HR meets AI: Wie Künstliche Intelligenz die Personalarbeit verändert
Künstliche Intelligenz verändert zunehmend zentrale Bereiche der Personalarbeit. Von der Auswahl neuer Mitarbeiter über Beförderungsentscheidungen bis hin zur Entwicklung von Talenten eröffnen sich neue Möglichkeiten, Personalentscheidungen auf eine fundiertere Grundlage zu stellen. Gleichzeitig stehen Unternehmen vor der Herausforderung, neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Mensch und Technologie zu entwickeln und verantwortungsvoll in ihre Entscheidungsprozesse zu integrieren.
Den inhaltlichen Impuls setzte Prof. Dr. Florian Feltes, Mitgründer und Co-CEO des Unternehmens zortify. In seiner Keynote zeigte er, wie stark Personalentscheidungen von kognitiven Verzerrungen geprägt sind. Im Zentrum des Vortrags stand die Erkenntnis, dass Entscheidungen im Recruiting häufig stärker von unbewussten Denkmustern beeinflusst werden, als vielen Entscheidern bewusst ist. Der sogenannte „Cognitive Bias Codex“ verdeutlicht, wie stark menschliche Wahrnehmung durch Vorurteile und mentale Abkürzungen geprägt wird. Besonders prägend ist dabei der erste Eindruck. Bereits in den ersten 15 Sekunden eines Gesprächs bildet sich häufig eine feste Meinung über eine Person. Der weitere Verlauf eines Interviews dient anschließend nicht selten unbewusst dazu, diesen Eindruck zu bestätigen – unabhängig davon, ob er positiv oder negativ ist.
Hinzu kommt der Effekt der sozialen Erwünschtheit. Bewerber verhalten sich im Gespräch häufig so, wie sie glauben, dass es von ihnen erwartet wird. Dadurch entsteht ein Bild, das weniger die tatsächlichen Fähigkeiten als vielmehr die Anpassungsfähigkeit an die Situation widerspiegelt. Genau an diesem Punkt setzen moderne Systeme an. KI-gestützte Analysen können helfen, solche Verzerrungen zu reduzieren und Entscheidungen stärker evidenzbasiert zu treffen. Ziel sei dabei nicht der Ersatz menschlicher Entscheidungen, sondern eine „Co-Intelligenz“, in der Datenanalyse und menschliche Erfahrung zusammenwirken.
In der anschließenden Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Florian Feltes, Dr. Andreas Franken, Vorstandsmitglied der Deutschen Vermögensberatung AG, Dr. Jörg Krauter, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Leada AG, sowie Prof. Dr. Heiner Lasi, Akademischer Leiter des Ferdinand-Steinbeis-Institutes wurde deutlich, dass die größten Hürden häufig weniger technischer als kultureller Natur sind. Unter der Moderation des Vorsitzenden der Landesfachkommission Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik, Udo Krauß, diskutierten die Teilnehmer, warum viele Unternehmen trotz dieser Möglichkeiten noch zögern, ihre Auswahlprozesse zu verändern. Ein wesentlicher Grund liegt in gewachsenen Strukturen und etablierten Entscheidungsgewohnheiten. Der Übergang zu datenbasierten Verfahren erfordert nicht nur technologische Anpassungen, sondern vor allem ein Umdenken und häufig auch ein Umlernen. Im Kern geht es nicht darum, menschliche Entscheidungen zu ersetzen, sondern um die Akzeptanz einer Co-Intelligenz, in der Mensch und KI gemeinsam bessere Ergebnisse erzielen.
Aus der Forschung heraus entstehen derzeit zahlreiche spezialisierte, kleinere Modelle, die gezielt in konkreten Anwendungsbereichen eingesetzt werden können. Besonders im Personalbereich zeichnen sich drei zentrale Einsatzfelder ab: Recruiting, Beförderungsentscheidungen sowie die Standortbestimmung von Talenten innerhalb eines Unternehmens. Evidenzbasierte Verfahren können dazu beitragen, Fehlentscheidungen deutlich zu reduzieren und langfristig Kosten zu senken.
Gleichzeitig wurde deutlich, dass technologische Innovationen häufig durch interne Entscheidungsprozesse gebremst werden. Gerade in großen Organisationen oder etablierten Familienunternehmen sind die internen Entscheidungszyklen für neue Lösungen oft lang. Hinzu kommt die Sorge vor Kontrollverlust, wenn Entscheidungen stärker datengetrieben getroffen werden. Dennoch entstehen zunehmend Beispiele von Unternehmen, die bewusst neue Wege gehen und datenbasierte Instrumente gezielt in ihre Personalentscheidungen integrieren.
Die Diskussion machte deutlich, dass Wandel heute zu einer zentralen Kernkompetenz von Organisationen geworden ist. Unternehmen benötigen Mitarbeiter, die nicht ausschließlich in bestehenden Prozessen denken, sondern flexibel auf Veränderungen reagieren können. Eigenschaften wie Resilienz, Anpassungsfähigkeit und Offenheit für neue Technologien gewinnen damit zunehmend an Bedeutung. Gleichzeitig kann es sinnvoll sein, innerhalb von Organisationen gezielt Räume zu schaffen, in denen neue Ansätze erprobt und Best Practices entwickelt werden.
Ein besonderer Dank gilt der Deutschen Vermögensberatung AG für die Unterstützung der Veranstaltung und die hervorragende Gastfreundschaft.