Bericht
17.03.2026
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Neue Zollmauern, neue Unsicherheiten: Wie die US-Handelspolitik die Weltwirtschaft verändert

Höhere US-Zölle verändern die Spielregeln des Welthandels. Im Mittelpunkt des Abends standen die Folgen für Unternehmen, Lieferketten und die Wirtschaft.
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Der internationale Handel steht vor einer neuen Phase wachsender Unsicherheit. In seinem Vortrag ordnete Dr. Ulf Slopek, Präsident der Hauptverwaltung in Hessen der Deutschen Bundesbank, die jüngsten Entwicklungen in der US-Handelspolitik aus volkswirtschaftlicher Perspektive ein und machte deutlich, dass die zunehmende Abschottung keine kurzfristige Ausnahmeerscheinung ist, sondern Teil eines längerfristigen Trends. Die Ausweitung des Welthandels habe sich bereits seit der Finanzkrise deutlich verlangsamt, während protektionistische Tendenzen schon lange vor der aktuellen Zuspitzung an Bedeutung gewonnen hätten.

Im Mittelpunkt standen die vielfältigen Motive, mit denen Zölle politisch begründet werden: der Schutz vor vermeintlich unfairen Handelspraktiken, die Stärkung heimischer Industrien, zusätzliche Staatseinnahmen, Fragen der nationalen Sicherheit und nicht zuletzt der Einsatz von Handelsbarrieren als politisches Druckmittel. Mit Blick auf die USA wurde deutlich, wie konsequent sich diese Logik mittlerweile in konkrete Politik übersetzt. Besonders einschneidend sei der handelspolitische Kurswechsel gewesen, mit dem auf breiter Front neue Importzölle eingeführt und insbesondere Länder mit Handelsüberschüssen gegenüber den USA zusätzlich belastet wurden. Gerade die Europäische Union gerate dadurch verstärkt in den Fokus, da sie seit Jahren stabile Überschüsse im Warenhandel mit den Vereinigten Staaten verzeichnet.

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Dr. Slopek zeigte zugleich, dass sich die Folgen der Zölle differenziert betrachten lassen. Zwar habe es spürbare Vorzieheffekte gegeben, ein massiver Einbruch des Handels sei bislang jedoch ausgeblieben. Auch die Weitergabe der Zollbelastung über höhere Verbraucherpreise in den USA beginne erst allmählich. Gegenwärtig verblieben die Belastungen noch zu einem großen Teil bei den Handelspartnern, da sich Preisanpassungen im US-Markt nicht vollständig durchsetzen ließen. Hinzu komme, dass die tatsächlich beobachteten Zölle zum Teil unter den zuvor angekündigten Sätzen lägen und viele Handelspartner bislang auf eine harte Eskalation mit umfassenden Gegenmaßnahmen verzichtet hätten.

Ein weiterer zentraler Punkt des Vortrags war die bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit der Weltmärkte. Ein erheblicher Teil des globalen Handels sei von den US-Zöllen unmittelbar gar nicht betroffen, wodurch die Gesamtbelastung bislang verkraftbar bleibe, auch wenn ihre Bedeutung spürbar zunehme. So verlagerten sich etwa chinesische Exportströme verstärkt in andere Absatzmärkte, während eine großflächige Umlenkung nach Europa bislang überschaubar erscheine. Für Deutschland bleibe die Lage dennoch herausfordernd: Zölle, ein schwieriges Wettbewerbsumfeld und die angespannte weltwirtschaftliche Lage belasteten den Export zusätzlich. Neue Freihandelsabkommen der Europäischen Union könnten Einbußen auf dem US-Markt nur begrenzt ausgleichen, seien strategisch jedoch von großer Bedeutung.

In der Diskussion wurde deutlich, dass die handelspolitische Kehrtwende der USA weit über kurzfristige Konjunktureffekte hinausweist. Sie verändert die Spielregeln der internationalen Wirtschaft und stellt Unternehmen wie Politik vor die Aufgabe, sich auf eine neue Realität einzustellen. Die zugespitzte Botschaft des Abends lautete, dass die alte regelbasierte Ordnung der Weltmärkte Vergangenheit sei und eine neue Ordnung entstanden sei, deren Regeln noch nicht vollständig erkennbar seien. Einigkeit bestand darin, dass Handelskonflikte am Ende keine Gewinner kennen, auch nicht die Vereinigten Staaten selbst. Umso wichtiger wird es für Deutschland und Europa, auf die neuen Barrieren mit wirtschaftlicher Resilienz, strategischer Offenheit und einer klugen handelspolitischen Positionierung zu reagieren.

Zum Ausklang der Veranstaltung bot sich den Gästen bei einem Empfang die Gelegenheit, die angesprochenen Entwicklungen weiter zu vertiefen. Unser besonderer Dank gilt der Deutschen Bundesbank für ihre Gastfreundschaft und den anregenden Rahmen für einen Abend, der eindrucksvoll vor Augen führte, wie sehr die internationale Handelsordnung derzeit in Bewegung geraten ist.