Zwischen globalen Abhängigkeiten und Kostendruck: Souveränität bei der Lebensmittelversorgung
Wie krisenfest ist die Lebensmittelversorgung in Deutschland? Und welche Voraussetzungen braucht es, damit Landwirtschaft, Ernährungsindustrie und Handel auch in Krisenzeiten handlungsfähig bleiben? Mit diesen Fragen beschäftigte sich das Panel „Agrar- und Ernährungswirtschaft“ auf dem 10. Norddeutschen Wirtschaftstag am 15. September 2026 in Lübeck. Die norddeutschen Landesverbände hatten zu der Veranstaltung eingeladen, die in diesem Jahr vom Landesverband Schleswig-Holstein ausgerichtet wurde.
Auf dem hochkarätig besetzten Podium diskutierten Frauke Patzke, Staatssekretärin im Niedersächsischen Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Rolf Lange, Geschäftsbereichsleiter Unternehmenskommunikation/Public Affairs der EDEKA ZENTRALE Stiftung & Co. KG, Kim Cheng, Geschäftsführerin der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie e. V., sowie Henning Rodekohr, Geschäftsführender Gesellschafter der VILSA-BRUNNEN Otto Rodekohr GmbH.
Den Auftakt machte Staatssekretärin Patzke mit einem Kurzimpuls. Sie beschrieb eine spürbare Zeitenwende: Eine sichere Lebensmittelversorgung sei über lange Zeit als selbstverständlich wahrgenommen worden. Die vergangenen Jahre hätten jedoch gezeigt, wie stark Deutschland von internationalen Entwicklungen und globalen Lieferketten abhängig sei.
Vorsorge müsse deshalb getroffen werden, bevor eine Krise eintrete, so Patzke. Sie verglich dies mit Dämmen, die ebenfalls errichtet würden, bevor eine Flut komme. Deutschland müsse auch unter schwierigen Bedingungen handlungsfähig bleiben. Eine Unterscheidung zwischen Souveränität und Autarkie sei notwendig, denn das Ziel könne nicht, eine vollständige Abschottung sein.
Globalisierung bedeute Vernetzung. Vernetzung bringe stets Vor- und Nachteile mit sich, wie zum Beispiel potenzielle Schwachstellen entlang der Wertschöpfungsketten mit sich. Aufgabe des Staates sei es daher, verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen die einzelnen Glieder der Wertschöpfungskette auch in Krisenzeiten funktionieren können.
Souveränität bei der Lebensmittelversorgung bedeute Versorgungssicherheit in Krisen. Der Schlüssel dazu sei Resilienz – also die Fähigkeit, auf Störungen zu reagieren und den Betrieb aufrechtzuerhalten.
Gleichzeitig könne nicht jede Krise allein durch den Staat aufgefangen werden. Auch Unternehmen und Gesellschaft seien gefordert, Eigenvorsorge zu betreiben. Bereits vor dem Ernstfall müsse klar sein, welche Maßnahmen zu ergreifen seien. Notfallpläne müssten nicht nur vorhanden, sondern auch regelmäßig erprobt werden.
In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass die Privatwirtschaft bereits eigene Krisenpläne entwickelt habe. Die Herausforderung bestehe jedoch nicht in einer einzigen kritischen Abhängigkeit. Krisen entstünden heute zunehmend multifaktoriell und beträfen häufig mehrere Bereiche gleichzeitig.
Als Beispiel für eine häufig unterschätzte Abhängigkeit wurde die Wasserversorgung genannt. Zwar würden bestimmte Lebensmittel für Krisensituationen bereits gelagert werden – für deren Zubereitung und Verarbeitung sei jedoch ebenfalls Wasser erforderlich.
Die bestehende hybride Bedrohungslage zeige deutlich, dass Versorgungssicherheit nicht isoliert betrachtet werden könne. Energie, Wasser, Logistik, Infrastruktur und funktionierende Lieferketten seien eng miteinander verbunden. Verschiedene Abhängigkeiten würden eine Krise verstärken und eine Kaskade von Störungen auslösen.
Neben Staat und Wirtschaft wurde auch die Bevölkerung als Teil der Krisenvorsorge angesprochen. Entscheidend sei eine offene und verständliche Kommunikation darüber, welche Verantwortung jeder Einzelne übernehmen könne.
Der Einzelhandel versuche bereits, die Öffentlichkeit stärker für das Thema zu sensibilisieren – beispielsweise durch Angebote wie Notfallrucksäcke. Ziel müsse es sein, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass in einer Krise nicht alle Herausforderungen unmittelbar durch staatliche Maßnahmen gelöst werden können.
Ein zentraler Punkt der Diskussion war die Frage nach der Verantwortung von Staat und Wirtschaft. Wo endet die Eigenverantwortung der Unternehmen? Und ab wann muss der Staat eingreifen?
So würde auch über Bürokratieabbau gesprochen und es wurde erneut deutlich, dass Veränderungen bei den Unternehmen ankommen und ihnen verlässliche Handlungsspielräume eröffnen müssen.
Hinzu komme die Unsicherheit über die langfristigen Rahmenbedingungen. Unternehmen müssten heute Investitionsentscheidungen treffen, ohne zu wissen, wie die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen in zehn oder 20 Jahren aussehen werden. Gleichzeitig sei die Aufrechterhaltung des normalen Geschäftsbetriebs mit erheblichen Kosten verbunden. Zusätzliche Investitionen in Lagerhaltung, Notfallstrukturen oder alternative Lieferwege seien deshalb nicht für jedes Unternehmen ohne Weiteres finanzierbar.
Damit rückte ein grundsätzlicher Aspekt in den Mittelpunkt: Resilienz koste Geld. Damit stellte sich letztlich eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Abwägung: Wie viel sind Versorgungssicherheit und Vorsorge wert? Und wer ist bereit, die dafür notwendigen Kosten zu tragen?
Am Ende blieb eine zentrale Erkenntnis des Panels: Eine resiliente Lebensmittelversorgung lässt sich nicht allein durch staatliche Vorgaben oder unternehmerische Einzelmaßnahmen sicherstellen. Sie braucht funktionierende Wertschöpfungsketten, verlässliche Rahmenbedingungen, Vorsorge und ein gemeinsames Verständnis dafür, dass Sicherheit ihren Preis habe.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, wie viel Vorsorge möglich ist, sondern auch, wie viel Versorgungssicherheit Gesellschaft, Politik und Wirtschaft bereit sind zu finanzieren.
Der Landesverband Niedersachsen des Wirtschaftsrates bedankt sich herzlich bei den Panelisten und dem Publikum für den offenen Austausch sowie bei Anja Zerbin für die Moderation.