Bericht
09.09.2026
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Podiumsdiskussion des Wirtschaftsrates in Dernbach mit Jennifer Groß, Staatssekretärin im Bildungsministerium

Podiumsdiskussion des Wirtschaftsrates in Dernbach beleuchtet Herausforderungen durch KI, Fachkräftemangel und den Wandel der Arbeitswelt
©Wirtschaftsrat

Wie muss sich das Bildungssystem verändern, damit junge Menschen auf eine zunehmend digitalisierte Arbeitswelt vorbereitet sind und Unternehmen auch

künftig ausreichend Fachkräfte finden? Diese Frage stand im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion des Wirtschaftsrats der CDU e.V. am Raiffeisen Campus in Dernbach.

Frank Hüther, Geschäftsführer bei Abacus alpha und Stv. Landesvorsitzender des Wirtschaftsrats, begrüßte die Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Schule. KI und Digitalisierung, Leistungsanforderungen, Berufsorientierung, moderne Schulkonzepte und die Bedeutung einer engeren Zusammenarbeit zwischen Schulen und Unternehmen, kamen in einem angeregten Gespräch und in der späteren Diskussion zur Sprache. Jennifer Groß, Staatssekretärin im Bildungsministerium, Johannes Behner MdL, Mitglied im Bildungsausschuss und Bernhard Meffert, Schulleiter Raiffeisen-Campus e.G. sprachen mit Kerstin Dorn, Geschäftsführerin der Werit Kunststoffwerke und Moderatorin der Runde.

 Ein zentraler Punkt der Diskussion war der rasante technologische Wandel. Künstliche Intelligenz, Robotik und 3D-Druck verändern bereits heute Arbeitsprozesse und berufliche Anforderungen. Dabei wurde deutlich: Schule kann sich nicht darauf beschränken, Wissen zu vermitteln. Gefragt sind zunehmend Kompetenzen, Eigenverantwortung, Problemlösungsfähigkeit, Neugier und die Fähigkeit, im Team Verantwortung zu übernehmen.

„Information ist keine Kompetenz“, lautete eine zentrale These aus der Diskussion. KI solle dabei nicht als Bedrohung verstanden werden, sondern als Technologie, deren Chancen und Risiken aktiv gestaltet werden müssen. Gleichzeitig wurde vor einer unkritischen Nutzung von KI gewarnt. Junge Menschen müssten weiterhin in der Lage sein, Informationen einzuordnen, Falschinformationen zu erkennen und eigenständig zu denken.

Mehr Praxis und frühere Berufsorientierung 

Besonders intensiv diskutierten die Teilnehmer über die wachsende Lücke zwischen den Erwartungen der Unternehmen und den Erfahrungen bei der Suche nach Auszubildenden. Unternehmen erhalten heute vielfach deutlich weniger Bewerbungen als noch vor einigen Jahren. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Ausbildungsinteressierte – sowohl bei den fachlichen Grundlagen als auch bei Verlässlichkeit, Leistungsbereitschaft und Eigenverantwortung. 

Als wichtiger Lösungsansatz wurden frühzeitige und verbindliche Praktika genannt. Jugendliche sollten möglichst früh unterschiedliche Berufsfelder kennenlernen und Erfahrungen in Dienstleistung, Sozialbereich, Handwerk und gewerblich-technischen Berufen sammeln. Praktika könnten dabei nicht nur bei der Berufsentscheidung helfen, sondern auch Fehlentscheidungen frühzeitig sichtbar machen. 

Dafür brauche es eine stärkere Zusammenarbeit von Schulen, Unternehmen, Kammern und Verbänden. Zugleich müsse sich die Haltung gegenüber dualer Ausbildung verändern: Berufliche und nicht-akademische Karrierewege müssten gesellschaftlich stärker wertgeschätzt werden. 

Schule muss sich stärker an der Lebens- und Arbeitswelt orientieren

Diskussionsbedarf besteht nach Ansicht der Teilnehmer auch bei Lehrplänen und Schulkonzepten. Die Frage, ob Unterrichtsinhalte noch ausreichend auf die Lebensrealität junger Menschen und die Anforderungen der Zukunft vorbereiten, wurde ebenso aufgeworfen wie die Frage nach einer zeitgemäßen Prüfungskultur. 

Der Raiffeisen-Campus stellte mit seinem Konzept des selbstverantwortlichen Lernens einen möglichen Ansatz vor. Schülerinnen und Schüler sollen stärker lernen, ihren Lernprozess selbst zu steuern und Verantwortung für den eigenen Erfolg zu übernehmen. Leistung und Freiheit müssten dabei keine Gegensätze sein. 

Auch externe Experten aus der Wirtschaft könnten nach Einschätzung der Teilnehmer stärker in den Unterricht eingebunden werden. Die bestehenden Möglichkeiten würden bislang noch nicht ausreichend genutzt.

Leistungsbereitschaft und Wertschätzung gehören zusammen

Ein weiterer Schwerpunkt war die Frage nach Leistung und Motivation. In der Diskussion wurde eine höhere Verbindlichkeit bei Leistungsanforderungen befürwortet. Gleichzeitig wurde betont, dass junge Menschen nicht ausschließlich über materielle Anreize erreicht werden. Sinnhaftigkeit, Respekt, Teamgeist und ein gutes Arbeitsumfeld spielten eine zentrale Rolle.

Damit verbunden war die Forderung, die gesellschaftliche Wertschätzung unterschiedlicher Bildungs- und Berufswege zu erhöhen. Nicht jeder erfolgreiche Bildungsweg müsse über das Abitur und ein Studium führen. Auch berufliche Ausbildung, Handwerk und andere nicht-akademische Karrierewege seien für Wirtschaft und Gesellschaft unverzichtbar.

Besondere Herausforderung: Jugendliche im Berufsvorbereitungsjahr

Als besonders dringlich wurde die Situation von Jugendlichen im Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) beschrieben. Teilweise fehlten grundlegende schulische und alltagspraktische Fähigkeiten. Die Teilnehmer waren sich einig, dass die Gesellschaft diese jungen Menschen nicht verlieren dürfe.

Notwendig seien deshalb intensive Unterstützung, eine stärkere sozialpädagogische Begleitung und die Vermittlung grundlegender Fähigkeiten und Haltungen. Gerade hier müsse Schule gemeinsam mit Wirtschaft und sozialen Akteuren neue Wege finden. 

Erfolgreiche Kooperationen zeigen den Weg 

Dass Zusammenarbeit zwischen Schulen und Unternehmen funktionieren kann, zeigten mehrere Praxisbeispiele. Vorgestellt wurden unter anderem gemeinsame Projekte von Schülerinnen und Schülern mit Unternehmen, etwa bei der Gestaltung eines Schaufensters oder bei der Entwicklung einer Azubi-Werbekampagne. Auch das Konzept „Bus-Hopping“, bei dem Schüler Betriebe besuchen, wurde als Beispiel für praxisnahe Berufsorientierung genannt.

Solche Projekte können nach Ansicht der Teilnehmer nicht nur Einblicke in die Arbeitswelt vermitteln, sondern auch die Identifikation junger Menschen mit ihrer Region stärken.

Zum Abschluss bot der Wirtschaftsrat an, bildungspolitische Anliegen aus der Praxis als Sprachrohr gegenüber Landesregierung und Bildungsministerium aufzunehmen. „Nutzen Sie uns bitte als Kanal“, lautete der Appell an die Teilnehmer. 

Die Diskussion machte deutlich: Die Herausforderungen sind groß – von KI und Digitalisierung über den Fachkräftemangel, bis hin zu grundlegenden Fragen von Bildung, Leistung und Berufsorientierung. Lösungen können jedoch dort entstehen, wo Schulen, Unternehmen, Politik und Gesellschaft enger zusammenarbeiten und bereit sind, neue Wege auszuprobieren.