Standpunkt 18.06.2026
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Standpunkt Steiger: Ein besonderes Jubiläum: Lehrstück oder Denkmalpflege

Die wirtschaftspolitische Kolumne von Wolfgang Steiger, Generalsekretär des Wirtschaftsrates


Den folgenden Text gibt es auch als Hörfassung*:

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Diese Woche jährt sich ein besonderes Ereignis der deutschen Geschichte. Am 20. Juni 1948 tat Ludwig Erhard als damaliger Direktor der Verwaltung für Wirtschaft der amerikanisch-britisch besetzten Zone Deutschlands etwas Undenkbares. Er hob die aus der Kriegszeit stammenden Bewirtschaftungs- und Preisvorschriften auf. Der Tag steht für den Beginn der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland. Ein beispielloser Wachstumsprozess setzte ein. Die Geschäfte füllten sich, Schwarzhändlern wurde der Boden entzogen und unternehmerische Initiative begann wieder Fahrt aufzunehmen. An diesem Tag wurde der Grundstein gelegt für das „Wirtschaftswunder“ und den „Wohlstand für Alle“. Die Soziale Marktwirtschaft entwickelte sich anschließend nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht zu einem beispiellosen Erfolgsmodell, sondern wurde zudem auch zu einer großen Integrationsformel der Bundesrepublik.

Sich dieses historische Ereignis ins Gedächtnis zu rufen, darf gerade in der Situation, in der die Bundesrepublik sich heute befindet, nicht als bloße Denkmalpflege betrieben werden. Vielmehr gilt es Brücken zur Gegenwart zu schlagen und die Frage zu stellen, was uns dieser wichtige Bezugspunkt heute lehrt. Auch fast 80 Jahre nach Erhards Währungsreform und den nicht minder wichtigen begleitenden Reformen, zeigt die Betrachtung der damaligen Ereignisse schon anhand nur weniger Kriterien erstaunliche Ansatzpunkte.

Mut und Entschlossenheit

Am Montag nach der Währungsreform wurde Erhard unmittelbar zur Militärregierung beordert und vorwurfsvoll damit konfrontiert, ohne Genehmigung die Bewirtschaftungs- und Preisvorschriften abgeändert zu haben. Ludwig Erhard antwortete trocken: „Ich habe sie nicht abgeändert, ich habe sie abgeschafft.“ Ein unerhörter Akt persönlicher Verantwortung. Insbesondere, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Alliierten auf aufkeimendes Selbstbewusstsein der Deutschen üblicherweise sehr gereizt und konsequent reagierten. Johannes Semmler, Erhards Vorgänger im Amt des Wirtschaftsdirektors, war aufgrund einer recht belanglosen Kritik an amerikanischen Lebensmittellieferungen entlassen worden. Nun ordnete Erhard mit dem Leitsätzegesetz das aus seiner Sicht Notwendige eigenmächtig an. Wie kühn der Schritt war, zeigt der berühmte Dialog zwischen Erhard und dem amerikanischen General Lucius Clay. „Meine Berater sagen mir, dass Ihre Entscheidung falsch ist", sagte Clay. „Das sagen meine auch", antwortete Erhard. Eine Reformpolitik dieses gewaltigen Ausmaßes verlangt „skin in the game“. Damals wie heute werden sich die Richtung und die Stimmung eines Landes kaum im notwendigen Maße verändern lassen, ohne dass die politischen Verantwortlichen nicht die volle Verantwortung auf sich nehmen und ihr gesamtes politisches Gewicht in diesen Prozess einbringen.

Klares Zielbild

Erhard selbst betonte, dass neben Mut zur Verantwortung auch ein ausgereiftes Wissen über Zusammenhänge und vor allem eine klare Vorstellung über die neue Ordnung zentrale Voraussetzungen für den Erfolg waren. Seine Wirtschaftsreform war eben kein „Handstreichverfahren“ wie Karl Schiller später meinte. Sie war auch kein „Sprung ins kalte Wasser der Marktwirtschaft“. Sie war auch kein „Wunder“, sondern das Ergebnis von sorgfältig abgewogenen und aufeinander abgestimmten Maßnahmen. Und nicht alle Ergebnisse waren umgehend positiv. Preise stiegen und der Arbeitsmarkt blieb zunächst ein Sorgenkind. Erhard redete nichts schön, er stellte heraus, dass sein Konzept auf langfristige wirtschafts- und sozialpolitische Ziele ausgelegt ist. Ihm ging es nicht um kurzfristige Erfolgsausweise, sondern um Perspektive, Konstanz und Ausdauer. Er wollte nicht kurzfristig die Wachstumsraten verbessern, sondern orientierte sich an Walter Euckens Postulat der Kontinuität in der Wirtschaftspolitik als Vertrauensbasis unternehmerischer Entscheidungen: „Der Umfang der Investitionen hängt maßgeblich von der Konstanz oder Inkonstanz der Wirtschaftspolitik ab.“ Erhard wie Eucken warnten vor „Experimenten“ in der Wirtschaftspolitik - dies galt für gutgemeinte vermeintlich fördernde Maßnahmen ebenso wie für offensichtliche Technologie- und Industriefeindlichkeit. Diese Beständigkeit und Zuverlässigkeit sowie das unverrückbare Festhalten an grundlegenden Prinzipien, weckten bei den Bürgern Vertrauen in die eigene Kraft. Ein solches Zielbild, das die Schaffenskraft und den Ideenreichtum der Bürger in den Mittelpunkt stellt und Lust auf Zukunft und Leistung macht, ist heute viel zu wenig konturiert.

Überzeugung

Erhard glaubte unbeirrbar und geradezu stur an die Richtigkeit und den Erfolg seines Programms. Er setzte es engagiert gegen den Zeitgeist um. Doch er tat dies nicht mit Dirigismus, Regulierung oder Aktionismus, sondern mit Überzeugungs- und Führungskraft. Für ihn war die Basis eines gesunden Sozialstaats eben nicht ein möglichst hohes Maß an individuellen Ansprüchen, sondern eine florierende Wirtschaft. Er war ein unbeugsamer Kämpfer für Freiheit und für eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung mit menschlichem Antlitz - eine Ordnung, die das Individuum wieder zur Geltung kommen lässt, die den Wert der Persönlichkeit oben anstellt und der Leistung dann auch den verdienten Ertrag zukommen lässt. Dabei verfolgte Ludwig Erhard eine klare Maxime, die noch heute - ja, gerade heute - ihre Berechtigung hat. Er betonte wieder und wieder, dass es ihm nicht darum gehe, „den Mangel gleichmäßig zu verteilen, sondern ein Mehr an Gütern zu schaffen.“ Diesen Satz gilt es auch heute all den Kleinmütigen zuzurufen, die Wirtschaftswachstum als Nullsummenspiel betrachten und die einzige Möglichkeit in mehr Umverteilung des vorhandenen Kuchens sehen. 

Gegenwind

Im Nachkriegsdeutschland herrschten Resignation und Verzweiflung. Lebensmittel waren rationiert, Heizmaterial knapp und gefährliche Infektionskrankheiten wie Tuberkulose breiteten sich aus. In dieser Situation entwickelte sich der Sozialismus zu einer Art Massensehnsucht. Der Sozialdemokrat und SPD-Wirtschaftsminister in NRW, Erik Nölting, war sich 1947 sicher, dass der Sozialismus unabänderlich beschlossene Sache sei und sogar Alfred Müller-Armack resignierte: „Unsere Zeit scheint übereingekommen, in der zentralen Wirtschaftslenkung die einzig zukunftsfähige Form einer sozialen Ordnung zu sehen.“ Selbst die CDU hatte sich in ihrem Ahlener Programm zu „Sozialismus aus christlicher Verantwortung“ bekannt. Die Umsetzung der Sozialen Marktwirtschaft war für Erhard also alles andere als ein Heimspiel. Erhard focht gegen einen kollektivistischen Zeitgeist und die beeindruckenden Erfolge mussten gegen erhebliche Widerstände erkämpft werden. Die Gewerkschaften riefen bereits im November 1948 zum Generalstreik gegen Erhards Wirtschaftspolitik auf. Zwei Drittel der Beschäftigten folgten dem Aufruf und machten ihrem Ärger Luft. Seine ambitionierten wirtschaftspolitischen Ziele brachten Erhard nicht selten den Vorwurf eines Phantasten ein. Aufgrund seiner sturen Haltung in der Preisanpassungskrise 1948, der Suezkrise 1956 oder bei der Durchsetzung der DM-Aufwertung 1961 wurde er kritisiert, „nichts zu tun“. Von diesen Widerständen ließ sich Erhard nicht erschüttern. Er betrachtete jedes Thema von seinen Prinzipien aus. Parteifreunde, Vertreter der Opposition, Wissenschaftler und Verbände mussten allesamt damit rechnen, bei vorgebrachten Anliegen als „Vertreter von Partialinteressen“ abzublitzen. Auch heute wird eine Bundesregierung, die einen wirkungsvollen Reformkurs umsetzen will, dieses Stehvermögen aufbringen müssen. 

Kommunikation

Noch etwas lässt sich von Erhard abschauen. Er hat es verstanden, eine Stimmung des Aufbruchs und des realistischen Optimismus zu schaffen - eine Atmosphäre in der sich die schöpferischen Kräfte zum Wohl aller frei entfalten konnten. An diese wichtige Vorbildfunktion und das beherzte und optimistische Anpacken und Meistern von Zukunftsaufgaben gilt es heute besonders anzuknüpfen. Erhard wusste, dass gute Wirtschaftspolitik zu einem großen Teil auch angewandte Psychologie ist. Neben der richtigen Politik ging es ihm deshalb darum, Zuversicht und Optimismus zu vermitteln und die Köpfe und Herzen der Menschen zu erreichen. Seine Wirtschaftspolitik wurde nicht in Amtsstuben durchgesetzt, sondern an der Front der öffentlichen Meinungsbildung geschmiedet. Sie war Thema von zahllosen Veranstaltungen, Streitgesprächen und Diskussionen. Er suchte die Zwiesprache mit den Massen. Er hat Sachkenntnis, Glaubwürdigkeit und Optimismus ausgestrahlt und damit Menschen bewegt, ja mitgerissen. Ihm lag die wissenschaftliche Rede ebenso wie die einfache populäre Sprache - die Wirkung erzielte er durch seine Überzeugungskraft und sein Selbstbewusstsein als Erneuerer. So setzte er der infektiösen Resignation und den Weltschmerz-Ideologien dieser Zeit einen anpackenden Optimismus entgegen. 

Natürlich ist die Ausgangslage heute eine vollständig andere als 1948. Doch genau wie damals werden auch heute große Veränderungen nur gelingen, wenn dem Einzelnen wieder mehr Handlungsspielraum eingeräumt wird und der Staat auf die Rolle zurückkehrt, die ihm die Väter der Sozialen Marktwirtschaft zugedacht haben. Er soll Regelsetzer und Schiedsrichter im Wirtschaftsgeschehen sein, nicht handelnder Akteur. Erhard hat mit einem Paukenschlag seine Reformen durchgesetzt. Vom Geist und der Entschlossenheit Erhards ist bei der schwarz-roten Bundesregierung bislang zu wenig zu spüren. Konsens und Konfliktvermeidung stehen vor programmatischer Klarheit. Mitunter scheint es, als würden die Koalitionspartner nicht einmal eine einheitliche Problemdiagnose finden. Doch dies ist die Grundvoraussetzung, um anhand der fünf betrachteten Kriterien einen erfolgreichen Reformkurs umsetzen zu können.


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