Startup- und Scaleup-Strategie der Bundesregierung: Eine Einordnung des Wirtschaftsrates
Mit ihrer Ende Juli 2026 vorgestellten Startup- und Scaleup-Strategie will die Bundesregierung Deutschland als Standort für innovative und wachstumsstarke Unternehmen stärken.
Mehr als 150 Maßnahmen in acht Handlungsfeldern reichen von Finanzierung und Technologietransfer über Bürokratieabbau bis zur internationalen Skalierung. Die Strategie kommt zum richtigen Zeitpunkt: Im ersten Halbjahr 2026 wurden mehr als 3.000 Startups gegründet – über 50 Prozent mehr als im zweiten Halbjahr 2025.
Aus Sicht des Wirtschaftsrates gilt es nun, diese Dynamik in nachhaltiges Wachstum zu übersetzen. Deutschland braucht nicht nur mehr Gründungen, sondern bessere Bedingungen, damit daraus Scaleups und neue Weltmarktführer entstehen.
Finanzierung stärken – privates Kapital mobilisieren
Der stärkere Fokus auf Wachstumsfinanzierung ist zu begrüßen. Entscheidend ist eine durchgängige Finanzierungskette von der Gründung bis zum internationalen Scaleup:
- Frühphase stärken: Co-Investment-Modelle können privates Kapital von Business Angels, Family Offices und VC-Fonds hebeln. Das INVEST-Programm sollte wieder verlässlich und investitions-freundlich ausgestaltet werden.
- Wachstumskapital mobilisieren: Scale-up Direct, Wachstumsfonds II und Zukunftsfonds setzen wichtige Impulse. Zugleich müssen Versicherungen, Versorgungswerke und weitere institutionelle Anleger stärker für Venture Capital gewonnen werden.
- Kapital im Ökosystem halten: Steuerliche Anreize für Re-Investitionen und bessere Secondary-Märkte können Liquidität schaffen und Kapital schneller für neue Investments verfügbar machen.
- DeepTech finanzieren: Neue Instrumente für kapitalintensive First-of-a-Kind-Projekte sind ein wichtiger Schritt, um industrielle Innovationen schneller zur Marktreife zu bringen.
Aus Sicht des Wirtschaftsrates muss dabei gelten: Staatliches Kapital sollte privates Kapital hebeln, nicht ersetzen.
Technologietransfer beschleunigen – Forschung in den Markt bringen
Mit EXIST, Startup Factories, Reallaboren und einem zentralen IP-Werkzeugkasten will die Bundesregierung Ausgründungen aus Wissenschaft und Forschung erleichtern. Die Stoßrichtung stimmt, doch gerade im DeepTech-Bereich bleiben langwierige IP-Verhandlungen ein Wachstumshemmnis.
- IP-Transfer vereinfachen: Hochschulen brauchen standardisierte, transparente und gründungsfreundliche Regelungen für Patente und Beteiligungsrechte.
- Transfer beschleunigen: Startup Factories und EXIST sollten stärker daran gemessen werden, wie schnell aus Forschung tatsächlich Unternehmen und marktfähige Produkte entstehen.
- Reallabore konsequent nutzen: Innovative Technologien müssen frühzeitig unter realen Bedingungen erprobt und schneller in den Markt gebracht werden können.
Staat als Ankerkunde – öffentliche Beschaffung öffnen
Positiv ist das Ziel, Startups stärker an öffentlichen Aufträgen zu beteiligen. Die Sonderwertgrenze von 100.000 Euro für Direktaufträge des Bundes an junge Unternehmen und einfachere Vergabeverfahren schaffen dafür neue Möglichkeiten.
- Vergabemöglichkeiten tatsächlich nutzen: Bund, Länder und Kommunen sollten innovative Unternehmen systematisch stärker berücksichtigen.
- Markteintritt erleichtern: Überhöhte Referenz- und Nachweispflichten dürfen junge Anbieter nicht faktisch ausschließen.
- Staat als Referenzkunde etablieren: Besonders in GovTech, KI, Cybersecurity, HealthTech und Defence kann öffentliche Nachfrage zum Skalierungstreiber werden.
Mit „Schneller Gründen“, digitalen Beurkundungsverfahren und einer schnelleren Vergabe von Steuernummern adressiert die Strategie bekannte administrative Hemmnisse. Aus Sicht des Wirtschaftsrates muss die Bundesregierung jedoch weitergehen:
- One-Stop-Shop schaffen: Gründungen sollten über einen zentralen digitalen Zugang vollständig abgewickelt werden können.
- Verfahren beschleunigen: Unnötige Beurkundungspflichten müssen entfallen und Handelsregis-tereintragungen deutlich schneller erfolgen.
- Europäische Skalierung erleichtern: Das Bekenntnis zur EU Inc. ist zu begrüßen. Eine einheitliche europäische Rechtsform kann grenzüberschreitendes Wachstum erleichtern und den europäischen Startup-Binnenmarkt stärken.
Fazit: Die Startup- und Scaleup-Strategie setzt mit Wachstumskapital, Technologietransfer, öffentli-cher Beschaffung, Bürokratieabbau sowie Defence und Dual Use wichtige Impulse. Ihre große Breite ist jedoch zugleich eine Schwäche: Unter den mehr als 150 Maßnahmen finden sich neben konkreten Reformen auch bereits bestehende Programme, Prüfaufträge und politische Absichtserklärungen. Entscheidend sind daher klare Prioritäten, verbindliche Zeitpläne und messbare Ergebnisse. Nur wenn den Ankündigungen zügig Taten folgen, kann aus der aktuellen Gründungsdynamik nachhaltiges Wachstum entstehen.