„Wir müssen gemeinsam Resilienz schaffen“
Zum Auftakt der neu gegründeten Landesfachkommission Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft des Wirtschaftsrates Schleswig-Holstein trafen sich die zukünftigen Mitglieder sowie geladene Gäste in den Räumen des Landeskommandos Schleswig-Holstein.
Als Hausherr gab Oberst Michael Skamel, Kommandeur des Landeskommandos Schleswig-Holstein, seine Einschätzungen zur geopolitischen Lage, zur Bedeutung des O-Plan Deutschland sowie zur Relevanz einer engen Vernetzung zwischen Bundeswehr und Wirtschaft. Die aktuelle geopolitische Situation, die Bedrohung durch Russland sowie die Entwicklungen in den Vereinigten Staaten zeigten heute mehr denn je, wie wichtig eine konsequente Stärkung der Verteidigungsfähigkeit sei. „Wir müssen zwingend handeln“, betonte Oberst Skamel und begrüßte ausdrücklich die Neugründung der Landesfachkommission des Wirtschaftsrates, da diese künftig ein wichtiges Forum für Vernetzung und Weiterentwicklung darstellen werde. Besonders hob er hervor, dass die Sicherheit und Verteidigung Deutschlands eine gesamtstaatliche und gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei, bei der Politik, Militär, Wirtschaft und Bevölkerung gemeinsam Verantwortung tragen müssten. Abschließend richtet er einen Appell an die anwesenden Unternehmer aus der Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft: „Wir müssen gemeinsam Resilienz schaffen.“ Die umfassenden Aufgaben im Bereich der Aufrüstung und der Umsetzung des O-Plan Deutschland könnten nur gemeinsam bewältigt werden. In der neuen Landesfachkommission sehe er hierfür einen wertvollen Raum für den Austausch relevanter Akteure.
Anschließend gaben Eduardo Veen Martinez, CEO, und Volker Herling, Vice President Strategy, Processes & IP der Rheinmetall Landsysteme GmbH, einen Impuls zum Thema Rheinmetall in Schleswig-Holstein – Eine Standortbestimmung. Zunächst erläuterte Veen Martinez die verschiedenen Divisionen der Rheinmetall Landsysteme GmbH und gab einen Einblick in die Unternehmensstrategie „We stand ready for Europe“. Eine besondere Bedeutung maß er der Entwicklung digitaler Lösungen und Innovationen bei, die sowohl für Prozesse als auch für Produkte eine zentrale Rolle spielten. Durch die modulare Entwicklung bei Rheinmetall sei es möglich, sich schnell an Innovationen und neue Anforderungen anzupassen. „Heute kommt es auf Geschwindigkeit an“, so Veen Martinez abschließend.
Volker Herling gab anschließend am Beispiel Rheinmetall eine Perspektive zur Strukturierung und Skalierung der Branche sowie einen Ausblick zu deren zukünftiger Entwicklung. Zunächst erläuterte er die Entwicklung der Rheinmetall Vehicle Systems. In Schleswig-Holstein verfüge das Unternehmen über sieben Kompetenzzentren an fünf Standorten und bekenne sich damit klar zum Standort. Anschließend stellte Herling das sogenannte V-Modell der Entwicklung vor, vom Gesamtsystem über die kleinsten Komponenten bis hin zur Erprobung. Besonders hob er die Bedeutung der Zusammenarbeit mit den Hochschulen im Bundesland hervor, insbesondere in Kiel. „Diese Zusammenarbeit ist nicht selbstverständlich“, so Herling, da viele junge Menschen der Rüstungsindustrie kritisch gegenüberstünden.
Die politische Perspektive zur Sicherheit Deutschlands durch den Dialog zwischen Politik und Verteidigungswirtschaft stellte anschließend Thomas Röwekamp MdB, Mitglied der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag und Vorsitzender des Verteidigungsausschusses, vor. In seinem Impuls konzentrierte er sich auf drei zentrale Punkte. Erstens betonte er die Notwendigkeit eines personellen Aufwuchses in den Streitkräften. Dieser sei kein politischer Wunsch, sondern eine sicherheitspolitische Notwendigkeit. Entscheidend sei daher eine tragfähige Strategie zur Personalgewinnung. Ob eine Rückkehr zur früheren Wehrpflicht hierfür der richtige Weg sei, bezweifelte er jedoch.
Als zweiten Punkt nannte Röwekamp die Finanzierung sowie die gesetzlichen Rahmenbedingungen. „Mit Geld gewinnt man keinen Krieg“, betonte er. Finanzielle Mittel müssten zielgerichtet eingesetzt werden, um die Stärkung und Modernisierung der Streitkräfte effektiv voranzubringen. Zugleich kritisierte er, dass viele Regularien und Vergabekriterien aus dem zivilen Bereich, etwa im Bauwesen oder bei Arbeitsvorschriften, in gleicher Weise auf militärische Projekte angewendet würden. Dies erschwere schnelle und effiziente Beschaffungsprozesse erheblich.
Als dritten Punkt sprach Röwekamp das notwendige gesellschaftliche Situationsbewusstsein für eine gesamtgesellschaftliche Resilienz an. Allein Aufrüstung und personeller Aufwuchs reichten nicht aus. Es bedürfe auch eines klaren politischen Bekenntnisses zum Dialog mit der Verteidigungsindustrie sowie einer strukturierten Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, Militär und Politik. Abschließend zog er ein positives Fazit zur Gründung der Landesfachkommission Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft, die einen geeigneten Rahmen für den Austausch zwischen Politik und Wirtschaft biete und wichtige Impulse zur Bewältigung der aktuellen Herausforderungen setzen könne.
Abschließend ergriff Dr. Christian von Boetticher, Landesvorsitzender des Wirtschaftsrates Schleswig-Holstein, das Wort und erläutert den Anwesenden die Zielsetzung der neuen Landesfachkommission. Im Mittelpunkt stehe, die Herausforderungen der Unternehmen aus Schleswig-Holstein in der Sicherheits- und Verteidigungsbranche aufzugreifen und ihnen eine starke Stimme zu geben, sowohl für große Unternehmen als auch für kleine und mittelständische Betriebe. Besonders wichtig sei dabei die Vernetzung zwischen Politik und Wirtschaft. Dies gelte nicht nur für die klassische Rüstungsindustrie, sondern ebenso für die Sicherheitswirtschaft im weiteren Sinne. Dr. von Boetticher betont zudem, dass die Landesfachkommission nicht in Konkurrenz zu bestehenden Arbeitskreisen treten wolle. Vielmehr gehe es darum, Akteure stärker miteinander zu vernetzen und einen konstruktiven Austausch zu ermöglichen.
Abschließend erhielten die anwesenden Unternehmerinnen und Unternehmer die Gelegenheit zu Diskussion und Austausch mit den Referenten sowie mit Verantwortlichen des Wirtschaftsrates Schleswig-Holstein. In der Diskussion wurden unter anderem die Bedeutung einer verlässlichen Finanzierung, die Notwendigkeit der Einbindung der Zivilgesellschaft sowie Fragen der Ausbildung der Streitkräft für mögliche Krisen- und Notfallsituationen thematisiert. Auch mögliche Lehren aus den aktuellen Entwicklungen in der Ukraine wurden angesprochen.