholt beim Wirtschaftsrat Sachsen begrüßen zu dürfen. Im Schloss Eckberg bot sich den Teilnehmern die Gelegenheit, einen äußerst spannenden und fachlich fundierten Vortrag zu erleben. Unter dem Titel „Gelingt jetzt die Neujustierung der Energiepolitik?“ sollte bewusst Raum für eine kritische Auseinandersetzung mit der aktuellen deutschen Energie- und Klimapolitik geschaffen werden.
Gerade mit Blick auf die aktuelle politische und wirtschaftliche Lage wurde schnell klar, wie wichtig es ist, unterschiedliche Perspektiven zuzulassen und bestehende Ansätze auch wirklich zu hinterfragen.
Vor allem die Situation der deutschen Industrie zeigt deutlich, dass eine offene und sachliche Diskussion über die zukünftige Energiepolitik dringend notwendig ist.
Dr. Dino Uhle, Landesgeschäftsführer des Wirtschaftsrates in Sachsen, bei seiner Eröffnung (Foto: Wirtschaftsrat)
Bereits in der Eröffnungsrede zeichnete der Landesgeschäftsführer des Wirtschaftsrates Sachsen, Herr Dr. Dino Uhle, ein deutlich kritisches Bild der aktuellen energiepolitischen Situation. Ausgangspunkt seiner Ausführungen war die Feststellung, dass sich Deutschland derzeit an einer energiepolitischen Weggabelung befinde. Insbesondere die jüngsten geopolitischen Entwicklungen hätten die Verwundbarkeit der Energieversorgung klar offengelegt und bestehende strukturelle Schwächen sichtbar gemacht.
Landesgeschäftsführer Dr. Uhle fand deutliche Worte und ließ keinen Zweifel daran, wie kritisch er die aktuelle Situation bewertet. Trotz erheblicher finanzieller Investitionen seien zentrale Ziele bislang nur unzureichend erreicht worden. Vor allem in den Bereichen Versorgungssicherheit und Kostenstabilität bestehe weiterhin erheblicher Handlungsbedarf. Zudem machte er auf grundlegende Widersprüche aufmerksam, etwa den gleichzeitigen Ausstieg aus Kernenergie und Kohleverstromung bei wachsender Abhängigkeit von alternativen Energiequellen und Importen.
Er stellte den zukünftig steigenden Energiebedarf deutlich heraus. Technologische Entwicklungen wie Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Elektromobilität würden den Stromverbrauch in den kommenden Jahren erheblich erhöhen. Vor diesem Hintergrund betonte Dr. Uhle die zentrale Rolle leistungsfähiger Speichertechnologien, die bislang noch nicht in ausreichendem Umfang zur Verfügung stehen, um die Schwankungen erneuerbarer Energien auszugleichen.
Deswegen plädierte er für eine grundlegende Neuausrichtung der Energiepolitik. Diese müsse sich stärker an den Prinzipien Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Umweltverträglichkeit orientieren. Konkret sprach er sich für mehr Technologieoffenheit, den konsequenten Ausbau von Infrastruktur und Speicherkapazitäten sowie eine stärkere Marktorientierung im Energiesektor aus. Auch die Prüfung neuer sowie die mögliche Wiedernutzung bestehender Energiequellen wurden als wichtige Handlungsoptionen benannt.
Zum Schluss unterstrich Dr. Dino Uhle die Notwendigkeit einer „ideologiefreien und realitätsnahen“ energiepolitischen Debatte. Nur durch eine „ausgewogene und pragmatische“ Herangehensweise könne Deutschland langfristig eine stabile, bezahlbare und wettbewerbsfähige Energieversorgung sicherstellen. Acht Forderungen an die Politik rundeten seinen Redebeitrag ab:
- Wiedereinstieg in die Kernenergie, falls irgendwie möglich – in jedem Fall aber in die kerntechnische Forschung und Umsetzung der SMR (Small Modular Reactors)
- Fracking in Deutschland erlauben
- Kohleausstieg 2038 verschieben bzw. ganz davon abrücken
- Ausbau der Strom- und Gasnetze, vor allem aber marktfähige Stromspeicher, keine Kraftwerke mehr zerstören
- Erneuerbare Energien nur dorthin setzen, wo die Ausbeute entsprechend hoch ist
- EEG streichen, Subventionen im Energiemarkt streichen
- Rückbaumoratorium für alle in Deutschland reaktivierbaren Kernkraftwerke und für alle Kohlekraftwerke
- Nicht einhaltbare Vorgaben aus Brüssel, wie die EU-Methanverordnung für 2027, müssen von der EU zurück genommen werden.
Prof. Vahrenholt ist ein langjähriger Kritiker der deutschen Politik im Bereich Energie und Klima. Im Zentrum seiner Ausführungen standen insbesondere strukturelle Fehlentwicklungen, ökonomische Auswirkungen sowie globale Zusammenhänge der Energiepolitik. Schwerpunkte bildeten dabei die Entwicklung der Energiepreise, die Auswirkungen auf die industrielle Wettbewerbsfähigkeit sowie die Einordnung der deutschen Klimapolitik in den internationalen Kontext.

Prof. Dr. Fritz Vahrenholt während seines Vortrags (Foto: Wirtschaftsrat)
Zentral im Vortrag war die Entwicklung der Energiepreise in Deutschland. Prof. Dr. Vahrenholt führte aus, dass der starke Anstieg der Strompreise aus seiner Sicht maßgeblich auf politische Entscheidungen innerhalb der Europäischen Union und Deutschlands zurückzuführen sei. Besonders hervorgehoben wurde die Reform des europäischen Emissionshandelssystems im Jahr 2021, durch die die Verknappung von CO₂-Zertifikaten zu einem deutlichen Preisanstieg geführt habe. In der Folge seien insbesondere fossile Kraftwerke erheblich teurer geworden.
Anhand vieler Beispiele erläuterte Prof. Dr. Vahrenholt, dass sich die Kostenstruktur der Energieerzeugung grundlegend verändert habe. Während Kohle- und Gaskraftwerke zuvor vergleichsweise günstige Energiequellen gewesen seien, hätten sie durch die CO₂-Bepreisung an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Gleichzeitig verwies er darauf, dass Energieformen ohne direkte CO₂-Emissionen von diesen Kosten nicht betroffen seien. Diese Entwicklung habe insbesondere Auswirkungen auf den Börsenstrompreis, der für energieintensive Industrien von zentraler Bedeutung ist. Besonders die in Deutschland geächtete Kernenergie wäre hier verschont geblieben und hätte bei Beibehaltung kostengünstig Strom produziert. Deshalb ging Prof. Dr. Vahrenholt ausführlich auf die Folgen für die deutsche Industrie ein, die durch die Gestiegenen Preise entstehen. Er beschrieb einen Rückgang der Produktion in energieintensiven Branchen seit dem Jahr 2022 und führte dies auf die gestiegenen Energiekosten zurück. Im internationalen Vergleich, insbesondere mit den USA, seien die Energiepreise in Deutschland deutlich höher, was die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen beeinträchtige. Gerade er, als Aufsichtsratsvorsitzender eines der größten Kupferproduzenten, kenne dieses Problem.

(Foto: Wirtschaftsrat)
Daran anknüpfend thematisierte er die Verlagerung industrieller Produktion ins Ausland. Besonders betroffen seien Grundstoffindustrien wie die Chemie-, Metall- oder Düngemittelindustrie. Da diese Produkte auf globalen Märkten gehandelt werden, könnten gestiegene Kosten nicht durch höhere Preise kompensiert werden. Dies führe zu einem Rückgang von Arbeitsplätzen sowie zu einer Verschiebung von Wertschöpfung ins Ausland.
Als nächstes warf er einen Blick auf der globalen Energie- und Emissionsentwicklung. Prof. Dr. Vahrenholt stellte dar, dass der weltweite Energiebedarf weiterhin ansteigt und fossile Energieträger nach wie vor eine zentrale Rolle spielen. Insbesondere in asiatischen Ländern sei sowohl ein Ausbau erneuerbarer Energien als auch ein zunehmender Einsatz fossiler Energien zu beobachten. Trotz umfangreicher Investitionen in erneuerbare Technologien würden die globalen Emissionen insgesamt weiter steigen. Deutschland habe nur einen vergleichsweisen geringen Anteil an den weltweiten CO₂-Emissionen. Gleichzeitig könne eine Verlagerung von Produktion in andere Länder zu höheren globalen Emissionen führen, weil dort meist weniger effiziente Technologien eingesetzt werden.

(Foto: Wirtschaftsrat)
Prof. Dr. Vahrenholt beschrieb die wetterabhängige und schwankende Einspeisung von Wind- und Solarenergie als grundlegende Herausforderung. Es komme zu Phasen mit Stromüberschüssen, insbesondere bei hoher Sonneneinstrahlung sowie zu Zeiten mit Unterversorgung, etwa bei Dunkelheit oder Windstille. Diese Schwankungen führten zu erheblichen Preisschwankungen am Strommarkt. Zudem erläuterte er, dass Betreiber erneuerbarer Energieanlagen durch gesetzliche Einspeisevergütungen abgesichert seien. Sinke der Marktpreis unter diese Vergütung, werde die Differenz durch staatliche Mittel ausgeglichen. Diese würden über Umlagen und Abgaben finanziert. Darüber hinaus verwies er auf die steigenden Kosten für den Ausbau der Stromnetze.
Als nächstes wandte er sich der Versorgungsicherheit zu. Durch den gleichzeitigen Ausstieg aus Kernenergie und Kohleverstromung entstehe aus seiner Sicht eine Lücke in der grundlastfähigen Stromerzeugung, die durch den Ausbau von Gaskraftwerken geschlossen werden müsse. Dieser sei jedoch mit Unsicherheiten verbunden. Es bestehe die Möglichkeit, dass die Stromnachfrage künftig zeitweise nicht vollständig gedeckt werden könne.
Abschließend widmete sich Prof. Dr. Vahrenholt der Einordnung von CO₂ im Klimasystem. Er beschrieb CO₂ als natürlichen Bestandteil der Atmosphäre, der in verschiedene Kreisläufe eingebunden ist. Dabei hob er hervor, dass ein ähnlicher Anteil der Emissionen von natürlichen Senken wie Pflanzen und Ozeanen aufgenommen wird. Prof. Dr. Vahrenholt stellte die Theorie auf, dass der gestiegene CO₂-Anteil zu einer weiteren Zunahme der Pflanzenwelt führen wird – sprich, die Erde wird grüner.
Zudem betonte er die Bedeutung von CO₂ für die Photosynthese und verwies auf mögliche Zusammenhänge mit verstärktem Pflanzenwachstum und landwirtschaftlichen Erträgen. Darüber hinaus ging er auf weitere Einflussfaktoren auf das Klima ein, insbesondere auf Veränderungen der Sonneneinstrahlung, die er mit Schwankungen der Wolkenbedeckung in Verbindung brachte.
Auch die zeitliche Dynamik von CO₂ wurde thematisiert. Prof. Dr. Vahrenholt stellte dar, dass CO₂ über bestimmte Zeiträume wieder in natürliche Kreisläufe zurückgeführt werde. In diesem Zusammenhang verwies er auf internationale Klimaziele, die ein Gleichgewicht zwischen Emissionen und natürlichen Senken anstreben.

Dr. Dino Uhle bedankt sich bei Prof. Dr. Fritz Vahrenholt für sein Kommen (Foto: Wirtschaftsrat)
Den Link zur kompletten Veranstaltung finden Sie untenstehend.