„Es knirscht im ganzen Land“
Auf Einladung des Sektionssprechers Reinhardt Hassenstein trafen sich die Mitglieder der Sektion Kiel im Wissenschaftszentrum der Kieler Wirtschaftsförderungs- und Strukturentwicklungs GmbH (KiWi), um zentrale Fragen zur Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Kiel zu erörtern. Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen die Herausforderungen und Entwicklungsperspektiven des Standortes sowie die Frage, wie wirtschaftliche Potenziale nachhaltig gestärkt werden können. Mit Werner Kässens, Geschäftsführer der Kieler Wirtschaftsförderungs- und Strukturentwicklungs GmbH, stand den Anwesenden ein ausgewiesener Experte für Standortentwicklung und Wirtschaftsförderung als Gesprächspartner zur Verfügung.
Zu Beginn skizzierte Reinhard Hassenstein die historische Entwicklung des Areals, auf dem sich heute das Wissenschaftszentrum befindet. Einst war hier das Unternehmen Hagenuk ansässig, das unter anderem durch die Entwicklung früher schnurloser Telefontechnik Bekanntheit erlangt hatte. Das Beispiel Hagenuk zeige aber auch anschaulich, wie schnell ein erfolgreiches Unternehmen vom Markt verschwinden kann und welche Folgen die Schließung für einen Standort haben kann, so Hassenstein.
Im anschließenden Vortrag zeichnete Werner Kässens die Entwicklung des Wirtschaftsstandortes Kiel nach. Mit vier Hochschulen sowie der unmittelbaren Lage am Wasser verfüge Kiel über hervorragende strukturelle Voraussetzungen. Entscheidend sei jedoch, diese Standortvorteile, insbesondere das gebündelte wissenschaftliche Knowhow und die Potenziale im Bereich der erneuerbaren Energien, strategisch zu nutzen.
Die KiWi – zu 100 Prozent im Besitz der Stadt Kiel – versteht sich als wirtschaftspolitisches Instrument der Landeshauptstadt und konzentriert sich auf drei zentrale Handlungsfelder: Immobilien- und Projektentwicklung, Vernetzung von Akteuren aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sowie Standortmarketing. Diese Aufgabenfelder erläuterte Kässens anhand konkreter Projekte, darunter die Flächenerschließung in interkommunalen Gewerbegebieten, die „Digitale Woche“ als Vernetzungsplattform sowie die Initiativen „Clean Energy Valley“ und „Net Zero Valley“. Besonders hob er die Bedeutung der erneuerbaren Energien und die maritime Prägung Kiels als zentrale Standortvorteile hervor. Ebenso verwies er auf die wachsende Bedeutung der Verteidigungswirtschaft, die insbesondere in Kiel über großes Entwicklungspotenzial verfüge.
Mit Blick auf die Erschließung neuer Gewerbeflächen schilderte Werner Kässens jedoch auch bestehende Herausforderungen. „Es knirscht im ganzen Land“, so seine Einschätzung zur aktuellen Lage. Zwar verfügten Schleswig-Holstein und Kiel über erhebliche Standortvorteile, doch seien strukturelle und verwaltungsbezogene Prozesse weiterzuentwickeln, um diese Potenziale effektiv für die Standortentwicklung nutzbar zu machen.
Abschließend unterstrich Kässens die Bedeutung einer engen Zusammenarbeit mit Hochschulen und Universitäten. Die „Wissensquartiere“ bezeichnete er als wichtiges Bindeglied zwischen Wirtschaft und Wissenschaft, da sie Unternehmen in Hochschulnähe ansiedeln und so Synergien fördern. Auch die Unterstützung von Start-ups bleibt ein zentraler Bestandteil der KiWi-Arbeit – mit dem klaren Ziel, junge Talente langfristig am Standort Kiel zu halten.
Im Anschluss an den Vortrag nutzten die Mitglieder der Sektion die Gelegenheit zur vertieften Diskussion. Erörtert wurde unter anderem, in welchem Umfang bereits Kooperationen mit Hochschulen bestehen und wie diese weiter intensiviert werden können. Auch die Thematik einer Zivilklausel wurde angesprochen; die Anwesenden äußerten sich eindeutig gegen deren Verankerung in Schleswig-Holstein. Darüber hinaus wurden die Aktualität regionaler Planwerke, das Ziel eines klimaneutralen Schleswig-Holsteins bis 2040 sowie die Notwendigkeit einer abgestimmten Kommunikation und Zusammenarbeit auf allen Ebenen als wesentliche Faktoren für eine nachhaltige und zukunftsfähige Entwicklung des Wirtschaftsstandortes diskutiert. Entscheidend für die Zukunftsfähigkeit des Standortes wird jedoch sein, diese Stärken strategisch zu bündeln, strukturelle Hemmnisse abzubauen und die Kooperation zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik konsequent weiter auszubauen.