Novellierung der Netzentgeltsystematik als Chance und Gefahr für die energieintensive Industrie
Im Zuge der Energiewende sind enorme Investitionen in den Netzausbau und den Netzbetrieb erforderlich. Bisher wurden diese Kosten ausschließlich über die Netzentgelte an die Endverbraucher weitergegeben. Da diese Entgelte in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen sind, bilden sie mittlerweile den größten Bestandteil des Strompreises. Weil das Niveau bis zum Abschluss der Transformation hoch bleiben wird, hat die Bundesnetzagentur (BNetzA) als zuständige Regulierungsbehörde eine grundlegende Reform der Netzentgeltstruktur angestoßen.
Aus volkswirtschaftlicher und unionsrechtlicher Sicht ist eine Anpassung geboten, die Netzkosten verursachungsgerecht und kostenreflexiv zuordnet. Gleichzeitig muss das neue System organisatorisch und technisch umsetzbar sein sowie die nachhaltige Finanzierung der Netze garantieren. Mit dem im Mai 2025 eingeleiteten Konsultationsprozess „Allgemeine Netzentgeltsystematik Strom“ (AgNes) startete die BNetzA die Findungsphase für das neue Modell, das Ende 2026 final beschlossen werden und ab 2029 gelten soll. Dieser Prozess betrifft neben den Verbrauchern und Netzbetreibern insbesondere die Betreiber von Erzeugungsanlagen sowie Prosumer (z. B. private Haushalte mit PV-Dachanlagen).
Einbindung der energieintensiven Industrie
Aus Sicht der energieintensiven Industrie – letztlich aber im Interesse aller Stromverbraucher – bietet der Prozess große Chancen: Eine volkswirtschaftlich effiziente Ansiedlung erneuerbarer Erzeugungs-anlagen, eine netzdienliche Fahrweise und die finanzielle Beteiligung von Einspeisern könnten die Stromversorgung insgesamt kostengünstiger gestalten. Auch der Wechsel von Leistungs- zu Kapazitätspreisen ist zu begrüßen.
Allerdings setzt die BNetzA stark auf Anreize zur Flexibilisierung des Strombezugs. Da dies in vielen industriellen Produktionsprozessen technisch unmöglich ist, drohen den Unternehmen unkalkulierbare Zusatzkosten. Zwar ist die Bonner Behörde der Industrie in einigen Punkten bereits entgegengekommen – etwa durch die zweijährige Verlängerung des Bandlastprivilegs bis 2031 – und zeigt sich offen für die Perspektiven der Wirtschaft. Dennoch bleibt unklar, inwieweit die neue Systematik eine flexible Stromnachfrage der Industrie fälschlicherweise als gegeben voraussetzt. Während eine solche Verhaltensänderung für Haushalte mit Smart Metern und E-Auto oder für Batteriespeicher realistisch und sinnvoll ist, lässt sie sich auf kontinuierlich laufende Industrieprozesse nicht übertragen.
Forderungen des Wirtschaftsrates
- Eine klare Begrenzung der Erhebung von dynamischen Netzentgelten für die energieintensive Industrie auf ein Minimum, welches sich wirtschaftlich abbilden lässt
- Eine konsequente und dauerhafte Fortführung des Bandlastprivilegs oder eines ähnliches Systems
- Eine angemessene Beteiligung der erneuerbaren Energien an den Netzkosten, da diese den Netzausbau maßgeblich treiben
- Einführung eines Schattenprozesses, bei dem die neue Netzentgeltsystematik testweise parallel zum aktuellen System erprobt wird
- Herstellung einer quantitativen und transparenten Datengrundlage für die konkreten finanziellen Auswirkungen der neuen Entgeltstrukturen für Großverbraucher
Fazit
Der AgNes-Prozess verfolgt die richtigen Ziele und birgt großes Potenzial für die Mammutaufgabe, die Energiewende zu finanzieren. Es muss jedoch kritisch geprüft werden, ob die von der BNetzA geplanten Lenkungsinstrumente zu realistischen und planbaren Reaktionen führen. Da die heimische Industrie ohnehin unter hohen Energiepreisen, strengen Umweltauflagen, bürokratischer Übererfüllung („Gold-Plating“) und einer volatilen Rohstoffversorgung leidet, gefährden zusätzliche Belastungen die wirtschaftliche Existenz der Unternehmen.
Die Bundesnetzagentur muss bei der finalen Festlegung behutsam vorgehen. Die Stromversorgung ist kein Selbstzweck – ohne eine starke Industrie verliert sie ihre fundamentale Basis. Es liegt daher im Gesamtinteresse, dass die energieintensive Industrie trotz einer Beteiligung an den Netzkosten inter-national wettbewerbsfähig bleibt.