Standpunkt 28.05.2026
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Standpunkt Steiger: Vom „Wohlstand für Alle“ zur K-förmigen Wirtschaft?

Die wirtschaftspolitische Kolumne von Wolfgang Steiger, Generalsekretär des Wirtschaftsrates


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Es sind harte Zahlen: Zum achten Mal in Folge sinken die in Deutschland angekündigten Projekte für ausländische Direktinvestitionen. Wir fallen auf den niedrigsten Stand seit 2009 zurück. Internationale Investoren halten den Wirtschaftsstandort Deutschland in seiner derzeitigen Verfasstheit augenscheinlich nicht für ausreichend wettbewerbsfähig. Doch nicht nur ausländisches Kapital macht derzeit einen Bogen um die Bundesrepublik. Auch heimische Unternehmen investieren nicht genug am Standort. Das verdeutlicht die sogenannte „Nettoinvestitionsquote“. Bei dieser Kennzahl werden die Abschreibungen von den Bruttoinvestitionen abgezogen. Die Zahl misst also, ob Unternehmen und Staat mehr in neue Sachanlagen wie Maschinen, Gebäude oder Fahrzeuge investieren, als bestehende Werte durch Abnutzung verlieren. Erstmals seit der Wiedervereinigung ist diese Bilanz zuletzt ins Negative gekippt - es wurde also weniger investiert, als an Ersatzanschaffungen notwendig gewesen wäre, um den Kapitalstock auch nur zu erhalten. Deutschland fährt auf Verschleiß. Die EU-Kommission prognostiziert, dass sich dieser fatale Trend fortschreibt und staatliche Investitionsprogramme in Rüstung und Infrastruktur nur knapp die Hälfte dessen ausgleichen, was Deutschland seit 2022 verloren hat. 

Die ausgeprägte private Investitionsschwäche ist in Verbindung mit dem demografiebedingten Rückgang des Arbeitsangebots ein toxischer Mix, der dafür sorgt, dass das Potentialwachstum bis zum Ende des Jahrzehnts auf 0,0 Prozent zu sinken droht und Deutschland in der Stagnation gefangen bleibt. Ifo-Präsident Prof. Clemens Fuest warnte deshalb bereits vor einigen Monaten, dass Deutschland auf „italienische Verhältnisse“ zusteuere: „Weniger private Investitionen bedeuten mittelfristig weniger Wachstum, weniger Steuereinnahmen und damit auch weniger Geld für staatliche Leistungen.“ Der durchschnittliche Lebensstandard stagniere bereits seit Längerem. Doch durch die Durchschnitts- und Aggregats-Betrachtung von Kennzahlen wie Investitionen, Beschäftigung oder Einkommen werden die sich dahinter verbergenden tiefgreifenden strukturellen Umwälzungen noch gar nicht sichtbar. Viele Bürger würden bereits einen sinkenden Lebensstandard erleben, der durch positive Entwicklungen bei anderen in der Statistik verdeckt wird.  Eine solche Entwicklung wird als K-förmige Wirtschaft bezeichnet und besitzt die Sprengkraft, den Unmut der Bevölkerung und den politischen Populismus weiter anzuheizen.

Im Nachgang zum Wirtschaftseinbruch durch die Corona-Pandemie sprach man von Modellen wie einer V-förmigen Erholung (schneller Aufschwung) oder einer U-förmigen Erholung (langsamer Aufschwung), die eine weitgehend einheitliche Entwicklung beschrieben. Die K-förmige Entwicklung folgt dagegen keinem eindeutigen Trend, sondern zeichnet sich durch eine scharfe Divergenz im Erholungspfad aus und spaltet die Wirtschaft in Gewinner und Verlierer. Der obere Ast des K steht für Gruppen, die sich noch positiv entwickeln, der untere für jene, die stagnieren oder schrumpfen. Wenn wir auf die anfangs bemängelte private Investitionstätigkeit zurückkommen, bestätigt sich bei differenzierter Betrachtung auch hier der Befund einer auseinanderlaufenden Entwicklung. Eine aktuelle Studie belegt den ungebremsten Abwärtstrend in Schlüsselindustrien wie Automotive und Maschinenbau. In einigen Hochtechnologiebranchen wie etwa Pharma, Elektronik oder der optischen Industrie ist jedoch durchaus eine positive Investitionsdynamik zu beobachten. Auch regional ziehen einige Bundesländer weiterhin Investitionen an, während andere beschleunigt an Substanz verlieren.

Die strukturelle Kluft manifestiert sich nicht nur zwischen Branchen und Regionen, sondern zunehmend auch zwischen sozialen Gruppen. Haushalte, die der obere Arm des K repräsentiert, verfügen in der Regel über Assets wie Immobilien, Aktien oder Unternehmensbeteiligungen und profitieren von Wertsteigerungen bei diesen Vermögenswerten. Diejenigen, die im unteren Arm des K repräsentiert sind, kämpfen dagegen vermehrt mit Inflation und Erschwinglichkeit (Affordability) – insbesondere bei Energie, Lebensmitteln und steigenden Mieten. Der reflexhafte Ruf, der Staat solle doch für niedrige Preise sorgen, hilft diesen Gruppen besonders wenig. Der Staat senkt Preise nicht, sondern ist ein Treiber für Erhöhungen - durch Regulierungen ebenso wie durch eine aufgrund massiver Ausgabenprogramme ausgelösten Inflation.

Nun ist in der Sozialen Marktwirtschaft die unterschiedliche Entwicklung von Branchen ein Kernelement des Wettbewerbs und auch Vermögensunterschiede sind integraler Bestandteil unserer freiheitlichen Wirtschaftsordnung. Soziale Marktwirtschaft schafft keine Gleichheit, macht aber alle reicher und bietet Chancengerechtigkeit und Teilhabe. Ursache ist ihre Fähigkeit durch Wettbewerb und Kapitalakkumulation beständige Innovation und Produktivitätssteigerung zu ermöglichen. Doch bei den jetzigen Entwicklungen geht es längst nicht mehr um normale Bewegungen und Anpassungen im Wettbewerb. Vielmehr ist das der Sozialen Marktwirtschaft zu Grunde liegende Leistungs- und Aufstiegsversprechen durch eine Verfestigung der K-Form in seinem Kern gefährdet. Zum ersten Mal seit 1950 erleben wir in Deutschland durch völlig falsch gesetzte Rahmenbedingungen eine prolongierte Phase negativen Wachstums. Bislang folgten auf Rezessionsjahre stets positive Anpassungen und Entwicklungen in den Folgejahren. 

Heute ist die Perspektive eine völlig andere: Eine alternde Gesellschaft ohne Wachstumspotenzial läuft unweigerlich auf spaltende Verteilungskämpfe zu. Ein weiteres Ausweiten der nicht erfüllbaren Umverteilungspolitik wird daran nichts ändern. Da die Legitimität der politischen Ordnung in der Bundesrepublik Deutschland von Beginn an besonders eng mit der wirtschaftlichen Prosperität verknüpft gewesen ist, geht es hier nicht nur um Wachstumszahlen, sondern um die Grundlagen unserer Gesellschaftsordnung. Will die Bundesregierung den zunehmenden Vertrauensverlust entgegenwirken, muss sie endlich fundamentale Reformprozesse einläuten und die Rahmenbedingungen für einen starken Wirtschaftsstandort, der eine breite Beteiligung am Wohlstand ermöglicht, wieder in den Mittelpunkt rücken.  


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