Neue Superbehörde des BMLEH: Echter Bürokratieabbau braucht echte Ambitionen
Deutschland diskutiert intensiv über den Abbau von Bürokratie und die Modernisierung staatlicher Strukturen. Mit der geplanten Zusammenführung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), des Max Rubner-Instituts (MRI) und des Bundeszentrums für Ernährung (BZfE) will das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat nun einen weiteren Schritt in diese Richtung gehen. Ziel ist die Gründung eines neuen Bundesinstituts für Risikobewertung und Ernährung, das Kompetenzen im gesundheitlichen Verbraucherschutz und in der Ernährungspolitik bündelt. Der Ansatz ist richtig. Entscheidend wird jedoch sein, dass aus der Bündelung keine neue schwerfällige Superbehörde entsteht, die eher Bürokratie schafft, statt sie zu verschmälern.
Warum der Ansatz richtig ist
Über Jahre sind im Bereich Ernährung, Lebensmittelsicherheit und Verbraucherinformation zahlreiche Zuständigkeiten nebeneinander gewachsen. Teilweise überschneiden sich Aufgaben, Abstimmungsprozesse ziehen sich in die Länge und Verantwortlichkeiten sind nicht immer klar erkennbar. Diese Doppelstrukturen existieren übrigens nicht nur auf Bundesebene, sondern von der EU bis in die Kommune hinein.Die geplante Zusammenführung bietet die Chance,
- Doppelstrukturen abzubauen
- wissenschaftliche Expertise besser zu vernetzen
- Kommunikationswege zu verkürzen
- Zuständigkeiten klarer zu ordnen
- Ressourcen effizienter einzusetzen
Wo die Reform noch Fragen offenlässt
Die Zusammenlegung allein garantiert noch keinen Erfolg. Aus der Komplexitätsforschung weiß man, dass große Behörden dazu neigen, neue Hierarchieebenen, zusätzliche Abstimmungsprozesse und komplexe Zuständigkeitsstrukturen hervorzubringen. Ein gewisser Selbsterhaltungstrieb ist ebenso bei vielen großen Behörden zu erkennen. Der eigentliche Zweck der Reform darf deshalb nicht aus dem Blick geraten: weniger Bürokratie statt ihrer bloßen Neuorganisation.Zudem muss die wissenschaftliche Unabhängigkeit des neuen Instituts uneingeschränkt gewahrt bleiben. Gerade in Bereichen wie Ernährungswissenschaft, Risikobewertung oder Verbraucherkommunikation ist eine unabhängige wissenschaftliche Beratung von zentraler Bedeutung. Verbraucher, Wirtschaft und Politik müssen weiterhin darauf vertrauen können, dass Bewertungen faktenbasiert und frei von politischen Erwägungen erfolgen.
Auch die Übergangsphase birgt Risiken. Kompetenzverschiebungen, Personalunsicherheiten und Reibungsverluste dürfen nicht dazu führen, dass wichtige Aufgaben zeitweise nur eingeschränkt wahrgenommen werden.
Mehr Mut zur Verwaltungsmodernisierung in allen Behörden
Die Reform sollte kein Einzelfall bleiben. Wenn der Staat Bürokratie abbauen will, müssen bestehende Behördenstrukturen grundsätzlich auf Überschneidungen und Bündelungspotenziale überprüft werden. Effiziente Verwaltung bedeutet, Aufgaben dort zu konzentrieren, wo sie schneller, schlanker und wirtschaftlicher erfüllt werden können. Neue Zuständigkeiten dürfen nicht automatisch neue Institutionen hervorbringen.Gleichzeitig braucht Deutschland eine klare strategische Ausrichtung in der Ernährungspolitik. Ernährungssicherheit muss stärker als eigenständiges politisches Ziel verstanden werden. Die Versorgung der Bevölkerung mit sicheren, bezahlbaren und qualitativ hochwertigen Lebensmitteln gehört angesichts globaler Krisen, geopolitischer Spannungen und zunehmender Abhängigkeiten wieder stärker in den Mittelpunkt der politischen Debatte. Entsprechende Strategien wie etwa dezentrale Lager mit der Lebensmittelwirtschaft als Partner müssen jetzt zu Papier gebracht und konsequent angegangen werden.
Ebenso wichtig ist die Stärkung der Ernährungsbildung. Verbraucher brauchen fundiertes Wissen, um informierte Entscheidungen treffen zu können. Ernährungskompetenz sollte deshalb über alle Altersgruppen hinweg konsequent gefördert werden. Dann braucht es auch keine Bevormundung wie die Zuckersteuer oder andere Mehrbelastungen für Verbraucher.
Was der Wirtschaftsrat fordert:
- klare Zuständigkeiten statt neuer bürokratischer Ebenen
- konsequenten Abbau von Doppelstrukturen und Überschneidungen
- Wahrung der wissenschaftlichen Unabhängigkeit des neuen Instituts
- Bürokratieabbau durch schlankere Entscheidungs- und Abstimmungsprozesse
- Entwicklung einer nationalen Strategie zur Ernährungssicherheit
- Stärkung von Ernährungsbildung und Ernährungskompetenz
- Prüfung weiterer Synergiepotenziale in der gesamten Bundesverwaltung